Theragāthā und Therīgāthā

Die Lieder der Mönche und Nonnen

Aus dem Pāli übersetzt von Ekkehard Saß

 

Konstanz 2000

 

Universität Konstanz

Fachbereich Geschichte und Soziologie

Forschungsprojekt „Buddhistischer Modernismus“

Forschungsbericht 17

Herausgeber: Prof. i.R. Dr. D. Kantowsky

Fach D 38, D 78457 Konstanz

E-Mail: Detlef.Kantowsky@uni-konstanz.de

 

Als elektronische Publikation erschienen im Konstanzer Online-Publikations-System (KOPS) - http://www.ub.uni-konstanz.de/kops/volltexte/2000/571

Eine Auswahl von rund fünfhundert Versen der Nonnen und Mönche mit ausführlichen Kommentaren und Erläuterungen zum Text erscheint im Frühjahr 2001 in der „Schriftenreihe“ der Deutschen Buddhistischen Union. Bestellungen über den Buchhandel oder direkt bei: Deutsche Buddhistische Union, Amalienstrasse 71, D 80799 München. Telefon: 089/280104, Fax: 281053, email: dbu@dharma.de

[Auf stillem Pfad - Lieder von Mönchen und Nonnen des Buddho, Eine Auswahl aus den Theragāthā und Therīgāthā des Pālikanon; 220 Seiten DIN A5; ISBN 3-9804620-3-X; 19,00 €]

 

Copyright: Ekkehard Saß, 2000

Herstellung: Universität Konstanz

Fachbereich Soziologie und Geschichte Forschungsprojekt „Buddhistischer Modernismus“

 

[Die Zweitveröffentlichung auf dieser Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Herausgebers. Neu eingefügt wurde die Rezension von E. Thriemer.]

 

Inhaltsverzeichnis [Seitenzahlen im Original]

Vorwort                                       5

Einleitung 7

Theragāthā 23

Therīgāthā 203

 

REZENSION VON EDGARTHRIEMER

      Mehr als hundert Jahre nach demdichterisch einfühlsamen Wurf von Karl Eugen Neumann erscheint eine zweitedeutsche Übersetzung aus dem Pāli, die versucht eine möglichst genaueEntsprechung des Originals in Wort und Satzbau zu vermitteln.

Neben den Reden des GotamaBuddhas, die seine erhabene Lehre in unerschöpflicher Weise ausbreitet, bewahrtder Pāli-Kanon auch eine Sammlung von Dichtungen der ersten Jünger undJüngerinnen des Meisters, Thera- und Therīgāthā, die man als das Buch von derNachfolge Buddhas bezeichnen darf. Im Leben und in den Taten haben die Lehrenhier Ausdruck gefunden.

Wir haben  263 namentlich genannte Mönche vor uns mitihren  1279 Gāthās und  72 Nonnen mit ihren  520 Versen. Im vorliegenden Buch finden wireine Auswahl von ca.  500 Versen derNonnen und Mönche. Die Schönheit und Klarheit vieler Gedanken und Gleichnissekann uns heute noch stark berühren. Klaus Mylius schreibt darum mit Recht inseiner zusammenfassenden Darstellung der frühbuddhistischen Literatur: „Indiesen beiden Sammlungen (Theragāthā und Therīgāthā) hat die religiöse Lyrikihre höchste Entfaltung im Rahmen des Pāli-Kanons erlangt“.

Welche Themen behandeln nun dieVerse?

Es ist die „Lehre der Alten“, dasLob der Einsamkeit, die innere Schulung und Vertiefung, die absoluteGenügsamkeit, den Gleichmut, das innere Wohl des Ungebundenseins, dasaufmerksame Betrachten der Vergänglichkeit. Die hohe Qualität derNaturbeschreibungen wird den Leser begeistern. Die Probleme des Mönchslebenskommen zur Sprache, der Kampf mit den Triebkräften, extreme asketischeSelbstquälereien, die vom Buddha als nicht hilfreich selbst erfahren undabgelehnt wurden. Das Aufbrechen des Kastenwesens durch den Buddha wirdvermittelt, der Wert des „guten Freundes“.

Über die „erstaunlichenNonnenlieder“ zitiert Ekkehard Sass aus einem Brief von Detlef Kantowsky: „DieTherīgāthā scheinen mir viel authentischer zu sein als die Lieder der Mönche.Es sind Geschichten zu ganz konkreten Heilungskarrieren“. Es sind echteBekenntnisse, Schicksale treten hervor in einer besonderen Offenheit, wie derVerlust von Kindern oder des geliebten Mannes, das Elend des Leibes und desAlters, persönliche Tragödien. Ein starkes weibliches Selbstbewusstsein tauchtauf und damit ein Modell für den Befreiungskampf der Frau.

Beide Sammlungen sind Berichte vonErfahrungen und vermitteln daher eine große Lebendigkeit und Realität, weshalbsie auch heute noch aktuell und hilfreich sein können. Für professionelleBuddhologen galten die Lieder schon immer als eine Fundgrube für dieForschungen zu den sozialen Verhältnissen in Indien zur Zeit Buddhas.Neuerdings besteht ein aktuelles Interesse der „feminist movement“ an denTexten. Die Verse sind aber vor allem sehr bewegende Zeugnisse über spirituelleErfahrungen auf dem Weg der Befreiung, über Zweifel und Kämpfe, über Einsicht,Glück und Frieden.

Im Vorwort des Herausgebers derKarl Eugen Neumann’schen Übersetzung von 1923 ist zu lesen: „Sollten nun diese Lieder, die lebendigen Zeugeneiner großen Vergangenheit, diese Herzensergüsse der ersten Buddhisten, heutenur mehr Literatur, als schöne Dichtungen genossen werden oder sollte es jetztnicht wieder manche geben, denen das Meisterwort Anlass zur Besinnung und zurernsten Arbeit an sich selber wird?“

Ekkehard Sass gibt in sehreindringlicher Weise Antwort auf diese Frage. In seiner umfassenden Einleitunglässt er uns spüren, wie diese Übertragung für ihn ein Stück Lebensgeschichtewurde, wie die Sogwirkung dieser Texte für ihn zum Weg wurde, wie der täglicheliebevolle Umgang mit der Pālisprache zur Meditation wurde, wie er versuchtedie sprachliche Genauigkeit zu ergründen und in der rhythmischen Sprache zu bleiben.Wie er aber auch nach jahrelangen Übungen an Grenzen stieß, die zu kritischenÜberlegungen führten. An der „Härte der Realität“ bricht so manches hohe Idealfast komisch zusammen und der ganze „Nimbus der Erhabenheit“ löst sich wieNebel in der Sonne auf.

Auch Ekkehard Sass reklamiert fürsich wie einst Karl Eugen Neumann „liebevolle Behandlung, Aufmerksamkeit undFleiss bei jedem Vers.“ Er ließ sich immerhin sechs Jahre Zeit für diesorgfältige Übertragung .Befasste sich täglich nur mit einem Vers. Karl EugenNeumann ging wie ein Komponist mit den Versen um, suchte eine „deutscheKomposition“. Ekkehard Sass versucht eine möglichst „originalnaheAnschmiegung“. Das Pāli sollte durchklingen. Textvergleiche mit den Versen vonKarl Eugen Neumann machen den Unterschied deutlich. Ekkehard Sass bemerkt, dassalles christlich belastete Sprachgut in seiner Übertragung nichts zu suchenhat. Ein Wort wie „Sünde“ etwa gibt es im Pāli gar nicht. Seine Aufforderungsich mit dem Pālideutsch allmählich zu befreunden, fällt leicht. Dass hier einesprachlich zeitgemäße und korrekte Übertragung vorliegt, ist offensichtlich. ObKarl Eugen Neumann auch heute noch als unantastbar gilt, weil er „so genialwar, dass er nicht mehr zu übertreffen ist“, muss nach  100 Jahren zu Recht in Frage gestellt werden.

Hier liegt nun eine großartigeÜbersetzung vor, von jemandem der weiß, worum es geht. Möge diese Übertragungder Lieder durch Ekkehard Sass vielen Menschen auf ihrem „Stillen Pfad“hilfreich sein. Ein Glossar mit ausführlichen Erklärungen buddhistischerKernbegriffe aus moderner Sicht und Anmerkungen zu den Versen werden geradeNeulingen auf dem Buddhaweg großen Nutzen bringen.

 Edgar Thriemer.

 (28.Feb.2003)

 

VORWORT

Die Thera- und Therī-Gāthā, die „Lieder“besonders befähigter Mönche und Nonnen, gehören als achtes bzw. neuntes Stückdes Khuddakanikāya zum klassischen Pāli-Kanon. Sie wurden von H. Oldenberg undR. Pischel für die Pali Text Society ediert (London 1883) und liegen in der neubearbeiteten 2. Auflage von K.R. Norman und L. Alsdorf seit 1966/71 vor.

Als „Lieder der Mönche und Nonnen“ wurden sieerstmals von K.E. Neumann in eine westliche Sprache übersetzt (1899, 2. Auflage1923). Dieser Übertragung ins Deutsche folgte 1910/13 eine englischeÜbersetzung von C.A.P. Rhys Davids (2. Auflage 1937).

Mehr als hundert Jahre nach dem grossen,dichterisch-einfühlsamen Wurf von Karl Eugen Neumann erscheint also jetzt imMedium moderner Datenerfassung und -verbreitung eine zweite deutscheÜbersetzung aus dem Pali, die versucht, eine möglichst genaue Entsprechung desOriginals in Wort und Satzbau zu vermitteln.

Zur besonderen Bedeutung derTexte für das Verständnis der ursprünglichen Lehre des Buddha hier dieEinschätzung von Klaus Mylius in seiner „Geschichte der altindischen Literatur“(Berlin 1988):

Über beiden Sammlungen könnte der Leitsatzstehen:

„Frei von Wünschen leben wir ohne Hoffnung undFurcht!“ Diese Tendenz haben natürlich Theragāthā und Therīgāthā mit anderenbuddhistischen Texten gemeinsam. Was diese beiden Sammlungen dagegenunverkennbar heraushebt, sind die Berichte über die persönlichen Erfahrungen,die hier vorgelegt werden. Die Texte erhalten dadurch zum grossen Teil die Notedes Lebendigen und in gewissem Sinne Realen. Dadurch und durch diestreckenweise sehr schöne Lyrik haben beide Sammlungen für den Buddhologengrossen Wert. (S. 311)

Was die „Lieder“ aberdarüberhinaus so aufschlußreich macht, sind die ganz unterschiedlichen Inhalteund der jeweils besondere Darstellungsstil der Mönche bzw. Nonnen. Dazu noch einmalKlaus Mylius:

Die Therīgāthā möchte man,insgesamt gesehen, doch noch höher bewerten. Es ist zunächst klarzustellen, daßhier tatsächlich Frauen als Autoren gewirkt haben - ein Faktum, das früher inAnbetracht der Abneigung des Buddhas gegenüber Frauen und weiblichenAktivitäten bezweifelt worden ist. Freilich ist nicht sicher, ob wirklich alleTherīgāthā von Frauen herrühren, doch sollte diese offene Frage das Gesamtbildnicht beeinträchtigen. Zwischen Theragāthā und Therīgāthā bestehen sowohl inhaltlichals auch in der Ausführung bestimmte Unterschiede. Die Naturbeschreibungentreten in den Therīgāthā zurück, dafür berühren die Erzählungen der Nonnen instärkerem Maße das reale Leben. Oft sind es - und das sicherlich in Wahrheit -persönliche Tragödien, die eine Frau dazu bestimmt haben, das Familienlebenaufzugeben und eine Anhängerin des Erhabenen zu werden. Als häufigste Ursachewird der Verlust eines geliebten Kindes genannt, nach welchem die ihresLieblings beraubte Mutter Trostund Zuflucht zu FüßendesBuddha gesucht hat. Voll greller Kontraste sind die Berichte ehemaligerProstituierter über ihre frühere Lebensführung und den Seelenfrieden, den sienunmehr als Nonnen geniessen. ....

Neben diesen Motiven offenbaren sich jedoch gelegentlich auch andere,die gewiß nicht weniger real gewesen sind. In Nr. 11 gibt nämlich eine Nonneunverhohlen ihrer Freude darüber Ausdruck, daß sie durch ihre Mitgliedschaft imBuddha-Orden sowohl vom mühseligen Reisdreschen als auch von ihrem ungeliebtenEhemann befreit worden ist. Das war gewiss kein Einzelfall, und es gibtallerlei Hinweise der zeitgenössischen Quellen, daß der Sangha nichtausschließlich aus edlen Motiven aufgesucht wurde. Es versteht sich also, daßdie Therīgāthā eine ausserordentlich wertvolle Fundgrube für Forschungen überdie soziale Stellung der Frau im alten Indien darstellen. (S. 312/13)

Bei dieser buddhologischenEinschätzung der „Lieder“ als sozialhistorischer Fundgrube zur sozialenStellung der Frauen im alten Indien ist es nicht geblieben. Im Zuge derEmanzipation spirituell motivierter Frauen von männlich geprägten Lehr- undLebensformen beobachten wir heute eine engagierte Auseinandersetzung mit diesenkanonischen Texten. Kathryn R. Blackstone hat im einleitenden Kapitel ihresBuches über „Women in the Footsteps of the Buddha“ (Curzon Press, 1998) diejüngste Diskussion referiert und fasst den besonderen Stellenwert gerade der „Therīgāthā“für die Frauen-Bewegung so zusammen (S. 11):

The Therīgāthā bears witnessto the claim of feminist scholars that women have a history of independentthought and action. Though the text is far from a feminist rebellion againstsex discrimination, it does relate the experiences and perceptions of a groupof female renunciants who engaged in an alternate lifestyle that liberated’them to some extent from the gender expectations of their social world. In thisway, the Therīgāthā provides us all, Buddhists and feminists alike, with amodel of women’s persistent and effective struggle for liberation.

Noch wichtiger aber mag fürLeserinnen und Leser der folgenden Neuübersetzung das Ergebnis derdetaillierten Textvergleiche der Mönchs- und Nonnen-Lieder und derThemenauszählungen sein.Kathryn Blackstone fasstdazu wie folgt zusammen:

The personalization of the Therīgāthā and the abstraction of the Theragāthāindicate that the authors understand central features of Buddhist doctrinedifferently. The therīs contemplate the doctrine of impermanence by reflectingupon their own life histories, their own experiences of relationshipstransforming, and their own bodies aging. They see the delusory perception ofpermanence and stability as it has been experienced in their own lives. Theyovercome the delusion by reflecting upon their own experiences. The theras alsoknow the delusion of permanence to be the main obstacle to their quest forliberation, but they contemplate the impermanence of others. They do notreflectan their own experience, but ratherconcentrate an the environment around them, abstracting impermanence fromthemselves.

Thus we see that althoughboth must overcome a false perception, their methods of doing so differ. Thetherīs internalize the obstacles and must combat them in their own psyches. Thetheras externalize the obstacles and conquer them by isolating themselves awayfrom them.(S. 110/11).

PersönlicheAuseinandersetzung mit dem eigenen Erleben und der selbst erfahrenenWirklichkeit auf der einen, abstrakte Generalisierungen von Lehrmeinungen unddie Projektion eigener Betroffenheiten auf die Aussenwelt auf der anderen Seite- gerade deswegen bin ich froh, daß ich Ekkehard Saß nicht lange bitten musste,auch die so ungleich anschaulicheren Schilderungen der Nonnen neu zuübersetzen: Möge seine Arbeit vielen Menschen hilfreich sein!

Bodman, im Herbst 2000                                                                                 DetlefKantowsky

 

 

EINLEITUNG

Über zwanzig Jahre ist esher, seit ich zum erstenmal diesen „Liedern“ begegnet bin, die den frühenMönchen und Nonnen des Buddho zugeschrieben werden. Im Zuge meiner „Gier“ nachallem, was mit Buddhismus zu tun hatte, waren es vor allem die drei großenBände der Übertragungen aus dem Pāli-Kanon von Karl Eugen Neumann, die michnach der Umschau in allen buddhistischen Schulen in ihren Bann zogen. Es warschon fast beängstigend, wie ich der Sogwirkung dieser Texte erlag, wie siemich sozusagen mit Haut und Haar verschlingen wollten, wie sie mich dazubrachten, eigene Schritte auf einem Weg zu tun, der mich mit jedem Schrittleidfreier zu machen versprach.

Der dritte Neumann-Band mit den vierwichtigsten Verssammlungen aus dem „gemischten“ Korb des Pāli-Kanons schiennoch einmal die „Lehre der Alten“ in verdichteter Form zu enthalten und sie aussehr unterschiedlichen Blickwinkeln zu vermitteln. Die erdrückende Fülle mitihren beschwörenden Wiederholungen störte mich damals nicht. Ich las und lasund staunte und staunte und fragte und fragte, - und fand immer wieder einzelneprägnant formulierte Gedanken, denen ich begeistert zustimmen, die ich längerbetrachten konnte.

Etwas seltsam Endgültigesging von diesen Texten aus. Es konnte einem zuweilen angst und bange werden vorso viel Entsagung und Weltflucht, die einzig zum höchsten Glück führen sollten.Doch ließ ich mir meine lebenslange Zustimmung zu einem Friedensweg nicht durchasketische Übertreibungen verderben. Überhaupt verlief meine ganze Annäherungan die „Lehre des Buddho“ ganz fern von allen traditionellen Bindungen aufindividuellem, autodidaktischem Wege. Der abendländische Humanismus, nicht dasChristentum, blieb mein Nährboden. Aus der „Lehre des Buddho“ nahm ich mirimmer nur das heraus, was mir von Nutzen sein konnte, was mich noch glücklichermachen konnte, als ich vielleicht schon war. Niemals war Resignation meineTriebfeder.

Einer seltsamen „Lyrik“ begegnete ich da. Siebewegte sich von einem einfachen Vierzeiler allmählich zu immer höherenVers-Türmen - und dabei verkündeten sie doch allemal schon zum Ende gekommen zusein, zum endgültigen Frieden, zum Verlöschen aller Lebenstriebe. Nur wenigeNamen, die als „Verfasser“ genannt wurden, waren mir vertraut, wie die dergroßen Nachfolger aus den Sutten: Sāriputto, Anando, Moggallāno, Revato und wiesie alle heißen. Manche Verse waren mir aus der Lektüre schon bekannt, anderewiederholten sich auffallend oft unter verschiedenen Namen, als wären dabestimmte Texte wie in das Gehirn eingeprägt worden, quasi eingestempelt. Der „wacheMeister“ war immer gegenwärtig und um das Ausführen seiner Anweisungen ging es.Man vertraute ihm blind. Und man entwickelte einen durchaus praktischen Sinnfür die Übungen, die zu tun er empfahl. Daß auf diesem Weg alles anders verliefals üblich, das gerade gefiel mir. Die Armut an persönlichen Bekenntnissenvergaß ich über der sich wiederholenden Botschaft der Stille. Vor allem war esdas Lob der Einsamkeit und Zurückgezogenheit, das mich begeisterte, denn ichsuchte sie selbst, als ich auf die Fünfzig zuging und sie intensiv zuerforschen begann.

In kleinen Dosen zogich mir einzelne Zeilen aus den Sammlungen heraus, manchmal nur ein einzigesWort, und begann, es in mein Leben hineinzunehmen, ihm sozusagen Odemeinzublasen.

Die „Experimente“mit dem Dhammo, der „Lehre“, begannen. Sie sollten Einfluß auf mein Lebennehmen, es behutsam ein wenig weiter umformen, vor allem es friedvoller,gelassener, noch toleranter machen. Ich nahm die Ideale auf, die ich in meinerJugend schon als Ziele gesehen und verfolgt hatte, verlieh ihnen noch einegrößere Verbindlichkeit. Die „Überprüfung meiner Friedfertigkeit“ begann.

Was sich also vorzwanzig Jahren schon stark einprägte und einen gewissen Vorsatzcharaktererhielt, waren etwa einzelne Zeilen und Gedanken aus Neumanns Übertragungen der„Lieder“:

Herr Gotamo, der gänzlich durch die Dingesieht. –

Von Kummer spürt er keine Spur. –

Geborgen bin ich, einsam, ungesellt. –

Ein rechtes Wort, ich hab’s gehört. –

Den Tod bedenk ich ohne Angst. –

Allein im Walde leben einsam wir. –

Verweile gern, wo keiner weilt, wo allesjubelt, juble nicht. –

Wie leicht ist, wahrlich, doch mein Leib. –

Kein Dasein hat Beharrlichkeit. –

Der Erbe allereignenTat. –

Und stoß die Menge mächtig ab. –

Gedenken taugt uns einzig an Vergänglichkeit. –

Ich freue mich des Lebens nicht, ich freue mich des Sterbens nicht. –

O sieh, wie stark die Lehre wirkt. –

Geborgen bin ich, kenne keinen Haß. –

Den besten Lehrer fand ich da, den Lenker,der wie keiner lenkt. –

Auf mich allein sei mein Verlaß. –

Die freien Lüfte sind uns liebste Freunde. –

Das eigne Heil, man soll es sehn. –

Den Dingen forschen nach bis auf den Grund. –

Die reine Mitte hielt ich recht. –

Binaller Bruder, aller Freund. –

Mit sich in Frieden, selberfroh gefestigt. –

Wehrlos in dieserWaffenwelt. –

Die letzte Zeile machte ich sogar zum Titeleiner Rundfunksendung über Wehrdienstverweigerung.

Neumanns Sprache mit ihren zum Teilaltertümlichen, ungebräuchlich gewordenen und arg „gewitzigten“ Wendungen nahmich als historisch bedingt hin. Über manche „Ungereimtheiten“ sah ich hinweg.Die Prägnanz und Schönheit einzelner Sprüche machte alles wieder wett. Über dieNähe oder Ferne zum Original konnte ich damals nichts sagen, da ich des Pālinoch nicht mächtig war. Neumanns eigener Begeisterung über seine Nachdichtungenkonnte ich mich nicht entziehen. So schrieb er im Vorwort zu seinerDhammapada-Übertragung 1892:

„Vorliegende Umdichtung isteine getreues Abbild des Textes. Trotzdem, oder vielleichtweil sie die ursprünglichen Metra wiedergibt, schließt sie sich dem Original,meist bis auf den Wortlaut, vollständig an, fast einem Gipsabgusse nach einerAntike vergleichbar. Daß sie also in keiner Weise den Urtext ersetzen kann,versteht sich. Jedoch halte ich sie für die erste wirkliche Übersetzung: derKenner möge urteilen. Das große deutsche Volk aber, dem ich sie widme, mögekommen und sich daran erquicken.“

Erste Zweifel an Neumanns „Gipsabgüssen“kamen auf, als ich einige Jahre später, 1986, auf die Dhammapada-Übertragungvon Paul Dahlke stieß, die Helmut Klar 1969 auf eigene Kosten neu herausbrachteund die glasklaren Erläuterungen von Dahlke neu faßte. Aus dieser Übertragungvon 1919 spürte ich sofort eine besondere „Echtheit“. Dahlke scheute sichnicht, auch für uns ungewohnte Wortverbindungen zu benutzen und sogewissermaßen vom Pāli her die deutsche Sprache dynamisierend zu „behandeln“.Das Büchlein wurde für mich zum täglichen Begleiter.

Ein Freund vonHelmut Klar schenkte mir wenig später dessen mit Schreibmaschine geschriebene Pālifassungdes Dhammapadam, die zugleich Klars Neuordnung der Verse unter anderenÜberschriften enthielt. Das war meine erste Begegnung mit der Pālisprache, wennich von den unter Buddhisten viel gebrauchten „Fachwörtern“ absehe, die siegerne im Munde führen.

Als alter Sprachenliebhaber wurde ich nunneugierig auf dieses geheimnisvolle Pāli. Schon 1950 war ich kurz einmal aufHindustani gestoßen, fing sogar an, die Devanāgari-Schrift zu üben. Das war nunnicht nötig, da es die Pālitexte seit über hundert Jahren in europäischerUmschrift gab. Kurz entschlossen bestellte ich mir Warders Pāli-Einführung inenglischer Sprache und fing an, täglich Pāli zu lernen. Zum erstenmal konnteich nun die so oft gelesenen deutschen Sätze aus den Lehrreden des Pālischreiben, lesen und sprechen. Das berührte mich schon seltsam tief. Ichstaunte, wie leicht mir das Verständnis der Grammatik und Formen fiel. Meinlebenslanges Studium von Sprachen trug nun seine Früchte. Und wie verwandtwaren doch die deutsche und die alte indische Sprache (eine ja nur von sehrvielen und nicht die, welche Gotamo sprach).

Mit der Anschaffung des großen Pāli-Englisch-Lexikonsvon Rhys Davids und William Stede (Ersterscheinung 1921, sieben mal neugedruckt, zuletzt 1986) stand mir ab 1989 nichts mehr im Wege (ich festigte underweiterte gleich noch mein Englisch dabei).

Der tägliche, liebevolle Umgang mit der Pālisprachewurde ein ganz wesentlicher Teil meiner „Übung“, wurde zur „Meditation“, zumNachdenken mit bestimmten Folgen. Das ging so weit, daß ich schließlich schonbeim Aufschlagen des Lexikons ruhig und besonnen wurde und die Lehrinhalte fastkörperlich spürte. Bald flog die Mittlere Sammlung der Lehrreden aus Englandheran und nun konnte ich mich endlich an der Quelle laben und begann, täglich Pālizu lesen und erschloß mir mehr und mehr das Original.

Zum Beginn meines Ruhestandes mit 60 Jahren(1992), den ich auf meine Weise ernst nehmen wollte - zur Ruhe kommen, in derRuhe stehen bleiben -, wünschte ich mir weitere Schriften von der Pāli-Text-Gesellschaft:die Längere Sammlung der Lehrreden und die Verse der Mönche und Nonnen.

Meine Freude an dem immertieferen Eindringen in das Pāli wuchs mit jedem Tag. Das Erschließen derüberlieferten Lehrsätze und Betrachtungen blieb tägliche Übung. Die Merksätze,die ich mir in den vergangenen Jahren in deutscher Sprache aufgeschriebenhatte, konnte ich nun mit dem Original vergleichen und viel besser und tieferverstehen. Ich spürte bei den mir zugänglichen Übertragungen ins Deutscheleichte Abweichungen, Ungenauigkeiten und sogar gelegentlich „Irrtümer“ auf.Der Wunsch, mich immer mehr nur noch dem Original, der „Quelle“ anzuvertrauen,wurde stärker und stärker.

1992 begann ich dannals tägliche Übung, in einen Kalender jeweils einen kurzen oder längeren Textauf Pāli zu schreiben und darunter die genau entsprechende deutsche Fassung derWörter, wie sie mir das Lexikon verriet. Dabei fand ich besonders hilfreich dieetymologischen Hinweise auf die große indo-germanische Sprachfamilie. Ich stießauf eine überraschende und unerwartete Verwandtschaft. (Nāsā heißt z.B. dieNase und Nāmam der Name).

Zuerst erschloß ich mir aufdiese Weise Texte aus den Sutten, dann mehr und mehr aus den großenVerssammlungen, dem Dhammapadam und den Versen der Mönche und Nonnen. Wenn miretwas zu einer Zeile oder einem Gedanken oder Gleichnis einfiel, schrieb ichdarunter meine eigenen Überlegungen, versuchte, mir selbst klarzumachen, was wohljeweils gemeint sein könnte, was davon überhaupt übertragbar auf eine realeSituation in meinem Alltag war. So wurde der „tote Geist“, der auf einemPalmblatt und Papier objektiviert worden war, von einem lebenden Geist derGegenwart aufgegriffen und behandelt.

Karohi                                      dipam               attano.

Mache                                      Insel                 des Selbsts.

Wie sollte darübernicht auch heute nachgedacht werden können? An diesem Tag und auch immer wiederan neuen, anderen Tagen? Die Tagesereignisse in meinem Leben hielt ich inStichworten in dem Kalender fest und sah sie, wenn möglich, im Spiegel desjeweiligen Dhammatextes. Zuweilen erschloß ich mir für einen Tag auch nur eineinziges Pāliwort und begann, darüber nachzudenken oder etwas aufzuschreiben.Aniccam, nirodho, nibbānam, sankhāro, indriyam, visallo, santi waren etwasolche Wörter. Und das war für mich durchaus eine Art „Lehr-Ergründung“ als einwichtiges Hilfsmittel auf dem Wege, als ein „Erwachensglied“.

So erfuhr ich eine großeBereicherung meines Lebens durch die Beschäftigung mit der Pālisprache und denInhalten des urbuddhistischen Kanons. Ich konnte sehr vieles in mein täglichesLeben hineinnehmen und in der Meditation, dem stillen Sitzen auf meinemHolzklotz, fruchtbar machen.

Der Wunsch, eine eigene größere Übertragungaus dem Pāli ins Deutsche zu versuchen, wurde groß und so wählte ich 1993 danndas Dhammapadam, diese berühmte und vielübersetzte Spruchsammlung als erstesVersuchsobjekt. Die Verse hatten mich nun schon viele Jahre begleitet, und ichhatte das Manuskript von Helmut Klar zur Hand. Die Prägnanz, Kürze undSchlichtheit dieser Vierzeiler regte mein Dichtertalent besonders an.

Im Sinne der „Zeitlosigkeit“ der Lehre wollteich mir Zeit für diese Arbeit lassen und doch nicht säumen. So zwang ich mich,jeden Tag e i n e n Vers Wort für Wort zu erschließen (ich schrieb mir unterjedes Pāliwort das entsprechende deutsche Wort) und „entschlossen“ zuversuchen, die beste deutsche Version zu finden und sie dann auch so stehen zulassen ohne noch weiter groß zu zweifeln und zu grübeln. Dahlkes Übertragungdiente mir dabei als Kontrolle. Ich begann im Februar 1993 und übertrug denletzten Vers (423) am 10.3.1994. Ein ganzer Zettelkasten hatte sich mit Versengefüllt, die ich dann auch einmal in die Klarsche Abfolge brachte.

Ich war täglich überrascht,wie mühelos sich die deutsche Sprache an das Altindische anschmiegen ließ. Ichbrauchte nicht einmal in den Zeilen zu springen und konnte sogar oft dieReihenfolge der Wörter in einer Zeile beibehalten, was mir oft sehr sinnvollerschien. Also übertrug ich etwa statt des „normalen“ Satzes: „Des BuddhoBotschaft ist getan“ die Pālireihenfolge wörtlich: „Getan des Buddho Botschaftist.“ (Mit deutlicher Anfangsbetonung des Vollbrachten). Ich lobte dieunglaubliche Geschmeidigkeit der deutschen Sprache und mutete ihr das Äußerstezu. Das Metrum verlangte zwar dann doch gewisse „Opfer“, doch war immer mehrmöglich, als ich zunächst vermutete. Vom Leser allerdings wird nun einegehörige Portion Mitarbeit verlangt, eine gewisse Anstrengung oft, um hinterden Sinn des jeweiligen Verses zu kommen. Viele Verse müssen eigentlich längerbedacht werden, bis ein gewisses AHA erscheint. Das ist auch gut so, denn eshandelt sich ja hier im Grunde nicht um lyrische „Dichtkunst“, sondern umernste Empfehlungen zu einem glücklicheren, leidfreieren Leben. Das, was Hegel „dieAnstrengung des Begriffs“ nannte, also der geistige Prozeß, einen Begriff mitimmer neuem Leben zu erfüllen, ist hier in hohem Maße verlangt. Vor allem immerwieder bei den unübersetzt gebliebenen Begriffen, von denen wir nie wissenkönnen, ob sie überhaupt im Sinne der alten Inder zu erfassen sind. Es gilt,jede „Begriffsstutzigkeit“ zu überwinden, ein Wort völlig unbefangen und neuauf- und anzunehmen, es von innen her mit neuem Leben zu erfüllen, auch jeweilsaus der eigenen Lebenserfahrung heraus. Dazu ist das Pāli in hohem Gradeprädestiniert, ist es doch eine dynamische, kausative Sprache, mit der sichleicht festgehämmerte Denkbarrieren niederreißen lassen.

Daß meine Übertragung nun schon die 13. deutscheVersion geworden war, störte mich in keiner Weise. In englischer Sprache sollenweltweit 70 Übertragungen des Dhammapadam zu finden sein. Und fast gleichzeitigmit mir saß schon wieder ein Liebhaber dieser Verssammlung an einerProsaübertragung aus dem Englischen, ohne eigene Pālikenntnisse, - und fandsogar einen Verleger.

Weil mir alles so gut von der Hand gegangenwar, suchte ich nach einem neuen Objekt für meine Übertragungskünste. Mitmeinem Pāli-Original in der Hand hatte ich schon öfter in Neumanns Übertragungder Mönchs- und Nonnenverse hineingesehen, neugierig, wie „genau“ er eigentlichübertragen hatte. Und gleich ging das große Verwundern los über die Nähe undFerne zum Original, über den großen Sprachverlust, der oft eintrat. Ja, gelegentlichmeinte ich, reine Phantasie vor mir zu haben.

Besonders „schöne“ Verse versuchte ich schoneinmal in eine genauere Fassung zu bringen. Tauschte einzelne Wörter aus: das „Nichtirgendetwas“schien mir mehr auszusagen als das „Von Kummer frei“. „Befreit“ mehr als „heilig“.„Vertrauend“ mehr als „fromm“.

Ich sah mir die Bedeutungder Namen an, die über den Versen standen und erkannte, daß sie oft eine ArtÜberschrift oder Inhaltsangabe für die folgenden Verse waren. Also eigentlichschon Anstöße zu Übungen, die dem jeweiligen „Sprecher“ wichtig waren. Unterdiesem Blickwinkel verblaßte auch die Vorstellung, es bei den Namen in jedemFall mit einer „historischen“ Gestalt zu tun zu haben. Die Namen selbst konntenschon zu Anregungen für jeden Tag werden, enthielten eine Art Vorsatzprogramm:Lichthüter, Allfreund, Sorgenfrei, Glückgewinner, Brahmadeich, Ohnegleichen,Ruhmgewinner, Freudiger, Floß, Allwunsch, Glücksessenz, Tugendhafter,Mettagewinner.

Die „Überprüfungen“ bei Neumann verstärktenin mir immer mehr die Überzeugung, daß es nach nun bald 100 Jahren an der Zeitwäre, eine genauere und sprachlich modernere Fassung zu versuchen. Auch einigeFreunde äußerten das Bedürfnis nach einer „besseren“ Übertragung. Es tauchenbei Neumann ja Wörter auf, die längst außer Gebrauch gekommen sind. Wer weißnoch, daß Zagel für Schwanz steht, was glaues Glück ist, ein Höllengauch, eineungehießene Welt, daß Hindin für Hirschkuh und Ilph für Elephant steht, daßgewitzigt eigentlich weise meint, und was da einig weien könnte? Ganz abgesehenvon der christlichen Überfärbung, die in vielen Wörtern zu finden ist, wieSünde, Sündenknecht, fromm, abbüßen und ähnliche.

Mein Entschluß, eine neue Gesamtübertragungder Möchsverse zu wagen, festigte sich, als Alfred Weil einige meinerNeu-Übertragungen von Mönchs- und Nonnenversen in sein Buch „Wege zurTodlosigkeit“ aufnahm.

Ich zögerte nicht mehr lange und schrieb am25. August 1994 „ Thag 1“ in meinen Kalender - und fuhr, wie gehabt, geduldigTag für Tag und Jahr für Jahr fort, die gewaltige Textmasse zu erfassen und zuerschließen.

Die Schwierigkeitsgrade wechselten bei denMönchsversen stärker als in der Spruchsammlung des Dhammapadam. Doch ließ sichdas bewährte Prinzip gut fortsetzen. In einem großen Zettelkasten sammelte ichdie gefundene deutsche Version für jeden Vers ein. Rätselhaftes ließ ich ersteinmal offen. Viele bekannte Verse aus dem Dhammpadam fand ich wieder und,schwer zu deuten, Standardverse, die unter verschiedenen Namen mehrfachwiederkehrten. Zum Beispiel „Bin tief erfreut am Leben nicht, bin tief erfreutam Tode nicht.“ Bei 1279 Versen hatte ich Arbeit für mehrere Jahre vor mir. Ichwollte mir wieder bewußt Zeit lassen. Der Kalender war ein guter Ansporn zumDranbleiben. Wieder konfrontierte ich die Ereignisse meines Lebens mit denLehrinhalten der Verse.

Es ging mir vor allem um das Ergründen dersprachlichen Genauigkeit. Jedes einzelne Wort wurde im Lexikon nachgeschlagen,jede Verbform genau erfaßt. Gerade bei den Verbformen fand ich in denÜbertragungen die größten Ungenauigkeiten. Unschätzbaren Dienst bei dieser

Verbforschungsarbeit leistete mir die Pāligrammatikvon Achim Fahs, der eine Liste seltener Verbformen erstellte, wofür ihm größterDank gebührt. Nur ganz selten hatte er mal eine Verbform nicht aufgeführt.

Wieder waren mir die etymologischen Hinweisevon großer Hilfe bei der Suche nach einem passenden deutschen Wort.

Mit den alten Versmaßendieser „asketischen Poesie“ (Neumann) konnte ich mich nicht beschäftigen.Neumann sprach von der „herben Unbeugsamkeit und feinen Geschmeidigkeit“ dieserVerse. Da ist wohl etwas dran. Um in der rhythmischen Sprache zu bleiben,entschloß ich mich - wie Neumann -, weitgehend den schlichten Jambus zubenutzen. Nur ganz selten gab es einen Wechsel zum Trochäus (durchgehend nurbei der Nonne Ambapāli). An die Länge der Zeilen hielt ich mich, wenn nurirgend möglich, genau, doch mußte sie ab und zu wegen des Verständnisses umeine Silbe verlängert werden. Die vierfüßige Zeile herrscht in beiden Sprachennun vor. Längere Zeilen sind aber auch oft im Original zu finden.

Neumann ging wie ein Komponist mit den Versenum. In einem Brief an seinen Freund Giu­seppe de Lorenzo, den italienischenÜbersetzer aus dem Pālikanon, kritisierte er dessen Verfahren, Zeile für Zeilezu übertragen, wobei schlechte Prosa herausgekommen sei und meinte, dieindischen Gāthās würden genau so viel „liebevolle Behandlung und Aufmerksamkeitund heißen Fleiß“ erfordern wie die Sonette von Shakespeare (die Lorenzo auchübertragen hatte).

Und er schildert dann sein „Verfahren“:

„Glaubst Du etwa,ich hätte einen einzigen Vers übersetzt, ohne ihn vorher auswendig zu kennen,de coro, by heart, und ohne ihn immer und immer wieder nach allen Seiten hin zudrehn, bis er endlich eine entsprechende Form angenommen? So habe ichgelegentlich an bloßen vier Zeilen zwei und drei volle Tage unermüdlichgearbeitet, auf dem Sofa liegend, auf Spaziergängen, inderTramway, überall. Anders geht es nicht.“

Auch ich habe es mir nicht leicht gemacht undreklamiere liebevolle Behandlung, Aufmerksamkeit und Fleiß bei jedem Vers. Dochging es mir nicht um eine „deutsche Komposition“, sondern um eine möglichstoriginalnahe Anschmiegung. Ich mutete der deutschen Sprache sehr viel dabei zu.Ich wollte sozusagen das Pāli hindurchklingen lassen, die Eigentümlichkeiteneiner alten Sprache nicht verwischen, die hohe Bildkraft vieler Wörter nichtdurch blasse Begriffe schwächen. Früh-indisches Denken gaben doch Wörter wiederwie „Vogelweg“ für „Himmelsraum“, „Gott“ für „Wolke“, „Trompeter“ für „Elefant“,„Schüttler“ für „störrisches Pferd“. Ein „Nichtfreund“ klingt viel sanfter alsunser „Feind“. „Schlecht“ ist milder als „böse“.

Alles christlich belastete Sprachgut hatte inmeiner Übertragung nichts zu suchen. Ein Wort für „Sünde“ etwa gibt es garnichtim Pāli. Die in beiden Sprachen gerne verwendeten engen Wortverbindungen wollteich auch gerne erhalten und versuchte zuweilen, die Original­Worttürmenachzubauen. So ist dann zu lesen: Fesselungsgewitterwolke, Kernholzlehre,Satiplattform, Nibbānapfad, Himmelssinnenlüste, Schmutz-Dürre-Kummer, derBuddha­Sonnen-Anverwandte, der Sammlungs-Wissensmeister, das Mārolasttier, derNeunstromkörper, Gras-Holz-Äste-Blattwerk. Der Bindestrich in diesenÜbertragungen ist dann oft als ein „und“ zu lesen. Also bei Lager-Sitz ist anLager und Sitz gedacht, die ja für einen Asketen oft identisch sind. Ich denke,das ist dem Leser zuzumuten. Er wird sich mit meinem „Pālideutsch“ allmählichbefreunden und allmählich besser verstehen, was mit den Wortverbindungengemeint gewesen sein könnte.

Das große Streitwortattā habe ich stets mit SELBST übersetzt und nicht reflexiv abgeschwächt. Eswird so am deutlichsten, was mit diesem Begriff in buddhistischer Prägunggemeint war. („Das SELBST ist nur des Selbstes Schützer.“)

Meine Interpunktion ist als Lesehilfe gedachtund soll das Verständnis eines Verses erleichtern. Sie hat nichts mit denüblichen Regeln zu tun.

Die Nähe zum Original in der gehobenenrhythmischen Sprache des Vers- und Spruchcharakters war also oberstes Ziel.Eine Wiedergabe in „erklärender“ Prosa hielt ich für unangebracht und völligreizlos.

Meine Arbeitsweise mögen nun einige Beispiele verdeutlichen.

Accāraddhamhi                                                                        viriyamhi

Beim zu sehr Sichanstrengen                                                    beider Tatkraft

satthā                                       loke                                         anuttaro

der Lehrer                                inder Welt                               unübertroffen

vinopamam                               karitvā                                      me

das Lautengleichnis                   gemacht habend                        mir

dhammam                                 desesi                                       cakkhumā

die Lehre                                  wiesauf                                    derSehende (Augehabende)

 

Neumann überträgt:

Und heftig büßt’ ich, allzu hart:

da kam der Meister her zu mir

und ließ mich kennen, gab mir kund

das Gleichnis von der LauteKlang.

Ich versuchte, denZeilen und der Wortbedeutung treu zu bleiben und faßte aufdeutsch:

Bei allzu überspannter Tatkraft

der Lehrer, in der Welt der höchste,

das Lautengleichnis er mir gab,

wies so die Lehreauf, der Seher.

Wie weit einesprachliche Anpassung (Anschmiegung) möglich ist, möge noch Vers 614 zeigen

Sīlam                         balam                                appatimam

die Tugend                Kraft                                 unvergleichlich

sīlam                         āvudham                            uttamam

die Tugend                Waffe                                höchste

sīlam                         ābharanam                         settham

die Tugend                Schmuck                           bester

sīlam                         kavacam                            abbhutam

die Tugend                Panzer                               außergewöhnlich.

Neumann übertrug:

Der Tugend eignet größte Kraft,

der Tugend eignet beste Wehr,

der Tugend eignet hellster Schmuck,

ein wunderbares Panzerhemd.

Ich versuchte, dem lapidarenWortwerk treu zu bleiben und übertrug:

Die Tugend: Kraft - ganz unvergleichlich,

die Tugend: Waffe - höchster Art,

die Tugend: Schmuckstück -allerbestes,

die Tugend: Panzer -ungewöhnlich.

Wie verschieden dieEntdeckungen im Versgebirge der alten Texte auf diese Weise sind, mögen nocheinige Beispiele zeigen.

Thag 350 Neumann:

Von Gliederreißen gleich versucht

im wilden Walde, hainbehaust,

in rauher Regel, zäher Zucht,

wie magst du, Mönch,beharren so?

Ich behielt das Pāliwort für„Rheuma“ bei und übertrug:

Wenn du von Windkrankheit befallen

beim Leben in dem lichten Wald,

in rauhen Weidegrund geworfen:

wie wirst du, Mönch, wohl handeln dann?

Thag 355 Neumann:

Ich will dich häkeln fest, o Herz,

genau wie Ilphen ins Gestöck,

will nicht im Bösen bei dir stehn,

du fleischgewordnerFlausenbalg!

Ich übertrug:

Ich werde fest dich binden, Herz,

am Torpflock, wie den Elefanten!

Nicht dich zum Schlechten werd’ ich drängen,

du Sinnen-Netz, du leibgebor’nes!

Thag 673 Neumann:

Und hell und heller wird mir nun,

ich kenn’ der Wahrheit köstlich Wort,

verkündet recht, verkündet rein,

das alles Hangen heilen kann.

Ich übertrug:

Ich komme mehr und mehr zum Frieden,

seit ich gehört die Lehre allzu köstlich, -

die frei von Reiz gezeigte Lehre,

nicht haftend mehrallüberall.

Und noch drei Beispiele ausder Nonnenversen:

Thīg 137 Neumann:

Sein Wort, ich hab es wohl gehört;

gewandert bin ich weiter dann

als Nonne, hold genommen auf:

und helle Spur warbald erspäht.

Meine Version:

Als seine Lehre ich gehört,

zog ich in die Hauslosigkeit, -

ich band mich an des Lehrers Wort,

verwirklichte den Glückespfad.

Thīg 490 Neumann:

Wie Kokosnüsse locktuns Lust,

wie Aas, wonach derGeier giert,

wie Träume trügenlügt die Lust,

ist ausgeborgt wie Bettelputz.

Meine Version:

Baumfrüchten gleich die Sinnenlüste sind,

Fleischfetzen gleich, die Leiden bringen nur, -

den Träumen gleich, sie täuschen etwas vor,

die Sinnenlüste sindgleichsam gelieh’nes Gut.

Thīg 508 Neumann:

Um kleines Erdenglück, um Wonne winzig nur

mag nicht verleugnen hohes Heil,

nicht schnappen nach der Angel schnell

und wie der Fischgefangensein.

Meine Version:

Auch nicht um allerkleinstes Sinnenglück

gib auf das weite, weite Innenglück!

Nicht wie ein Fisch verschluck den Angelhaken!

Du wirst danach brutal nurabgeschlachtet!

Die Frage, ob wir in den Versen „wirklich“Zeugnisse der Frühzeit haben oder die literarische Sammlung eines oder mehrererspäterer Autoren, wird sich wohl nie eindeutig klären lassen. Mönche und Nonnenals verkappte Dichter, die gar kein Ende finden im „Schmieden“ von Versen?Gotamo als emphatischer „Sänger“? „Habt ihr mich je so sprechen gehört?“ fragteder frisch „Erwachte“ seine ersten Mönche. Darin liegt wohl das Bewußtseineines neuen Umgangs mit der üblichen Sprache, ein Angehobensein, das wie vonselbst in ein Metrum fließt, um das Gewicht einer Erkenntnis, einer tiefenErfahrung zu betonen. Deshalb muß auch die Wiedergabe dieser Verse in einemlängeren Prosatext immer unbefriedigend bleiben, kann dem Original nichtgerecht werden, zeigt nur, was da überhaupt so gesagt wurde. 1996 brachteChristine Schoenwerth in Utting eine solche Übertragung der Mönchsverse herausnach einer englischen Fassung.

Das „Buddhawort“ in den Lehrreden bleibt jaeher schlicht, sachlich und klar, Verse kommen nicht allzu häufig vor und wenneinmal, dann nur am Schluß als Verdichtung und Zusammenfassung des zuvorGesagten. Sie wirkten auf mich fast immer als Zusatz eines talentiertenSchreibers. Und nun haben wir 263 namentlich genannte Mönche vor uns mit ihrenein bis 73 strophigen Gedichten und auch noch 73 Nonnen mit 522 Versen.

Daß die Verse insgesamt in der altindischenLiteratur einen hohen Rang einnehmen, darüber kann es für denunvoreingenommenen Leser keinen Zweifel geben. Die Schönheit und Klarheit vielerGedanken und Gleichnisse kann uns heute noch stark berühren.

Klaus Myliusschreibt darum mit Recht in seiner zusammenfassenden Darstellung derfrühbuddhistischen Literatur:

„In diesen beiden Sammlungen (Theragāthā undTherīgāthā) hat die religiöse Lyrik ihre höchste Entfaltung im Rahmen des Pāli-Kanonserlangt.“

Daß hier unterschiedlicheAutoren am Werk gewesen sind, steht für europäische Indologen fest. Ebenso wiedie unterschiedliche Zeit der Entstehung dieser Lieder.„Beide Textesind in einem unordentlichen Zustand und werden den Anforderungen, die man anBestandteile eines Kanons stellen zu dürfen glaubt, nicht gerecht. So gibt eszahlreiche Wiederholungen, und zahlreich sind auch die Fälle, in denenoffensichtlich zusammengehörige Texte getrennt stehen. Vermutlich ist schon dieursprüngliche Redaktion sehr nachlässig vorgenommen worden, und dieÜberlieferung hat diesen Zustand beibehalten.“(Mylius)

Diese Beobachtung kann ichnach meinem jahrelangen Umgang mit den Versen nur bestätigen. Nicht nur, daßich immer neue Wörter nachschlagen mußte, auch Verskonstruktion undSatzstellung änderten sich mit dem Umfang der Gedichte. Die unterschiedlicheKlarheit und Flüssigkeit einzelner Versgruppen (Gedichte) könnte durchaus einenRückschluß auf verschiedene Autoren geben. Und es schien mir gut, dieunterschiedliche Sprachfertigkeit in einer Übertragung nicht wegzuglätten. DieIndologen sind auch der Überzeugung, daß bestimmte Begriffe sich erst spätherausgebildet haben und in sehr alten Texten überhaupt nicht zu finden sind.Dazu zählt z.B. der Begriff „kilesa“ für „Fleck, Beschmutzung“. Daß sich eineSprache im Laufe von Jahrhunderten verändert, ist ja ganz selbstverständlich.

Welche Themen behandeln nun diese Verse? Esfindet sich in ihnen alles, was mit der „Lehre der Alten“ zusammenhängt, wiesie uns im Pālikanon überliefert ist. An erster Stelle das Lob der Einsamkeit,des zurückgezogenen Lebens, der inneren Sammlung und Vertiefung, der absolutenGenügsamkeit.

Man möchte mit dem Mönchsleben alte Gewohnheitenablegen, neue gewinnen, die vor allem zum Gleichmut führen. Das sanfte, innereWohl des Ungebundenen, von allen Pflichten Ledigen wird gelobt. Keine Pflichtender Welt gegenüber gibt es, nur noch Pflichten der „Lehre“ gegenüber, die ausdem Kreislauf der „Wiedergeburten“ befreien will.

Mit vielen Gleichnissen ist diese Spracheangefüllt, ist getragen vom Pathos der inneren Ergriffenheit, desHochgehobenseins im seelisch-geistigen Streben. Ein abgrundtiefer Ernst liegtin diesen Gedanken und Betrachtungen. Keine Spur von Humor ist zu finden beidem Versuch, das Lebensleiden zu beenden.

Sehr stark kommt das Bewußtsein durch, zueiner „Elite“ zu gehören, „gegen den Strom“ zu schwimmen, etwas ganz Feines undBesonderes gefunden zu haben, eigentlich das Beste, was es überhaupt nur gebenkann.

Im Mittelpunkt immer wieder das aufmerksameBetrachten der Vergänglichkeit. Man will dem „Māro“, dem „Endiger“, auf dieSchliche kommen, seine Listen durchschauen, ihm nicht in die Fänge geraten, jaihn sogar „blind“ machen, indem man leicht und glücklich in der „Vertiefung“verschwindet.

Man sucht das Reich der Stille, wie es derLehrer gesucht hat, man sucht wie er den „allerbesten Friedenspfad“ und folgtgehorsam und hingebungsvoll allen seinen Empfehlungen, gibt eigenes Nachdenkenvöllig auf. Man bedenkt und wiederholt nur immer wieder die Hauptlehrsätze zurLeidensüberwindung. So wird allmählich die Angst vor allem, was kommt,besonders eben vor dem Tod, überwunden, und immer dabei das Freudensglückbetont, wozu auch die Wahrnehmung der Natur im Jahreswechsel gehört.

Der Felsen dient alsVorbild für Unerschütterlichkeit, kein Orkan kann ihn vom Fleck bewegen, - derBaum als Gleichnis für Abgeschiedenheit und Ruhe: unbewegt steht er da,elastisch im Winde sich bewegend, nachgebend, ohne zu zerbrechen, - der stilleSee als Identifikationsobjekt, um selbst so still zu werden, - oder so stillwie das tiefe Meer unter der wogenden Oberfläche.

Auch der eigene Körper kann zum Gleichniswerden: die Knochen sind beständiger und „ruhiger“ als der wirbelnde undgrübelnde Geist. Hier bekommt die Achtsamkeit auf den Körper ihre hoheBedeutung.

Die hohe Qualität der Naturbeschreibungenwird jeden Leser begeistern. Bunte Fasane, Scharen von roten Insekten,Raubvögel, die Herde von Kühen, die kletternden Gemsen, Donner und Blitz, diedunklen Regenwolken mit ihren Gestalten, Fische und die zahllosen Laute derTiere, das Blühen der Bäume und Blumen, die Großartigkeit des Gebirges, - alldas tritt sehr plastisch vor Augen.

Der Elefant als das größte undmajestätischste Tier dient als Gleichnis für den Buddho und seine großenJünger. Der Löwe jagt uns den heilsamen Schreck vor der Vergänglichkeit ein,darum heißt eine Lehrrede auch „Das Löwengebrüll“. Das Pferd aus edler Zuchtläßt sich zähmen, so auch der übungswillige Mönch und Mensch. Der Stier ziehtgeduldig den Pflug, so auch müssen wir unsere Pflichten übernehmen und alle Notdurchstehen.

Der Affe ist immerdas Gleichnis für die sprunghaften Gedanken, den flatternden, unruhigen Geist. „Stehstill, du Affe, rase nicht!“ heißt es darum auch.

Die spezifischenProbleme eines Mönchslebens, wie es damals geführt wurde, kommen zur Sprache:die Last des Almosengangs, aber auch die Freude, die damit verbunden sein kann.Die Gefahr, von Familien allzu sehr verehrt und geliebt zu werden, wird benanntund gelegentlich ist ein gewisser asketischer Hochmut herauszuhören, wenn davongesprochen wird, daß ein „Laie“, der nicht Mönch werden will, „schlecht“ ist,weil er nicht so intensiv strebt. Von „Toren“ ist darum auch viel die Rede, dienichts „verstanden“ haben, die nicht den „echten“ von dem „falschen“ Mönch zuunterscheiden wissen.

Zentral - ganz unnatürlich, die Gesetze desrealen Lebens auf den Kopf stellend - der Kampf mit den Triebkräften, vor allemmit dem Geschlechtsdrang. Daraus erwächst für europäische Leser und Leserinneneine schwer zu ertragende Abwertung, ja geradezu Verachtung des weiblichenGeschlechts, die von einer tiefen neurotischen Störung zeugt und nicht gerade „lehrgemäß“ist. Verachtung, Abwertung sollen ja gerade aufgehoben werden. Mit diesemasketischen Kampf zusammen hängt die übertriebene Abwehr aller sinnlichenReize. Man glaubt, sie durch Abwertung überwinden zu können und wird nur immerstärker in ihren Bann gezogen. Selbst ein weiblicher Leichnam kann einen Mannnoch sexuell erregen. Das wird beschrieben und daraus soll eine „befreiende“Einsicht kommen.

Es finden sich auch die extremen asketischenSelbstquälereien wieder, die vom Buddho als nicht hilfreich selbst erfahren undabgelehnt wurden. Man möchte etwas erzwingen, was sich nicht erzwingen läßt.Nicht essen, nicht trinken, bis endlich der „Durstpfeil“ raus ist. Man lief 55Jahre schmutzverkrustet herum, aß nur einmal im Monat, rupfte sich Haare undBart aus, stand immer nur auf einem Bein, aß trockenen Kot, saß immer nur undlegte sich nie hin, - all die uralten indischen Selbstquälereien tauchen auf,bis der Buddho belehrt: „Durch inneres Wohlsein gelangt man zum Frieden, nichtdurch Schmerzensaskese.“ Erinnerungen an frühere schöne Momente im Hauslebensollen nicht mehr aufkommen. Im Asketentum heißt es, nur immer voller Sehnsuchtnach Freiheit zu sein.

In einigen Versen wird das Aufbrechen desKastenwesens durch den Buddho vermittelt. Jeder soll sich auf den Weg machenkönnen, auch ein Schilfbrecher, ein Schauspieler, ein Straßenkehrer, einBehinderter (in der Ordensregel allerdings ausgeschlossen). Das Regelwerkeinzuhalten, ist das größte Glück: so gibt man jeden Eigenwillen völlig auf,gibt seine individuelle Freiheit hin.

Man sollte auch möglichst viele Verwandte zurLehre bringen, zur Weltflucht. Der Wert des „guten Freundes“ steht hoch imKurs. Einer, der schon weiter ist, der „viel gehört“ hat, dem soll man sichanschließen.

Und man glaubt, sich an frühere „Aufenthalte“zu erinnern, also auch an frühere Lebensläufe in anderen Körpern. An die Zeitenin der Unterwelt, im Tierschoß, in der Menschenwelt, in der Himmelswelt und inder formlosen Welt. So wird es einem in der Meditation (Vertiefung) deutlich,wenn man immer nur daran denkt. So glaubt man dann zu „wissen“. Einer rühmtsich, 500 lange Weltzeitalter in einer Nacht zurückdenken zu können. Derindische Geist kennt keine Grenzen.

Man erzählt, was man alles an Reichtumaufgegeben hat und wie viel schöner es ist, jetzt so „leicht“ zu leben. Man hatdie Dhammafreude gegen die Weltfreude eingetauscht. Und am besten ist es „natürlich“,schon als ganz junger Mensch in den Orden zu gehen. Mit 15 erlaubt es dieRegel. Mit 20 frühestens kann einer „ordiniert“ werden. In den Versen wird vonsieben­und achtjährigen Kindern berichtet. Aber es ist nie zu spät, „in dieLehre“ zu gehen. Auch mit 120 kann man noch weise und frei werden.

Ganz zentral die hohe Verehrung dem Lehrer,dem Buddho gegenüber. Ihm werden endlos viele Beiwörter gegeben, er ist ja der,dem nachgestrebt wird, der immer wieder anspornt und ermuntert, sich frei vonallen Lebensfesseln zu machen. Der Zweifel am „Erwachten“ ist darum immerwieder zu überwinden und dabei hilft einzig das tiefe Vertrauen in seine „Lehre“,seinen Saddhammo.

Der Buddho ist der Menschenhöchster, des Leidens Jenseitsgänger, der Augenmächtige, derSonnen-Anverwandte, der Licht-Erzeuger, das All-Auge, der Menschenzähmer, derLehrer aller Weisen, der Dhammakönig, der Fragenkenner, der Furchtlose, derWorterfüller, der Göttergott, der Groß-Erbarmer, der Welt-Beschützer. DerSangho gilt als Selbstschutz, in ihm ist man am besten aufgehoben, um nichtwieder zurückzukehren in das „niedere“ Weltleben, solange man noch kein Munigeworden ist. Immer gilt es, die Zeit zu nutzen, nicht nachlässig zu sein. DasGeistige steht im Mittelpunkt. Möglichst keine körperliche Arbeit. Man will dieLust töten, die Sinne einstülpen, keine Wünsche mehr haben, wunschlos glücklichsein.

Nach drei Jahren und fünf Monaten so etwaschrieb ich am 24.1.1998 den letzten Mönchsvers in meinen Kalender. Aber nochwaren längst nicht alle Verse übertragen. Viele standen noch mit Fragezeichenund unübersetzten Strophen da. Das weitere Aufchließen der Verse zog sich dannmit vielen Unterbrechungen noch bis zum 16. September 1999 hin. Ich wollteunbedingt die Übertragung zum Abschluß bringen und auch gegen wachsende, großeinnere Widerstände zwang ich mich, die Lücken in meinem Zettelkasten allmählichzu schließen. Das Nachschlagen von unbekannten Wörtern wollte kein Ende nehmen,je weiter ich an den Schluß der Sammlung kam. Der Eindruck, daß sich hier dochsehr verschiedene Sprachschichten versammelt hatten, vertiefte sich.

Die kritische Haltunggegenüber den Botschaften dieser Verse verstärkte sich so sehr, daß sichstreckenweise sogar eine Art Widerwille einstellte gegenüber dieser dann dochim Kern lebensverachtenden Askese. Der „Aufbau der realen Welt“ erschien hiervollkommen verdreht: das schwächste Glied, der Geist, wurde zum „absoluten“Alleinherrscher erhoben und sollte „Unmögliches möglich machen“. Möglichkeitund Wirklichkeit gerieten hier vollkommen durcheinander. Der Geist bleibt dochimmer angewiesen auf die starken Kräfte der Natur, des Leibes und der Seele,kann doch nur m i t ihnen und nicht g e g e n sie zur Reife kommen. Daß ausdieser „Lehre der Alten“ andere „Lehren“ sich entwickeln mußten, dieumfassender und klüger vorgingen mit der „Zähmung des Menschen“, schien mirjetzt vollkommen einsichtig zu sein. Die „Lehre des Buddho“ war nicht als „Dogma“verkündet worden, sondern als eine ganz realistische Anleitung zu einemglücklichen, leidfreien Leben. (Wenn so etwas überhaupt möglich ist.)

Eine neue Übung begann fürmich: an der Leidbefreiungslehre nicht zu leiden. Den Blick weit zu machen, die„Sozialpolitik“ eines frühen Mönchtums in buchloser Zeit zu durchschauen, seineigenartig eingeengtes Wertesystem zu überprüfen und durch vernachlässigte,neue, hohe Werte zu erweitern. Es wurde nötig, sich von falscher Ehrfurcht (dieimmer etwas mit Angst und Enge zu tun hat) frei zu machen, einmal wieder zulachen, um zu einer „gesunden“ Einstellung zu kommen. Die Arbeit an derAutobiographie des Buddho gemeinsam mit Detlef Kantowsky erwies sich alsaußerordentlich fruchtbar. Im freieren Umgang mit dem Original der Lehrredenfand ich neuen Mut, mich der gebundenen Verssprache wieder zuzuwenden.

Als ich dann mit einer letzten großenAnstrengung alle noch fehlenden, unübersetzt im Kalender stehen gebliebenenVerse deutsch gefaßt hatte, fragte ich vorsichtig bei zwei buddhistischenVerlagen an, ob sie eine Veröffentlichung der Neufassung wagen wollten. KeinInteresse. Neumann galt als unantastbar. „Er ist so genial, daß er nicht mehrzu übertreffen ist.“ Ich hörte allerdings auch andere Stimmen, sogar sehrkompetente, die ein sehr großes Interesse an einer getreueren Neuübertragungbekundeten. Also blieb wohl wieder nur die kleine Auflage im Selbstverlag. An30 Verlage mich zu wenden, wie Neumann vor 100 Jahren, hatte ich nicht diegeringste Lust. Selbst als ich die heute viel günstigere und offene Haltungallem Buddhistischen gegenüber in Erwägung zog.

Zu meiner großen Freude setzte sich dannDetlef Kantowsky im Herbst 1999 für meine Sache ein und entschloß sich, miteiner Auswahl aus den Mönchsversen seine Schriftenreihe der UniversitätKonstanz „Buddhistischer Modernismus“ abzuschließen. Es sollte der Band 17werden. Er war der einzige, der freundschaftlich verbunden Anteil an meinerArbeit nahm, dem ich gelegentlich auch Proben meiner Übertragungen schickte. ImVergleich mit Neumann konnte er sie durchweg loben. Das war eine guteErmunterung zum Abschluß des Werkes.

In brieflichem und telefonischem Austauschmit Detlef Kantowsky wurden mir dann noch einzelne, spezifisch indische Ritualeklar, die meine Wortwahl bestätigten oder ganz selten in Frage stellten. Beieiner Bestattung von Toten ist sowohl das Wort „baden“ als auch „waschen“möglich. Nicht jeder Tote in Indien konnte schließlich an den Ganges gebrachtwerden. Mit dem Wasser allgemein „reinigt“ man den Toten, stellt sich dabeivor, ihn von allen „Unreinheiten“, die sich „karmisch“ an seinem Körperverdichtet hatten, zu befreien.

Die für unser westliches Verständnisunmögliche Aufnahme von Kindern in den Sangho ist, indisch gesehen, ganz „normal“.Schon in vorbuddhistischer Zeit wurden Kinder einem Guru (Brahmanen)anvertraut, in die Lehre gegeben. Sie lernten bei ihm die Veden auswendig, umin der noch „buchlosen“ Zeit zu helfen, die „heiligen“ Texte sicher und genauzu überliefern. Das galt in frühbuddhistischer Zeit auch für die „Lehrreden“,als sie nur mündlich weitergegeben werden konnten. Man wußte die hohenGedächtnisleistungen im Kindesalter zu nutzen. Was allerdings auch dasunabhängige, eigene Denken stark beeinträchtigte. Das Denkprogramm wurde aufdiese Weise ein für allemal fixiert.

Als wir dann gemeinsam über Inhalt und Aufbaudes Buches nachdachten, kamen wir bald darauf, daß die Nonnenverse, die zurSammlung gehören, unter den Tisch fallen würden, falls ich nicht daran ginge,nun auch noch die 520 Nonnenverse zu übertragen. Dazu hatte ich zunächst nichtdie allergeringste Lust. Ich wollte vorläufig nichts vom Übersetzen wissen.Doch dann wuchs in mir die Überzeugung, daß es gut wäre, auch noch dieNonnenverse zu übertragen, um das historische Werk vollkommen in einerNeufassung zugänglich zu machen. Auch hatten wir öfter von Frauen zu hörenbekommen, daß sie gerne die Verse in einer neuen Gestalt lesen würden. Nein,die Frauen durften wirklich nicht unter den Tisch fallen.

Meine Erschöpfung warvergessen, neue Begeisterung flammte auf und schon ging ich an die ersten Verseund konnte nicht genug staunen, wie leicht sie mir, sozusagen wie von selbst,in unsere gute deutsche Sprache rutschten. Vielleicht trug die jahrelange Übungnun ihre Früchte. Vielleicht war die Sprache der Frauen auch anders als die derMänner. Die Themen waren auch anders. Es tauchten Erzählungen auf, echteBekenntnisse. Schicksale traten da vor mein Auge, die mich berührten. Hierherrschte eine besondere Offenheit. Kein Vers gab mir ein Rätsel auf. Ich sahund merkte sofort, daß ich hier zügiger vorankommen würde und übertrug täglichmehrere Verse. Allerdings hatten wir auch einen Termin für das Buch ins Augegefaßt, und so ein Termin ist ein gehöriger „Stachelstock“.

Zu meiner Verwunderung geschah es, daß ich ingut vier Monaten (vom 23.10.99 bis zum 29.2.2000) alle Verse „im Kasten“ hatte.(Von 73 meist namentlich genannten Nonnen).

Ich hatte hier, im Gegensatzzu den Mönchsversen, die ich ganz unabhängig übertrug, Neumanns Fassung vorAugen und fand besonders große Unstimmigkeiten mit dem Original. Oft sogargravierende Fehler, so daß ich schon die Vermutung hatte, er hätte vielleichtdamals unter Zeitdruck gestanden, um sein großes Übersetzungswerk zu vollenden.

Dererste Leser dieser neugefaßten Nonnenverse war Detlef Kantowsky. Er schriebmir:„Die Therīgāthā scheinen mir vielauthentischer zu sein als die Lieder der Mönche: Nicht so viel Redundanz derimmer wieder gleichen stereotypen Heils- und Loslass-Formeln, sondern „Geschichten“zu ganz konkreten „Heilungs-Karrieren“. Diese Weibergeschichten sind einfachviel schöner und anregender als die vergleichsweise drögen Aussagen der HerrenMönche, die sich eher wohl die Zunge oder sonstwas abschneiden würden, bevorsie so frank und frei berichten!“

Im Vordergrund der Nonnenverse steht dieTrauer um den Verlust von Kindern oder des geliebten Mannes. Des BuddhoPflegemutter zog im Alter viele Frauen mit in die Hauslosigkeit. Sie war es jaauch, die den Nonnenorden überhaupt wollte und ins Leben rief, auch unter denabschreckenden Sonderregeln, die der Sohn den Frauen auferlegte.

Im Alter sieht man das Elend des Leibes,erfährt Überdruß am Leben und möchte frei werden von der Last des Wiedergeborenwerdens.Man möchte dasewige Gebären aufgeben, die Todesangst überwinden, im Sanghoglücklich werden, am Bettelleben froh sein, wie Dörrgemüse in einem Topf nurnoch liegen.

Auch hier das Lob der Einsamkeit, der Stille,der Versenkung. Die Bemühung, sich von aller weiblichen Schönheit undSelbstverliebtheit zu lösen, wird ausgedrückt. Dem Werben eines Mannes willkeine Frau mehr nachgeben.

Oft fällt es schwer, ruhig und still zuwerden. Eine Frau macht immer wieder Anläufe, will sich sogar das Leben nehmen:da blitzt es auf und das Herz wird erlöst. Das Bild eines gezähmten Elefantenspornt an. Oder der Fluß des Wassers, der von oben nach unten verläuft. Dialogemit Māro finden sich, darin taucht ein neues, starkes, weiblichesSelbstbewußtsein auf, das sich dem Manne in keiner Weise unterlegen fühlt.Nonnen werden zu Ermunterinnen auf dem Weg und zu großen Lehrrednerinnen. DasLob der Freundschaft zu anderen Nonnen auch hier. Ehemalige Dirnen geben ihrLeben auf und folgen dem Buddho. Eine Frau pilgerte 50 Jahre lang, bis sie denBuddho traf und Einsicht erlangte.

Das Ideal des Verlöschens wie eine Lampe wirdgeschildert: der Docht wird eingezogen, nichts brennt mehr. Die völligeAbwertung der Sinnenlust ist auch von den Frauen verinnerlicht. Die große Wendewird geschildert: von Saus und Braus zu stillem Glück. Wenn eine Frau demBuddho und seiner Lehre folgt, haben nicht einmal reiche Prinzen und Königeeine Chance. Māro versucht immer wieder umzustimmen, die Frau bleibt hart undunbeugsam.

Die große Verehrungdes Meisters auch hier. Mit all den bekannten schönen Beinamen. Eine Mutterüberredet ihren Sohn zum „stillen Pfad“. Ein Brahmane wird belehrt, daß Badenund Waschen nicht viel Sinn hat. Auf das neue Denken kommt es an. Eine Tochtersingt ihrem Vater das Lob des Asketentums, befreit es vom Makel des Faulenzer-und Schmarotzertums. Mönche leisten geistiges Werk, dienen als Vorbilder.

Eine Frau will ihren Gatten beschwören, nichthinauszuziehen, aber er bleibt hart. Selbst als die Frau droht, das gemeinsameKind zu töten. Als sie dann vom Buddho hört, kommt die große Einsicht, siepreist ihn und läßt den Mann ziehen.

In einer Brahmanenfamilie bringt die Tochterihren Vater zum Buddho, beide begeben sich auf den stillen Pfad.

EineGoldschmiedstochter, die entsagt hat, wird vom Götterkönig Sakko verehrt. Einejunge Frau kann ihren Ehemann nicht zufriedenstellen und versteht seinVerhalten nicht. Erklärt sich das mit früherem Fehlverhalten alsweibersüchtiger Mann. Am Schluß der Sammlung wird’s dann wieder märchenhaft,wenn sie erzählt, daß sie als männliches Tier kastriert wurde.

Um den Namen derMönche und Nonnen tiefer auf die Spur zu kommen, bestellte ich mir in Englanddas Lexikon der Pāli-Eigennamen von Malalasekera, das gerade 1997 neu aufgelegtwurde. (Erstauflage in den dreißiger Jahren). In drei dicken Bänden ist daalles erfaßt, was überhaupt im Laufe der Jahrhunderte an Namen in Textenauftauchte. Leider wurde die Etymologie der Namen nur ganz selten deutlich, wasmich sehr enttäuschte und mich wieder auf meine eigenen Mutmaßungenzurückführte. Ich konnte darum auch nicht alle Namen zu übertragen versuchen.Mein Vorschlag hinter dem Pālinamen soll auch nur eine Richtung andeuten. Fürdie Genauigkeit kann ich nicht bürgen, doch dürfte der Hinweis oft hilfreichsein. Bei allzu schwierigen Kombinationen ließ ich die Übersetzung eher weg.Die Erklärung wäre zu lang geworden: z.B. „einer, der den Almosengang zugleichals Last und auch als Kraft gebend empfindet“. Oft sind Namen auch Anspielungenauf bestimmte Charakterzüge. So wenigstens versucht der Kommentator vielehundert Jahre später einen Namen zu erklären: „Kletterpflanze“ für einen, dersich gerne anklammert und nicht so recht alleine zurechtkommt.

Die Geschichte einer Übertragung ist einStück Lebensgeschichte geworden. Ein inneres Aufspüren alter Quellen auseigener Erfahrung bei aller fremden Verwandtschaft mag genügend Rechtfertigungfür den Versuch darstellen.

Bei den guten Hilfsmitteln, die mir zurVerfügung standen, ließ sich wohl wesentlich sicherer arbeiten als vor 100Jahren, als die Sprachforschung noch in den Anfängen steckte. Nur ganz seltenblieb auch das Lexikon die Auskunft schuldig, rätselte man auch dort herum, wasgemeint gewesen sein könnte, welche Lesart wohl Sinn ergäbe. Die Namenbestimmter asiatischer Pflanzen waren oft nur lateinisch angegeben oder es warvon einer „Baumart“ die Rede, oder einer „Vogelart“. Nichts war aufdeutsch auszumachen. Tiere wurden früher oft mit Beinamenversehen. Zum Beispiel heißt eine rote Insektenart, die massenhaft auftritt: „DieIndrahirten“. Da mußte ich dann zu unsvertrautenBezeichnungen greifen.

Nur zuweilen blieb es dochschwer, ganz genau zu erfassen, was eigentlich mit Anspielungen und einzelnenWörtern gemeint war. Ich mußte mich in diesen Fällen auf ein mutiges Deuteneinlassen, auf eine Interpretation, die noch einigen Sinn ergab. Bei den „Fahnenrätsel“in den Versen 967 und 968 half mir Hellmuth Hecker auf die Spur. Es soll da aneine Wiedergeburtsgeschichte Nr. 514 erinnert werden. Also ein sehr späterVers.

Es werden immer Grenzenbestehen bleiben, die kein Übersetzer durchbrechen kann. Die weitegeschichtliche und kulturelle Distanz zwischen dem alten Indien und demmodernen Europa darf nicht vergessen werden. Wir meinen wohl, die in langenZeiträumen geprägten Vorstellungen und Welterklärungen zu verstehen und könnendoch nie ganz sicher sein, ob wir wirklich begreifen, was da früher mit soerstaunlicher Gewißheit gesagt und behauptet wurde. Unser Gehirn arbeitet ganzanders als das Gehirn eines Inders, für den die Welt vor 2500 Jahren eineinziges Rätsel war und das mythologische Bewußtsein sich nur zögernd durch einneues, rationales Denken veränderte. Wir dürfen bei der übertragenen Lektüre dieseralten Dichtung nicht vergessen, daß das Wort immer nur Symbol eines Gedankensist, - es vertritt ihn,kann aber nie die Erfahrungvermitteln, die den Gedanken einmal entstehen ließ.

Was für Erfahrungenheute mit diesen Versen zu machen wären, habe ich am eigenen Beispiel zuerzählen versucht. Jeder Leser wird da seinen eigenen Zugang und seine eigeneAntwort finden müssen.

Baden-Baden                                                                                                  EkkehardSaß

Sommersonnenwende 2000

 

 

THERAGĀTHĀ

 

SUBHÚTI

1

Gedeckt, mein Hüttchen,angenehm, geschützt, -

so regne, Gott, wie’sdir genehm!

Mein Geist ist rechtgesammelt, ist befreit, -

in inn’rer Glut ich lebe, - regne, Gott!

MAHĀKOTTHIKO

2

Ganz still geworden,abgelassen,

die Texte sprechendunverwirrt:

er schüttelt ab dieschlechten Dinge,

gleichwie das Blatt vom Baum der Wind.

KANKHĀREVATO

3

Sieh diese Weisheitder Tathāgatas!

Wie Feuer, das insich zusammenfällt,

sind sie, die Lichtund Einsicht-Augen geben,

die den Willkomm’nen nehmen jeden Zweifel!

PUNNO MANTĀNIPUTTO

4

Mit Starken sitzeman zusammen,

mit Weisen, die denSinn erschauen:

den Sinn, den großenund den tiefen,

der schwer zuschauen, fein, subtil,

die Weisen nurerreichen ihn,

nicht lässig und mit wachem Blick.

DABBO (fähig)

5

Zu zähmen schwer,durch Zähmen nur gezähmt:

der Dabbo, derzufrieden, weit vom Zweifel,

ein Sieghafter, deraller Furcht entgangen, -

der Dabbo, ganz erloschen, steht im SELBST.

SÍTAVANIYO (Kühlwäldler)

6

Tief in den kühlenWald ging dieser Mönch,

allein, zufriedenund im Selbst gesammelt,

ein Sieghafter, derfrei von Haaressträuben,

schützend die Sati, die zum Körper geht, entschlossen.

BHALLIYO

7

Wer von sich stießdes Todeskönigs Heer,

wie Binsenbrücke schwacherKraft die große Woge,

ein Sieghafter, deraller Furcht entgangen:

der ist gezähmt, erloschen ganz, steht in sich selbst.

VÍRO (Held)

8

Zu zähmen schwer, durchZähmung nur gezähmt:

der Held, der ganzzufrieden, weit vom Zweifel,

ein Sieghafter, derfrei von Haaressträuben,

der Held, erloschen ganz, steht in sich selbst.

PILINDAVACCHO

9

Bin angekommen,nicht gegangen,

nicht ist dasschlechter Rat für mich:

von allenmitgeteilten Dingen

kam, was das Beste ist, auf mich.

PUNNAMĀSO (Dickbohne)

10

Er lebte voller Wünsche hier wie dort, -

wer wissend ist, beruhigt, hält das Selbst

von allen Dingen völlig unbeschmiert,

der mag verstehn der WeltEntstehensfurcht.

CÚLAGAVACCHO (Klein-Kalb)

11

Ein freudenreicherBettelmönch,

beim Dhammo, den derBuddho lehrt,

mag er denStillepfad erreichen,

Sankhāra-Ruhe, tiefes Glück.

MAHĀGAVACCHO (Groß-Kalb)

12

An Weisheit starkund im Besitz von Tugend,

gesammelt, anVertiefung froh und achtsam,

den Sinn nur sehend,nimmt das Mahl er ein,

und wartet ab die Zeit hier, frei von Reiz.

VANAVACCHO (Waldkalb)

13

Die schwarze Wolkeglänzt in Farben,

das kühle Wasserträgt sie rein, -

mit Indrahirten ganzbedeckt,

die Felsen, sie erfreuen mich.

SĀMANERO DES VANAVACCHO (Novize des Vanavaccho)

14

Der nahe Lehrersprach mich an:

„Von hierich gehe, Sīvaka.

Im Dorf nur lebt derKörpermir.

Zum Wald ist mir derGeist gegangen,

selbst wenn ichliege, geh ich schon:

nicht gibt es Haften dem, der schaut.“

KUNDADHĀNO (gebeugt sich haltend)

15

Fünf spalte ab, fünflasse los,

fünf weitereentfalte dir, -

ein Mönch, der diefünf Fährten sieht,

wird „Flut-Entkomm’ner“ wohl genannt.

BELATTHASÍSO

16

Gleichwie ein gutesRassepferd

den Pflug bewegt mitschmucker Mähne

und ohne jede Müheläuft:

so auch bei Tag undNacht für mich

es laufen ohne jedeMühe

die Glücksmomente, köderlos.

DĀSAKO (von Sklavenart)

17

Wenn einer trägeist, ein großer Esser,

ein Schläfer, dernur liegt, sich hin und her wälzt,

gleichwie ein großerEber, voll gemästet, -

stets wieder in den Schoß geht solch ein Dummkopf.

SINGĀLAPITĀ (Schakalvater)

18

Er war des BuddhoErbe ganz,

ein Mönch im Besakalā-Wald:

mit dem Gedanken andie Knochen

durchdrang er dieseErde ganz, -

ich denk, er wirdden Sinnenreiz

ganz schnell auf diese Weise los.

KULO

19

Das Wasser leitendie Kanälebauer,

die Pfeilemacherschlichten sich den Pfeil,

das Holz dieZimmerleute schlichten,

das SELBST sich zähmen Tugendhafte.

AJITO

20

Beim Tode bin ichohne Furcht,

beim Leben ohnejeden Wunsch,

den Körper leg’ icheinmal ab,

klar wissend, voller Achtsamkeit.

NIGRODHO

21

Nicht fürchte ichmich vor der Furcht,

der Lehrer weiß umdie Todlosigkeit.

Wo Furcht nichtlänger stehen bleibt,

nur diesen Weg die Mönche schlagen ein.

CITTAKO (von Schmuckart)

22

Die blauen,buntbehalst, beschopft,

die Pfauen schrei’nin Kāramvi, -

die kühlen Winderauschen sanft:

den Schlafenden sie zurVertiefung wecken.

GOSĀLO (Rinderstall)

23

Ich habe nun imBambusdickicht

gegessen meinensüßen Reis

und sah, im Innernvoller Frieden,

der Gruppen Auf- undNiedergang, -

zum Felsen werd’ ichgehn zurück,

die Einsamkeit zu pflegen dort.

SUGANDHO (Wohlduft)

24

Zog fort vor einerRegenzeit,

sieh nurder Lehre Kerngesetz:

drei Wissen habe icherlangt,

getan des Buddho Weisung ist.

NANDIYO (Freudiger)

25

Ist inn’rer Glanzzur Frucht geworden,

im Geiste wessen daauch immer:

setzt du zu solchemMönch dich hin,

zum Leiden, Dunkler, sinkst du ab.

ABHAYO (Furchtloser)

26

Gehört diewohlgesprochne Rede

des Buddha-Sonnen-Anverwandten,

durchdrang ich dadie, ach, so feine,

wie Haaresspitze mit dem Pfeil.

LOMASAKANGIYO (mit behaarten Gliedern)

27

Das feste Gras, dasMühlsteinklicken,

den Duft der Wurzelund des Schilfs

aus meiner Brust ichwerde treiben:

und nur die Einsamkeit noch pflegen.

JAMBUGĀMIKAPUTTO (Rosenapfeldörflersohn)

28

Vielleicht aufsKleid nicht mehr bedacht,

vielleicht amSchmuck nicht mehr erfreut,

vielleicht dentugendechten Duft

du lebst, als Führer unterm Volk?

HĀRITO (der Einnehmende)

29

Hast feucht gemachtdu dieses SELBST,

wie Pfeilemacherseinen Pfeil,

hast du das Herz dirgrad gemacht:

Nichtwissen spalte, Hārita!

UTTIYO

30

Ist eine Krankheitda entstanden,

die Sati rasch bautsich mir auf:

„Die Krankheit istentstanden da,

es ist jetzt Zeit, nichts geh’n zu lassen!“

GAHYARATÍRIYO

31

Berührt von Bremsenund von Mücken

im Wald, im tiefen,weiten Forst:

wie Elefant anKampfesfront,

dort mög’ er achtsam sich gedulden.

SUPPIYO (Wohllieb, Gutlieb)

32

Zum Alterslosen mitdem Altern,

und mit dem Brennen hinzur Kühle:

so schaffe ich dietiefste Stille,

den Übungsfrieden, unerreicht.

SOPĀKO (der Ausgestoßene)

33

Gleichwie bei einemeinz’ gen Kind,

dem lieben, gut siemöge sein:

so auch bei allem,was da atmet,

allüberall nur gut mögst sein!

POSIYO (der Gedeihende)

34

Nicht abgesunkendiese Wünsche,

so immer wieder nahmich wahr, -

ging aus dem Dorfzum Wald hinaus,

von da zum Haus ichtrat heran, -

hab mich erhobendann, ging fort

und sagte nichts,bin Posiyo.

SĀMAÑÑAKĀNI (der Asketenschaftliche)

35

Das Glück, wer Glückersehnt, gewinnt es sich durch Tat.

Er kommt zu Ruf dannund es wächst sein Ruhm, -

wer diesen edlen,achtgliedrigen, graden, rechten

entfaltet, diesen Weg, der zum Todlosen führt.

KUMĀPUTTO

36

Ach, gut ist das Gehörte,- gut ist das Verhalten,

gut ist immer, nichtim Haus zu wohnen,

das Fragen nach demSinn, Verehrungswerk:

das ist Asketenschaft des Nichtmehrwas.

KUMĀPUTTASSA SAHĀYAKO (des Kumaputtassa Freund)

37

In Vielfaltsland siegehen hin,

sie schweifen ausganz ungezügelt,

die Sammlungunterlassen sie:

was soll imKönigreich das Wandern?

Drum man gebe aufden Zorn,

vertiefe sich ohn’ Gegenüber!

GAVAMPATI (Kuh-Herr, Leiter)

38

Wer da die Eidechsemit Geistmacht bannte,

der, Gavampati,haftet nicht, ist wunschlos, -

den hin zumAllverkehr gegangnen großen Muni,

die Götter selbst verehr’n des Werdens Jenseitsgänger.

TISSO (Drei)

39

Gleichwie von einemSchwert berührt

an seiner glühendheißen Spitze:

um Sinnenlustreizaufzugeben,

zieh achtsam man als Mönch hinaus.

VADDHAMĀNO (Wuchsgeist)

40

Gleichwie von einemSchwert berührt

an seiner glühendheißen Spitze:

um Werdensreizeaufzugeben,

zieh achtsam man als Mönch hinaus.

SIRIVADDHO (Glückswuchs)

41

In Felsenspaltenschlagen Blitze

beim Vebhāro undPandavo, -

doch in derBergesspalte sich vertieft

der Sohn des unvergleichlich Solchen.

KHADIRAVANIYO (Akazienwäldler)

42

Cāla, Upacāla und Sīsūpacāla!

Bleibt ihr nun wohlin voller Achtsamkeit?

Gekommen ist, der feinstes Haar durchschießt.

SUMANGALO (Glück verheißend)

43

Ach, frei zu sein,befreit, wie gut ist das!

Befreit bin ich vondrei der Buckellasten:

von meinenNahrungen, von meinen Pflügen,

von allen meinenkleinen Äckern!

Wenn sie auch hiernoch sind und hier und hier:

ich hab genug vonihnen, hab genug, -

vertiefe dich,Sumangala, vertiefe dich!

Nicht lässig lebe du, Sumangala!

SĀNU (Gebirgskamm, Grat)

44

Sie weinen, Mama, umden Toten,

den keiner hier imLeben sieht, -

mich Lebenden siesehen, Mama,

warum, Mama, beweinst du mich?

RAMANÍYAVIHĀRÍ (Entzückt lebend)

45

Wie gut trainiertesRassepferd,

ist es gestolpert,wieder steht:

so auch, wer klarhier sehen kann,

der recht geschickte Buddha-Jünger.

SAMIDDHI (Gedeihen)

46

Vertrauend bin ichausgezogen

vom Haus in dieHauslosigkeit, -

Sati und Weisheitsind gediehen,

das Herz istwohlgesammelt mir, -

schneid’ ab die Lustzu den Gestalten!

Nicht weiter wirst du mich verwirren!

UJJAYO (Hochsieg)

47

Verehrung sei Dir,Buddhaheld!

Du bist befreitallüberall.

Dein Leben inVollkommenheit,

das lebe ich, von Einfluß frei.

SANJAYO (der Geborene)

48

Seit ichhinausgezogen bin

vom Haus in dieHauslosigkeit,

erkenne ich keinDenken mehr,

das haßverbunden ist, unedel.

RĀMANEYYAKO (der freudig Geartete)

49

Beim Amsellied undFinkenschlag,

beim Flötenton derNachtigall

pocht mir das Herznicht schneller mehr,

der ich zum Einssein nur geneigt.

VIMALO (frei von Schmutz)

50

Die Erde wirdbesprengt, es bläst

der Wind, der Blitzgeht in der Wolke, -

ganz ruhig werdendie Gedanken:

das Herz ist wohlgesammelt mir.

GODHIKO (Eidechsler)

51

Der Gott, er regnetgleichwie Wohlgesang, -

bedeckt meinHüttchen, angenehm, geschützt, -

und auch mein Herzist wohlgesammelt mir:

so, wenn du wünschst, so regne fort, du Gott!

SUBĀHU (Gut, arm zu sein)

52

Der Gott, er regnetgleichwie Wohlgesang, -

bedeckt mein Hüttchen,angenehm, geschützt, -

und auch das Herzist wohlgesammelt auf den Körper:

so, wenn du wünschst, so regne fort, du Gott!

VALLIYO (Kletterpflanze)

53

Der Gott, er regnetgleichwie Wohlgesang, -

bedeckt mein Hüttchen,angenehm, geschützt, -

dort wohne ich ganzohne Lässigkeit:

so, wenn du wünschst, so regne fort, du Gott!

UTTIYO

54

Der Gott, er regnetgleichwie Wohlgesang, -

bedeckt meinHüttchen, angenehm, geschützt, -

dort wohne ich, ganzohne Zweiten:

so, wenn du wünschst, so regne fort, du Gott!

ANJANĀVANIYO (Anjanāwäldler)

55

Baut’ mir aus langemStuhl ein Hüttchen,

bin eingetaucht imWalde Anjanā:

drei Wissen sind vonmir erlangt,

getan des Buddho Weisung ist.

KUTIVIHĀRÑÍ (Hüttenbewohner)

56

Wer lebt in diesemHüttchen? Ein Mönch

in diesem Hüttchenlebt, von Lustreiz frei

und wohlgesammelt indem Herzen.

So wisse denn, meinguter Freund:

nicht bautest du umsonst das Hüttchen dir.

KUTIVIHĀRÍ (Hüttenbewohner)

57

Dies hier, er sagt,ist eine alte Hütte,

nach and’rer, neuerHütte sehnt er sich. -

Den Wunsch nacheiner Hütte, gib ihn auf!

Nur Leiden, Mönch, bringt wieder neue Hütte!

RAMANÍYAKUTIKO (Schönhüttler)

58

Entzückend schönmein Hüttchen ist,

Vertrauensgabe,Geist erfreuend.

Nicht ziel’ ich mehrnach jungen Mädchen, -

ihr, die ihr dorthin zielt, geht nur zu Frauen!

KOSALLAVIHĀRÍ (tüchtiger Bewohner)

59

Nur aus Vertrauenzog ich fort,

im Wald baut’ ichein Hüttchen mir:

nicht lässig bin undglühend ernst,

verstehend ganz, voll Achtsamkeit.

SÍVALI

60

Sie trugen Fruchtmir, die Gedanken,

mit denen ich betratdie Hütte:

durch WissenFreiheit werd’ erlangen,

die Stolzneigung ich gebe auf.

VAPPO (Säer, Sämann)

61

Es sieht, der sieht,den Sehenden,

und den, der nichtsieht, sieht er auch, -

wer nicht sieht, denNichtsehenden

und den auch, der da sieht, nicht sieht.

VAJJIPUTTO (Sohn des Ausgeschlossenen)

62

Allein und einzelnleben wir im Wald,

verlassen im Gehölzden Baumsitz nicht, -

um den beneiden,ach, so viele mich,

wie Höllische zum Himmel Strebende.

PAKKHO (der Krüppel)

63

Die Toten fallen überTote,

die Gierigen sindwieder angekommen, -

getan die Pflicht,die frohe, schöne:

mit Glück ist nun erlangt das Glück.

VIMALAKONDAÑÑO (Sohn des Bimbisāro)

64

Dem Baumbenanntenbin erschienen,

geboren unter weißerFlagge, -

ganz ohne Stolz mitWeisheitsflagge

die große Flagge er zerstörte.

UKKHEPAKATAVACCHO (weggeworfen gemacht Kalb)

65

Den Kalbsstatus, denhob er auf

(den Kälbchenstatushob er auf), -

was er gelernt invielen Jahren,

das trägt er jetztden Hausnern vor,

wenn er da sitzt, erhaben-froh.

MEGHIYO (der Wolkenartige)

66

Es lehrte da dergroße Held,

der aller DingeJenseitsgänger, -

als dessen Lehre ichgehört,

ich blieb in seinerNähe froh:

drei Wissen sind vonmir erlangt,

getan des Buddho Weisung ist.

EKADHAMMASAVANÍYO (daseine Ding ist angenehmzu hören)

67

Die Fleckenausgebrannt von mir,

die Werdenswurzelnausgezogen:

erschöpft ist derGeburtenkreis,

nicht gibt es mehr ein Wiederwerden.

EKUDDĀNIYO (Eins-Zusammenbinder)

68

Dem Hochgesinnten,Nichtberauschten,

dem Muni, der aufMuniwegen übt:

nicht Sorgen sind mehreinem solchen,

der still geworden und stets achtsam.

CHANNO (geeignet)

69

Gehörtdes Großen Lehre, an Geschmack so reich,

vom Besten derAllwissenskenntnis aufgezeigt,

den Weg ging ich, umzum Todlosen zu gelangen,

binKenner jetzt des Pfads zum tiefstenÜbungsfrieden.

PUNNO (der Volle)

70

Die Tugend gilt wohlals die Spitze,

der Weise aber istderHöchste

bei allen Menschenund bei Göttern:

er istder Tugend-Weisheit Sieg.

VACCHAPĀLO (Kalbshüter, Baumhüter)

71

Den äußerst feinen,zarten Sinn zu sehn vermögen,

und die, im Geistgeschickt, im innern Schutz leben,

die gerne folgenallen Buddha-Tugendhaften:

Nibbānam ist nicht schwer für sie mehr zu erreichen.

ĀTUMO (Selbst)

72

Wie Bambussprößling,gut gewachsen bis zur Spitze,

sehr schwer zu brechenist, zu festem Holz geworden

so sprach ich schwerzu meinem Weibe, gut versorgt:

„Ach, laß nun zu, daß ich hinausgezogen jetzt!“

MANAVO (der Junge)

73

Sah den Gealterten, denLeidenden, den Kranken,

den Toten sah ich, der zumLebensende kam:

darum verließ ich alles, zoghinaus,

gab auf die Sinnenfreuden, die den Geist entzückten.

SUYĀMANO (gut Wachender)

74

Den Sinnenwillen,Abneigung

und Schlaffheit beidem Mönch,

das Grübeln innen,Zweifelschwanken:

das ganz und gar gibt es nicht mehr.

SUSĀRADO (Gutherbst)

75

Gut ist das Seh’nder bestens Eingeübten,

der Zweifel spaltetsich und Wachsein wächst, -

den Toren machen siezu einem Weisen,

darum ist gut einsolch Zusammentreffen.

PIYANJAHO (Liebes aufgebend)

76

Bei denHochfliegenden will fallen,

bei Fallenden willfliegen hoch:

will wohnen bei denWohnungslosen,

bei Fröhlichen will micht nicht freu’n.

HATTHĀROHAPUTTO (Hand nicht rot)

77

Dies Herz ging früher immernur auf Wanderschaft,

wohin es wollte, wo es Lustfand, wie sein Glück, -

das werd’ ich gründlichzügeln mir von heute an,

wie Elefanten bricht der Stachelstockdompteur.

MENDASIRO (Widderkopf)

78

DasViel-Geburten-Wandelkreisen

durchwandert’ ichund fand heraus,

der ich zu Leidennur geboren,

daß Leidensmasse falscher Weg.

RAKKHITO

(der Bewachte, Beschützte)

79

Hab aufgegeben jedenReiz,

und jeden Haß ausmir gezogen,

Verblendung ist vonmir gegangen:

bin kühl geworden, bin erloschen.

UGGO (der Mächtige)

80

Was ich getan auchhab an Werk,

sei’s wenig nur undsei es viel:

all das ist rundumnun getilgt -

nicht ist jetzt mehr ein Wiederwerden.

SAMITIGUTTO (Versammlungsbewacht)

81

Was ich getan auchhab an Schlechtem,

zuvor in anderenGeburten,

hier muß es jetzterfahren werden,

ein andres Feld gibt es nicht mehr.

KASSAPO

82

Wo immer reicheBettelgaben

glückbringend sind,von Ängsten frei:

dorthin, meinSöhnchen,gehe du,

nicht sei durch Sorge du besiegt!

SÍHO (der Löwe)

83

Du Löwe, lebe lässignicht!

Bei Tag und Nachtsei niemals faul!

Entfalte denheilsamen Dhammo!

Laß ab vom Körperhaufen schnell!

NÍTO (der Geleitete, Geführte)

84

Die ganze Nacht hater durchschlafen,

am Tag macht ihnGesellschaft froh. -

Wann wird wohl,wahrlich, solch ein Tor

des Leidens Ende sich bereiten? (endlich machen?)

SUNĀGO (der gute Elefant)

85

Das inn’reGeistesbild erkennend weise,

den Einsamkeitsgeschmackmag er erfahren, -

vertiefend sich alsAchtsamer und Kluger,

mag er erlangen Glück, frei von der Welt.

NĀGITO (kleiner Elefant)

86

Da draußen gibt esViele, die was andres lehren,

doch zum Nibbānam führtkein andrer Weg als dieser:

nur gut den Sanghoder Erhabene berät,

der Lehrer selbst läßt seine offne Hand uns sehen.

PAVITTHO (eingetreten)

87

Die Gruppen wirklichsind gesehen,

All-Werdensströmesind gebrochen,

erschöpftGeburtenkreislauf ist,

nicht ist jetzt mehr ein Wiederwerden.

AJJUNO (Silber)

88

Ich konnte wahrlichmir das Selbst

vom Wasser heben aufden Grund,

war wie aus großerFlut gezogen,

als ich die Wahrheiten durchdrang.

DEVASABHO (Götterhalle)

89

HerausgezogenSchmutz und Schlamm,

die Klippen alleferngehalten,

befreit von Flutenund von Fesseln,

die Stolzesarten all zerstört.

SĀMIDATTO (Eignerselbst)

90

Fünf Khandhas sindrundum erkannt,

zerspalten bleibtihr Wurzelwerk:

Geburtenkreislaufist erschöpft,

nicht ist jetzt mehr ein Wiederwerden.

PARIPUNNAKO (Vollender)

91

Nicht gibt es Maßfür feinstes Schmecken,

was ich an Schatzheut hab genossen,

als Gotamo, derweithin sieht,

der Buddho mir die Lehre zeigte.

VIJAYO (Sieger)

92

Bei wem dieEinflüsseerschöpft,

wer an der Nahrungnicht mehr hängt,

wer leer geworden,zeichenlos,

wem Freisein nur istWeidegrund:

gleichwie imHimmelsraum den Geiern,

der Spur von ihm ist schwer zu folgen.

ERAKO (der in Bewegung Setzende, seine Stimme Erhebende)

93

Leidvoll ist Lust, oEraka!

Nicht Glück bringtLust, o Eraka!

Wer sich nach Sinnenlüstensehnt,

ersehnt das Leiden,Eraka!

Wer Sinnenlüstenicht ersehnt,

ersehnt nicht Leiden, Eraka!

METTAJI (Mettagewinner, Mettaeroberer)

94

Verehrung demErhabenen,

dem Sakyersohn so vollerGlanz,

Durch den die Spitzeist erreicht,

der Spitzenlehre aufgezeigt. (ev. Gipfel)

CAKKHUPĀLO (Augenhüter)

95

Blind bin ich mitgetrübtem Auge,

aus wilder Gegendsprang ich fort:

auch schlafend werd’ich nun nicht gehen

mit einem schlechten Freunde mehr.

KHANDASUMANO (Wohlgeist im Alter)

96

Wie eine Blume ließich los

die Zeit der achtzigLebensjahre, -

hab mich anHimmelswohl erfreut,

und mit dem Rest bin ich erloschen.

TISSO (Drei)

97

Zurück ließ ich denSchatz an Bronze,

das viele angehäufteGold,

nahm nur die Schalenoch aus Ton:

dies ist für mich die zweite Weihe.

ABHAYO (Furchtlos)

98

Hat er Gestaltgesehn, Sati vergessen,

den Geist auf das,was lieb, gerichtet,

fühlt er mit tieferregtem Herzen

und haftend bleibtes immer stehn, -

so wachsenihm die Einflußkräfte,

die neu zur Werdenswurzel führen.

UTTIYO

99

Hat er den Klanggehört, Sati vergessen,

den Geist auf das,was lieb, gerichtet,

fühlt er mit tieferregtem Herzen

und haftend bleibtes immer stehn, -

so wachsenihm die Einflußkräfte,

die zum Samsāro ihn nur führen.

DEVASABHO (Götterhalle)

100

Von rechtem Mühenganz erfaßt,

den Satistand alsWeidegrund:

von Freiheitsblütenüberdeckt,

erlischt er ganz, von Einfluß frei.

BELATTHAKĀNI

101

Verließ den Hausstander, tat nichts am SELBST,

macht seinen Mund zueinem Pflug, gefräßig, träge:

gleichwie ein großerEber, vollgemästet,

stets wieder in den Schoß geht solch ein Dummkopf.

SETUCCHA (Sechserbrücke)

102

Wenn sie vom Stolzsind tief getäuscht,

bei den Sankhārasgeistbeschmutzt,

bei Spende-Nichtspendeerregt:

Samādhi sie erlangen nicht.

BANDHURO (Verwandter)

103

In dem hier seh ichkeinen Sinn, kein Glück,

das Dhamma-Schmeckenmich befriedigt,

trank feinstesSchmecken, allerhöchstes:

nicht werd’ ich da mit Gift Bekanntschaft machen.

KHITTAKKO (der Geworfene)

104

Wie leicht istwahrlich mir der Körper,

durchdrungen ganzmit weitem Freudensglück, -

wie Baumwollflocke,die vom Wind bewegt,

so treibt mein Körper leicht dahin.

MALITAVAMBHO (Unreines verachtend)

105

Nicht unzufriedenbleibe wohnen,

sei froh und geheruhig fort!

Was nicht von Wohlbegleitet ist,

mög’st du nicht leben weiten Auges.

SUHEMANTO (Gut-Winter)

106

Bei einemHundert-Zeichen-Ziel,

dashundert Merkmale enthält:

ein Glied nur siehtder Dumme da,

und hundert sieht der Weise wohl.

DHAMMASAVO (Dhammahörer)

107

Ich zog hinaus - wogalles ab -

vom Haus in dieHauslosigkeit, -

drei Wissen habe icherlangt,

getan des Buddho Weisung ist.

DHAMMASAVAPITU (Vater des Dhammahörers)

108

AlsHundertzwanzigjähriger

ich zog in dieHauslosigkeit:

drei Wissen habe icherlangt,

getan des Buddho Weisung ist.

SANGHARAKKHITO (Sanghabeschützt)

109

Nicht wird bei dem,der höchstes Wohl nur immer wünscht,

in Einsamkeit erseiner Weisung voll gerecht,

lebt er dort nur mitungezähmten Sinneskräften,

gleichwie ein Reh von zartem Alter tief im Walde.

USABHO (Bulle)

110

Die Bäume auf denBergesgipfeln treiben aus,

von höchster Wolkesind sie neu besprengt:

dem Freund derEinsamkeit, der „Wald“ wahrnimmt,

dem Usabho läßt das mehr Wohl entstehen.

JENTO

111

Schwer ist derAuszug, schwer ist der Verbleib im Haus, -

die Lehretief, - schwer ist es, Reichtum zu erlangen, -

armselig ist dasLeben uns auf beide Weise:

da paßt’s zu denken stets das Nichtbeständige.

VACCHAGOTTO

112

Dreiwisserbin, groß im Vertiefen,

die inn’re Stillekenn’ ich gut,

den tiefen Sinn habich erschlossen

getan des Buddho Weisung ist.

VANAVACCHO (Waldkalb)

113

Das Wasser in denvielen Klippen,

in denen wilde Tierehausen,

mit Wasserpflanzenganz bedeckt,

die Felsen, sie erfreuen mich.

ADHIMUTTO (Hingegeben)

114

Dem, der den Körperlüstern ehrt,

der schon verlassenwird vom Leben, -

dem, der nachLeibeswohl nur giert:

woher ist dem Asketsein gut?

MAHĀNĀMO (großer Name)

115

Verlassen wollt’ ersich im Berge,

voll Wurzel- undvoll Baumgeflecht,

in dem Nesādaka-Gebirge

mit der berühmtengrünen Decke.

PĀRĀPARIYO (Jenseitserfasser)

116

Hab sechsBerührungen gelassen,

bewacht das Tor undgut gezügelt,

die Leidenswurzelausgespien:

erlangt hab ich Einfluß-Versiegen.

YASO (Ruhm)

117

Gut eingeölt und gutgekleidet,

mit jedem Unterhaltgeschmückt:

drei Wissen icherlangte schon,

getan des Buddho Weisung ist.

KIMBILO (Wurmloch)

118

Gleichwie ein Fluchbricht das Verwehen ein,

ich seh an mir schonandere Gestalt,

doch wenn ichaufmerksam und achtsam bin,

an einen andern ich erinnere das Selbst.

VAJJIPUTTO

119

Geh unters langeWurzelwerk der Bäume!

Nibbānam tief imHerzen siedle an!

Vertiefe Dich, oGotama, nicht lässig!

Was wird Gebabbel Dir noch weiter tun?

ISIDATTO (Meisterselbst)

120

Fünf Gruppen sindrundum erkannt,

sie stehn, ihrWurzelwerk gespalten, -

das Leidversiegenist erlangt,

erlangt hab ich Einfluß-Versiegen.

UTTARO (der Hohe)

121

Keinirgend Werden ist beständig,

Sankhāras sind auchewig nicht, -

nur Khandhas tauchenimmer auf

und gleiten fort schon immer wieder.

122

Als ich dies Elendklar erkannt,

gab ich den Wunschnach Werden auf, -

kam raus aus allenSinnesdrängen,

erfuhr den Einfluß-Untergang.

PINDOLABHĀRADVĀJO

123

Nicht ist dies Lebenda für Not,

die Nahrung nichtfür Herzensnähe, -

die Nahrung stelltden Körper auf:

so sah ich, gehe suchend nun.

124

Als „Schmutz“ hab’ iches bald erkannt:

Gruß und Verehrungbei Familien, -

ist feiner Pfeil,schwer auszuziehn,

schwer läßt man Gastfreundschaft bei Schlechten.

VALLIYO („der Binder“)

125

Der Affe aus denFünfertoren

an dieser Hüttedrängt hinaus.

Durchs Tor er wandertviel herum,

klopft immer wieder: bum, bum, bum.

126

Steh still, du Affe!Rase nicht!

Verhalt’ dich nichtwie früher mehr!

Mit Weisheit halt’ich dich zurück,

wirst nicht mehr in die Ferne schweifen.

GANGATIRIYO (der Gangesuferbewohner)

127

Drei Palmenwedelreichten aus

zur Gangesuferhüttemir, -

die Schädelschalenahm ich mir,

zog Müllplatzfetzenrobe an.

128

Im Laufe zweierganzer Jahre

hab ich ein einzigWort gesprochen, -

im Laufe dann desdritten Jahrs

die Dunkelwand war schon durchbrochen.

AJINO (Ziegenhäutler)

129

Selbst wenn er einDrei-Wisser ist,

der Tod gelassen,einflußfrei:

„Hat nichtsverstanden“, so die Toren

verleumden ihn, die nicht erkennen.

130

Doch wer zu essenund zu trinken

ganz ohne Müh’bekommt, der Mensch,

auch wenn vonschlechter Art er ist,

ist er von ihnen doch geehrt.

MELAJINO

131

Als ich die Lehreangehört

beim Meister, der soruhig sprach:

kein Zweifel wurdemir bewußt

beim Alleswisser, Unbesiegten.

132

Beim Menschenführer,Karawanenführer, (großen) Helden,

beim Besten-Höchstenaller Lenker.

Und auf dem Weg, demÜbungspfad,

den Zweifel gibts nicht mehr für mich.

RĀDHO (Gelungen)

133

Wie in ein Haus, dasschlecht gedeckt,

der Regenungehindert dringt,

so in ein Herz, dasnicht geübt,

der Reiz der Sinnenwünsche dringt.

134

Wie in ein Haus, dasgut gedeckt,

kein Regenungehindert dringt,

so in ein Herz, dasgut geübt,

kein Reiz der Sinnenwünsche dringt.

SURĀDHO

135

Erschöpft ist nunvon mir Geburt,

gelebt dieSiegerbotschaft schon,

verlassen das, was „Netz“genannt,

der Werdensführer ganz entfernt.

136

Aus welchem Grundich zog hinaus

vom Haus in dieHauslosigkeit,

den Grund hab ichgefunden mir:

All-Fesselwerk-Beseitigung.

GOTAMO

137

Im Glück nurschlafen stets die Munis,

die nicht an Frauenmehr gebunden,

die wahrlich stetszu schützen sind,

bei denen Wahrheit schwer erlangbar.

138

Zu töten gingen wirdie Lüste

und sind jetzt freivon jeder Schuld, -

jetzt gehen wir zumNibbānam hin,

wo, angelangt, man nicht mehr trauert.

VASABHO (Bulle)

139

Zuerst er tötet sichdas Selbst,

dann tötet er dieAnderen, -

er tötet gut getötetSelbst,

wie mit der Falle einen Vogel.

140

Nicht machtBrahmanen Außenfarbe,

die Innenfarbe machtBrahmanen, -

bei wem sichschlechte Taten finden,

der dunkel ist, Sujampati!

MAHĀCUNDO (großer Elfenbeinschnitzer)

141

Durch Hörwunschnimmt Gehörtes zu,

Gehörtes bringtWeisheitsvermehrung,

durch Weisheit manden Sinn versteht,

erkannter Sinn bringt Glück mit sich.

142

Sucht weit entfernteLager-Sitze auf!

Verbleiben möge manin Fesselfreiheit!

Wenn sich die Freudedort noch nicht einstellt,

im Sangho lebe man im Selbstschutz achtsam.

JOTIPĀLO (Lichthüter)

143

Und die mit Hilfevon Gewalt,

mit vielfachzweck-gebundnerTat,

die Menschen immerweiter hindern,

die grob im Umgangsind, die Leute,

die streuen da nurimmer aus,

denn keine Tat geht je verloren.

144

Was er auch tut, derMann, an Tat:

ob gut sie oder obsie schlecht, -

er ist stets ganz ihrErbe eben,

was er für Tat auch immer tut.

HERAÑÑAKĀNI (Goldschmied)

145

Es gehen hin dieTage-Nächte,

das Leben wird zuEnde sein, -

die Zeit derSterblichen verdorrt,

gleichwie der Flüßchen Wasserlauf.

146

Und dann nur immerschlechte Taten

vollbringt der Torund wird nicht wach, -

und späterhin fühlter nur Bitteres,

nur schlechte Frucht wird ihm zuteil.

SOMAMITTO (Freund einer Baumart)

147

Auf kleines Holz nuraufgestiegen,

will sitzen er ingroßer Flut, -

so grad nur bis zurTrägheit kommend,

im Guten Lebenderwohl sitzt.

Darum er möge dasvermeiden,

was träge ist und Mindertatkraft.

148

Mit Abgeschiedenen,mit Edlen,

mit Selbstgesammelten,Vertiefern,

mit immerTatkraft-Angefüllten,

mit Weisen möge er nur leben.

SABBAMITTO (Allfreund)

149

Der Mensch amMenschen ist gebunden,

gestützt vom Menschenist der Mensch, -

der Mensch vomMenschen wird gequält,

es quält der Mensch das Menschenkind.

150

Wer durch denMenschen hat Gewinn,

den Menschen, dergeboren ist?

Den Menschen laßich, gehe nun, -

wie sehr hab ich gequält den Menschen.

MAHĀKĀLO (die hohe Zeit)

151

Die dunkle Frau, soübergroß, der Krähe gleich,

den Schenkelausgespreizt und auch den andern Schenkel,

den Arm hat sie gespreiztund auch den andern Arm,

das Haar hat sie gespreiztund ihre Dickmilchbrust:

so sitzt sie da, vertrauensvoll ergeben ganz.

152

Wer dieses wahrlichnicht erkannt und darauf baut,

der geht ins Leidenimmer wieder, dieser Träge, -

darum der MenschenBaustoff sollte er nicht liefern:

„Nicht werd ich wieder mit gespalt’nem Kopfe liegen!“

TISSO (Drei)

153

Viel Feinde er nurstets bekommt,

der Kahle, den dieRobe deckt,

erlangt er leicht zuessen, trinken,

die Kleidung und das Lager auch.

154

Dies als Gefahr,wenn er erkannt,

zeigt er beiSpendern große Scheu, -

mit wenig nur, nichtausgedörrt,

mag achtsam wandern wohl der Mönch.

KIMBILO (Der den Wurm der Vergänglichkeit sieht)

155

Im Osten, in demBambuswald,

die Sakyersöhne,meine Freunde,

die ließen nichtgeringen Reichtum,

am Bettelschalenmahl nun froh,

156

die voller Tatkraft,Selbst-entschlossen,

die ständig fest imStreben sind:

sie freu’ n sich ander Dhammafreude,

wenn sie gelassen Weltenfreude.

NANDO (der Freudige)

157

Nicht bis zum Grundhab ich gedacht,

dem Körperschmuckgab ich mich hin,

unruhig, schwankendwar ich nur,

vom Sinnenlustreiz arg geplagt.

158

Dem Wegetüchtigenich bin,

demBuddha-Sonnen-Anverwandten,

vom Grunde her nunganz gefolgt:

zog aus dem Sein das Herz heraus.

SIRIMĀ (der Glanzvolle)

159

Die einen wohl, sieloben ihn,

wenn ungesammelt istdas Selbst:

den Narren lobendiese einen,

ist ungesammelt ganz das Selbst.

160

Die anderen, sietadeln ihn,

wenn ungesammelt istdas Selbst:

den Narren tadelnandere,

ist gut gesammelt ganz das Selbst.

UTTARO (der Hohe)

161

Die Khandhas sindvon mir erkannt,

der Durst von mirherausgezogen,

entfaltet dieErwachungsglieder,

erlangt der Einfluß-Niedergang.

162

Der ich die Khandhastief erkannt

und hab’ entferntden Netzesspanner,

entfaltet dieErwachungsglieder:

erlöschen werd’ ich, einflußfrei.

BHADDAJI (der Glück gewinnende)

163

„Aufschrei“ - so wardes Königs Name,

aus Gold war seinPalast gebaut:

ging in die Breitesechzehnfach,

nach oben, heißts, auf tausend Wegen.

164

Mißt tausendPfeilschuß, 100 Kuppeln,

geschmückt mitgoldgewirkten Flaggen, -

es tanzten dort dieSänger froh,

sechstausend wohl in sieben Gruppen.

SOBHITO (der Geschmückte)

165

Alsachtsam-weisheitsvoller Mönch,

mit Einsatz allerTatkraftmacht,

500 langeWeltzeitalter

in einer Nacht dacht’ ich zurück.

166

Die vier Satipatthānasgut,

die sieben und achtgeworden schon:

500 langeWeltzeitalter

in einer Nacht dacht’ ich zurück.

VALLIYO (Kletterpflanze, Bast)

167

Was da zutun mit fester Tatkraft,

was da zu tun, ausWunschwelt aufzuwachen,

ich wird’ es tun, wird’nichts versäumen:

sieh diese Tatkraft, angespannt!

168

Und Du,erkläre mir den Weg,

der ins Todlosegerade eingetaucht! (dringt)

Mit Muni-Sein ichwerde Muni werden,

wie Gangesstrom das Meer erreicht.

VÍTASOKO (Sorgenfrei)

169

„Die Haare werd’ ichscheren mir!“

So ging ich zumHaarschneider hin.

Da nahm den Spiegelich zur Hand,

betrachtete das Corpus lang.

170

Leer ist der Körper,sah ich da:

im BlindseinDunkelheit ging fort.

Die Kleider allelegt’ ich ab:

nicht gibt es mehr ein Wiederwerden.

PUNNAMĀSO (Dickbohne (Vollmond?))

171

Fünf Hemmungen, ichhob sie auf,

um Yogafrieden zuerlangen, -

den Dhammaspiegelnahm ich mir:

Erkenntnis-Schauen ganz des Selbst.

172

Als ich betrachtet’diesen Körper,

das ganze Innen unddas Außen:

von innen und vonaußen da

„leer ist der Körper“, sah ich nur.

NANDAKO (Freudiger)

173

Gleichwie ein gutesRassepferd,

ist es gestolpert,wieder steht

und mehr noch zeigtErgriffenheit,

nicht hängen läßt die Wagendeichsel:

174

So den mit Schauenwohl Verseh’nen,

den Voll-Erwachten-Schülerda,

den Durchtrainiertenmich behaltet,

den Sohn des Buddho, legitim.

BHARATO (der Getragene)

175

Komm, Nandaka, wirgehen jetzt

ganz nahe zumVertiefer hin,

das Löwenbrüllenwoll’n wir brüllen

im Angesicht des Buddhabesten.

176

Aus tiefem Mitleidwohl für uns,

für uns zog erhinaus, der Muni,

ist an das Ziel füruns gelangt,

hat alle Fesseln abgetan.

BHĀRADVĀJO (Last-Kraft)

177

Es brüllen so dieWeisheitsvollen,

wie Löwen in derFelsenspalte, -

die Helden, die inKämpfen siegen,

besiegten Māro und sein Nehmen.

178

Der Lehrer wird vonmir verehrt,

geschätzt der Dhammound der Sangho, -

ich bin so froh,mein Sinn ist heiter:

sah schon den Sohn, den Einflußfreien.

KANHADINNO (Dunkel gegeben)

179

Bin immer nah denEdelmenschen

und hab’ die Lehrenoft gehört, -

was ich gehört, werd’ich verfolgen,

ins Todlos geradewegs getaucht.

180

Den Werdensreiz hab’ich zerschlagen mir,

nicht wieder wirdder Werdensreiz erscheinen, -

nicht war er mehr,nicht wird er mir mehr sein,

und auch nicht jetzt wird er mir mehr erscheinen.

MIGASIRO (Wildtierkopf)

181

Als ichhinausgezogen war,

auf wahreBuddhaweisung hin,

da wurd’ ich freiund hob mich hoch,

entkam dem Kern der Sinnenlust.

182

Ich sah nur noch aufBrahmā hin,

da wurde mir dasHerz befreit:

„Undankbar ist dieFreiheit mir!

Die Fesseln all’ sind abgetan!“

SIVAKO (Glück verheißend)

183

Vergänglich sind dieHausnersachen

zu allen Zeiten,immer wieder, -

den Hauserbauer, werda sucht,

hat Leidgeburt nur immer wieder.

184

Du, Hauserbauer,bist durchschaut,

nicht wieder wirstein Haus du bau’n!

Die Rippen all’gebrochen sind,

der Giebel völligeingestürzt.

Ein Herz, das ausder Bahn geworfen,

das wird hier eben abgetan.

UPAVĀNO (Hochwunsch)

185

Der heil, der rechtging in der Welt,

an Schmerzen isterkrankt der Muni.

Wenn sich hierheißes Wasser findet,

dem Muni gibs, Brahmane, du!

186

Verehrt sei’n dieZu-Ehrenden!

Die Zu-Bedienendenbedient!

Geschätzt sei’n dieZu-Schätzenden:

so wünsche ich zu folgen nur.

ISIDINNO (Herrscher gegeben)

187

Durchschaut von mirdie dhammatreu’n Upāsakas:

„VergänglichSinnenfreuden“, sagen sie

und sind erregt beiOhrenringjuwelen,

die sich nach Kindern und nach Frauen sehnen.

188

Schon lange Zeit siekennen wohl den Dhammo:

„VergänglichSinnenfreuden“, sprechen sie, -

doch Reiz zu brechen,reicht die Kraft nicht hin,

so haften sie an Kind und Frau und Reichtum.

SAMBULAKACCĀNO

189

Ein Gott gibt Regenjetzt, ein Gott läßt Regenströme pladdern,

allein bin ich intiefer Wildnis, leb’ in einer Höhle, -

der ich allein intiefer Wildnis bin, in einer Höhle,

kenn’ keine Furcht, bin nicht erstarrt, bin ohne Haaressträuben.

190

Für mich ist diesdes Dhammo eigenstes Gesetz,

daß ich allein in tieferWildnis leb’ in einer Höhle,

bin ohne Haaressträuben, kenn’ keine Furcht, bin nicht erstarrt.

KHITAKO

191

Bei wem istfelsengleich das Herz,

steht fest und wanktnicht hin und her,

ist nicht erregt beischönen Dingen,

bei den bewegendennicht bebt:

bei wem entfaltet sodas Herz,

woher noch Leiden wird da kommen?

192

Bei mir istfelsengleich das Herz,

steht fest und wanktnicht hin und her,

ist nicht erregt beischönen Dingen,

bei den bewegendennicht bebt:

mir ist entfaltet sodas Herz,

woher mir Leiden noch wird kommen?

SONG POTIRIYAPUTTO

193

Nicht ist so lang zuschlafen jetzt,

die Nacht trägtihren Sternenkranz,

tief anzuschauen istsie eben,

die Nacht, für den, der wissen will.

194

Vom Elefantenrückenfallen,

will der Trompetervorwärtsgeh’ n:

im Kampfe tot zusein, ist besser,

als wenn im Leben ich besiegt.

NISABHO (Leitbulle unter Menschen)

195

Fünf Sinnensträngegab ich auf,

die lieben, die denGeist enzückt, -

und aus Vertrauenzog ich fort,

des Leidens Endiger will sein.

196

Bin nicht erfreut amTode mehr,

bin nicht erfreut amLeben mehr, -

die Zeit nur wünscheich herbei,

sie tief verstehend, achtsam stets.

USABHO (Bulle)

197

Als wenn einMangosproß erscheint,

schlang um dieSchulter ich die Robe, -

ich saß mitElefantennacken,

ins Dorf umAlmosen ich trat.

198

Den Elefantenrückentragend,

durchzogErgriffenheit mich tief, -

hinausgehoben warich da,

erlangt der Einflußniedergang.

KAPPATAKURO (Schmutzlumpen-rauh)

199

Das ist Schmutzlumpenträger Kappatakuro,

er zog sich an, wasschwer nur ist zu tragen, -

das Todlos-Bettelschälchenhat das Dhamma-Maß,

der Weg ist da, Vertiefungen zu sammeln.

200

Nun schwanke du nicht,Kappata, mehr hin und her!

Nicht sei beim Ohrmehr schweifend ungezügelt! -

Nicht hast, oKappata, du dann das Maß gekannt,

wenn in der Sanghamitte wird dein Auge schwer.

KUMĀRAKASSAPO

201

Ach, der Buddho!Ach, der Dhammo!

Ach, Vollkommenheitdes Lehrers!

Wo den so geformtenDhammo,

wird verwirklichen der Jünger.

202

In unzählbarenWeltzeitlagern

war ich in Körpereingefügt,

von denen dieser seider letzte:

zu Ende sei diesKörperhäufchen,

Geburts- undTodeswandelkreisen:

nicht ist jetzt mehr ein Wiederwerden.

DHAMMAPĀLO (Dhammahüter)

203

Wer wahrlich schonals junger Bhikkhu

sich bindet an dieBuddha-Weisung,

ganz wach unter denSchlafversunk’nen,

nicht sinnlos ist für den das Leben.

204

Darum an das Vertrau’n,die Tugend,

an Klarheit, an dasDhamma-Schau’n

mag schließen sichder Weise an,

erinnernd sich der Buddha Weisung.

BRAHMĀLI (Brahma-Damm (Deich))

205

Bei wem die Sinnesind zur Ruh’ gekommen,

wie Pferde, die einTrainer gut gezähmt, -

wer Stolz gelassen,wer von Einfluß frei,

die Götter selbst beneiden einen solchen.

206