PETA-VATTHU

DAS BUDDHISTISCHE TOTENBUCH

EIN TEXT AUS DER KÜRZEREN SAMMLUNG DES PĀLIKANONS

Aus dem Pāli übersetzt

von

HELLMUTH HECKER

© 2001 VERLAG BEYERLEIN UND STEINSCHULTE 95236 Stammbach - Herrnschrot Tel.: 09256/460   email: verlag.beyerlein@T-online.de

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 3-931095-31-2

 

[Die Veröffentlichung auf dieser Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.]

 

Inhaltsverzeichnis

Seite [im Original]

Vorbemerkung.......................................... 1

Buch I

1. Das Gleichnis vom Acker........................................ .. 5

2. Das Schweinemaul................................................. 10

3. Der Stinkmund.................................................... 11

4. Die Teig-Puppe................................................... 12

5. Außerhalb der Mauern............................................. 14

6. Die Menschenfresserin der fünf Kinder............................ 18

7. Die Menschenfresserin von sieben Kindern......................... 20

8. Der Ochse........................................................ 21

9. Der Webermeister................................................. 23

10. Die Kahlköpfige.................................................. 24

11. Der Elefant...................................................... 27

12. Die Schlange..................................................... 31

Buch II

1. Selbsterlösung aus dem Samsāro................................... 33

2. Die Mutter des Thera Sāriputto................................... 36

3. Mattā............................................................ 39

4. Nandā............................................................ 43

5. Glänzende Ohrringe = Vv 83....................................... 44

6. Kanha............................................................ 45

7. Dhanapāla........................................................ 47

8. Cūlasetthi....................................................... 50

9. Ankura........................................................... 51

10. Uttaras Mutter................................................... 60

11. Das Fadenknäuel.................................................. 62

12. Der ohrenlose Höllenhund......................................... 65

13. Ubbarī........................................................... 71

Buch III

1. Der im Wasser nicht untersank.................................... 73

2. Auf dem Berge Sānuvāsin.......................................... 76

3. Beim See Rathakāra............................................... 80

4. Die Spreu........................................................ 82

5. Der Knabe........................................................ 84

6. Serinī:.......................................................... 86

7. Der Wildsteller I................................................ 88

8. Der Wildsteller II............................................... 89

9. Der betrügerisch Entscheidende................................... 91

10. Der Reliquienverächter........................................... 94

Buch IV

1. Ambasakkhara..................................................... 96

2. Serissaka = Vv 84............................................... 108

3. Nandaka......................................................... 108

4. Revatī = Vv 52.................................................. 114

5. Das Zuckerrohr.................................................. 115

6. Die Prinzen..................................................... 116

7. Der Königssohn.................................................. 118

8. Die Dung-Esser I................................................ 120

9. Die Dung-Esser II............................................... 121

10. Die Peta-Schar.................................................. 121

11. Patna........................................................... 123

12. Die Mangos...................................................... 125

13. Die Achse und der Baum.......................................... 127

14. Reichtum raffen................................................. 128

15. Die Söhne des Gildemeisters..................................... 128

16. Die 60.000 Hämmer............................................... 132

Nachwort

1. Das Petareich................................................... 135

2. Normalgespenster................................................ 137

3. Höllennahe Gespenster........................................... 138

4. Teilzeit-Gespenster............................................. 139

5. Glückliche Gespenster........................................... 140

6. Sonstige Arten.................................................. 142

7. Lakkhana-Samyutta............................................... 144

8. Die Kulisse der Petawelt........................................ 146

9. Lebensende der Petas............................................ 148

10. Was führt zur Peta-Welt?........................................ 149

11. Das schlechte Wirken (Untugend) im einzelnen.................... 152

12. Wie kann man den Gespenstern helfen?............................ 155

13. Arme Seelen im Katholizismus................................... .159

Quellen-Nachweis......................................... 163

Vorbemerkung

Das indische Wort Peta (Pāli Peto; Skr. Preta) heißt wört­lich Voran(pra)-Gegangene(ita) und bedeutet an sich: Vor­gänger, Ahnen, Verstorbene, Manen, im Sinne des Ausdrucks "Er hat sich zu seinen Vätern versammelt". Verstorbene und Gespenster sind allerdings dem Wort nach im Pāli und Sans­krit identisch. Wie kommt das?

Die meisten Menschen, heute mehr denn je, werden mit zuneh­mendem Alter verbittert und unleidlich und fallen ihrer Um­welt auf die Nerven und zur Last. Sie werden derart unzu­frieden, weil sie nicht mehr so genießen können wie früher und weil sie wegen ihrer Schwäche sich nicht mehr mit Ge­walt durchsetzen können. Sie merken, daß sie immer abhängi­ger von anderen werden, und das versuchen sie dadurch zu kompensieren, daß sie die anderen tyrannisieren - womit sie sich nur immer noch einsamer und ausgestoßener fühlen.

Dieses verbitterte und unfreundliche Mißvergnügen der letz­ten Lebensjahre, das ist genau diejenige Stimmung, die schon im Vorhof des Gespensterreichs weilt. Aus diesem Mißmut heraus ist man bei sich selber trüb und der Umwelt unleid­lich. Das ist die Durchschnittsstimmung des durchschnittli­chen alten Menschen. Und deshalb ist Verstorbener und Ge­spenst im Pāli identisch.

Unser Wort "Gespenst" gibt das gespenstische, ruhelose Her­umgeistern wieder, jedoch sind andere Assoziationen hier ab­zuknüpfen. Gespenster, die auf Friedhöfen und in alten Schlössern umgehen, die spuken und Menschen erschrecken, kommen in diesem Buch überhaupt nicht vor. "Gespenst" (Peta) gilt hier als Name für unerfüllte und unerfüllbare Sinnen­gier, ein ödes Leben, grau in grau.

Der Name Peta-vatthu bedeutet wörtlich "Grundlage (vatthu)der Gespenster (Peta)". Dabei ist die Grundlage das Wirken, die Saat, das Erdreich im Gleichnis in M 12. Und das Gespen­sterdasein ist die Ernte, die Frucht, das Blattwerk im Gleichnis des Baumes.

Von den 51 Erzählungen des Peta-vatthu behandeln aber durchaus nicht alle diesen Saat-Ernte-Zusammenhang, wo­durch ein Mensch als Gespenst wiedergeboren wird. Es sind folgende drei Gruppen auszusondern:

1. Drei Erzählungen sind aus dem Vimāna-vatthu hierher versprengt und sind eine identische Wiederholung: Pv II,5 = Vv Nr. 83; Pv IV,2 = Vv Nr. 84; Pv IV,4 = Vv Nr. 52. Darin ist von Petas nicht die Rede.

2. Drei Erzählungen berichten, wie ein Mensch nach dem Tode in die Götterwelt kommt: Pv I,1; III,5; IV,13.

3. Fünf Erzählungen haben den Trost bei Trauer um Verstor­bene zum Inhalt. Hier ist Peta = Verstorbener, ohne daß irgend etwas über die Art der Wiedergeburt des Be­treffenden gesagt ist. Der Inhalt ist rein diesseitig auf den Hinterbliebenen zugeschnitten: I,4, 8, 12; II,6, 13.

Damit fallen von den 51 Erzählungen 11 aus, es bleiben also nur 40 Geschichten über Saat-Ernte hinsichtlich der Gespen­sterwelt. Dagegen sind die 21 Berichte aus dem 19. Samyut­ta, die ebenfalls diesen Saat-Ernte-Zusammenhang zeigen, mit Recht nicht noch einmal in das Peta-vatthu aufgenom­men worden. Sie sind im Anhang kurz inhaltlich wiedergege­ben, weil sie genau das gleiche Thema behandeln, allerdings ohne die ausführliche Begründung wie im Pv.

Einige Erzählungen kommen auch in den Jātakas vor, nämlich I,8 in J 352; I,12 in J 354; II,6 in J 454; III,9 in J 511. In einem späteren Sanskritwerk von Wiedergeburtsgeschichten (Avadāna-śataka) erscheinen in den 10 Geschichten seines fünften Teils zwei der Pv-Titel: I,6 in Nr. 49 und II,10 in Nr. 46.

Der Übersetzung zugrunde gelegt ist der revidierte Text der PTS von Jayawickrama von 1977 für die Verse und die eng­lische Ausgabe des Kommentars von Masefield von 1980 für die Rahmenerzählungen. Zitiert wird nach den vier Abteilun­gen und innerhalb derer nach den Nummern der Erzählungen, also z.8. IV,12. Als sehr zweckmäßig erwies sich die fort­laufende Durchnumerierung aller Verse von 1 - 814, die un­ten stets angegeben ist. Danach wird aber nur zitiert, wenn es sich um einen einzelnen Vers handelt und nicht um die Geschichte im ganzen. Dagegen numerieren die älteren Aus­gaben, das PED und auch der Kommentar die Verse nur inner­halb einer Erzählung durch, was aber umständlich ist, z.B. III,75 (Teil III, Erzählung 7, Vers 5 = Vers 481). Die Aus­gabe von 1977 weicht in der Zählung der Verse manchmal um eins von den früheren Ausgaben ab: Das jedesmal zu vermer­ken, erschien entbehrlich.

Die Versform ist meist der Sloka von 32 Silben, geschrieben in den Ausgaben in zwei Zeilen zu je 16. Im Deutschen wird dies aber zu Recht immer in vier Zeilen zu je 8 Silben ge­schrieben. Von den 814 Versen haben nur etwa 270 eine ande­re Silbenzahl, meist 11 pro Zeile statt 8. Die Übersetzung folgt dem jeweiligen Versmaß. Selten hat ein Vers statt 4 aber 6 Zeilen: Von daher kommt die unterschiedliche Numerie­rung, je nachdem, ob man diese Zeilen zum vorigen oder zum folgenden Vers zählt.

Der Text besteht aus drei Teilen. Der Hauptteil, der allein als kanonisch gilt und daher bei Jayawickrama allein abge­druckt, ist ohne die Rahmenerzählungen oft nicht verständ­lich. Diese wurden etwa 500 Jahre länger als die Verse nur mündlich überliefert, gelten auch nicht als kanonisch, weshalb sie hier nicht wörtlich übersetzt sind, sondern nacher­zählt. Oft wiederholt die Rahmenerzählung den Inhalt der Verse, was überflüssig ist, und oft sind sonstige Kürzun­gen oder Erläuterungen zum Verständnis sinnvoll. Alle Kom­mentare aber werden am Ende als "Bemerkungen" gegeben, wo­bei der alte Wortkommentar nur selten Erwähnung verdient.

Das Werk erfreut sich bei der Wissenschaft keiner Beliebtheit. So spricht 1920 Moritz Winternitz von Pv und Vv als "höchst unerfreulichen, glücklicherweise wenig umfang­reichen Werken" (Gesch. d. ind. Lit., Bd. 11, S. 77). Ins Deutsche übersetzt wurde bisher auch nur ein kleiner Teil, auch davon meist nur die Verse (Stede, 1914). Im engli­schen Sprachraum haben dagegen drei Indologen es für wert befunden, das Werk herauszugeben, wie unten aus dem Lite­raturverzeichnis zu ersehen ist.

Buch I

I,1: Das Gleichnis vom Acker

In Rājagaha lebte ein unermeßlich reicher Mann, der nur un­ter dem Namen Mahā-dhana-setthi ("viel reicher Gildemei­ster") bekannt war. Er hatte einen einzigen Sohn, den er abgöttisch liebte. Seine Eltern überlegten sich: "Wenn un­ser Sohn auch tausend Taler pro Tag ausgibt, so wird sein Vermögen selbst in hundert Jahren nicht aufgebraucht sein." Daher ließen sie ihn keinen Beruf und keine Kunst lernen, weil sie dachten: "Da das Erlernen einer Kunst eine ermü­dende Anstrengung bedeutet, so mag er eben bei gesundem Kör­per und Geist bequem seinen Reichtum genießen." Als er dann 16 Jahre alt geworden war, führten sie ihm eine entzückende Braut zu, die er nur zu gern heiratete. Daß sie auch nicht den leisesten Sinn für das Religiöse hatte, bemerkte er nicht einmal. Mit ihr verbrachte er seine Zeit, nur dem Ver­gnügen, der Lust, der Zerstreuung hingegeben. Gaben gab er keine und behandelte Asketen und Brahmanen verächtlich.

Als seine Eltern gestorben und er der Alleinerbe des riesi­gen Vermögens geworden war, fielen die letzten Schranken, die ihn noch zurückgehalten hatten. Er gab nun mit vollen Hän­den sein Geld an Tänzer, Sänger, Trinker, Schauspieler, Spie­ler, die sich, wie Motten zum Licht, um ihn drängten und ihn ausbeuteten. Die Sucht zur Übersteigerung ließ ihn immer neue und kostspieligere Ideen finden. Und bei diesem Prassen begann selbst der riesige Reichtum spürbar abzunehmen. Da ver­fiel er auf das Glücksspiel, und nun verschlang der Moloch um so schneller sein Vermögen. Eines Tages war das Vermögen durchgebracht, und er stand vor dem Ruin. Da begann er, um sein Leben des gewohnten Leichtsinns und der verspielten Leich­tigkeit noch fortsetzen zu können, sich Geld zu pumpen. Er er­hielt es zunächst auch, da er ja eine stadtbekannte Persön­lichkeit war. Er verpfändete dafür all seinen Besitz, Haus und Hof, Feld und Flur. Eines Tages waren auch die Pfänder und sein Kredit zu Ende. Die Gläubiger nahmen ihm alles ab, und er stand vor dem Nichts. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Bettler zu werden. So lebte er denn im Ar­menhaus der Stadt kläglich dahin, immer in Sehnsucht nach seinen glücklichen Zeiten.

Er starb nun aber nicht an Kummer, machte auch keinen Selbstmord aus Verzweiflung, sondern - er traf eines Ta­ges den Führer einer Einbrecherbande. Dieser Gangsterchef sagte zu ihm: "Was hast du denn von deinem armseligen, müh­samen Bettelleben? Du bist jung und stark. Komm doch zu uns und verschaffe dir wieder ein besseres Leben." Er bot ihm an, ihn zum Einbrecher auszubilden. Da stimmte er freudig zu. Was seine Eltern ihm hatten ersparen wollen, die Be­rufsausbildung, das mußte er nun doch nachholen, denn auch das Diebeshandwerk will gelernt sein. So mußte er zum er­stenmal in seinem Leben arbeiten und lernen und sich aktiv bemühen. Als er die Anfangsgründe des Räuberwesens eini­germaßen beherrschte, nahm ihn die Bande eines Tages mit auf ihre Tour. Sie postierten ihn an der Tür des Hauses, in das sie einbrechen wollten, gaben ihm eine große Keule in die Hand und sagten, er müsse jeden erschlagen, der sie an der Arbeit stören würde. Er hatte nicht das geringste Ge­fühl, daß dies böse sein könne. In seiner lebensfremden Un­erfahrenheit versagte er kläglich. Als die Bewohner des Hau­ses erwachten, sahen sie ihn, nahmen ihn fest, während die anderen davonliefen. Er wurde zum König gebracht, der den auf frischer Tat Ertappten, nach dessen Bande man schon lan­ge gefahndet hatte, zum Tode durch Enthaupten verurteilte. Unter schrillem Trommelwirbel und mit Peitschenschlägen an­getrieben wurde der mit den Händen auf dem Rücken Gefessel­te zur Richtstätte geführt, die vor den Toren lag. Die Be­völkerung freute sich und klatschte Beifall, da nun endlich der Übeltäter gefaßt war, vor dem kein Haus sicher zu sein schien.

Während er so durch die Straßen geführt wurde, sah ihn Sula­sā, die Stadtschöne, die stadtbekannte, reizende Hetäre, als sie vom Fenster auf den Straßenlärm blickte. In seinen glücklichen Zeiten hatte er Umgang mit ihr gehabt. Nun fühl­te sie Mitleid mit ihm, der von den Höhen göttergleichen Ge­nusses so tief herabgestürzt war. Aus Erbarmen sandte sie ihm rasch einige Süßigkeiten und einen frischen Trunk mit der Bitte an die Wächter, ihm diesen Genuß vor seiner Hin­richtung als "Henkersmahlzeit" noch zu gestatten. Sie über­legte nicht lange, was ihm denn dies noch nützen könne, son­dern sie handelte impulsiv aus spontanem Mitleid.

Um diese Zeit weilte der ehrwürdige Mahāmoggallāno in Rāja­gaha. Er pflegte am Morgen mit dem himmlischen Auge über die Welt zu schauen, um zu sehen, wo Hilfe und Förderung ange­bracht war. Da sah er nun diesen Jüngling. Auch er hatte gro­ßes Mitleid mit ihm, denn er sah klar, daß dieser noch heute zur Hölle gelangen würde, wenn der Scharfrichter sein Haupt von seinem Rumpf trennen würde. Mahāmoggallāno überlegte: "Da dieser Mann auch nicht das winzigste Verdienst gewirkt, sondern nur leichtsinnige und schlechte Taten getan hat, ist er der Hölle verfallen. Wie wäre er zu retten? Wenn er mir die Süßigkeiten und den Trunk geben würde, dann wäre das ge­nug Verdienst für ihn, statt in der Hölle im Himmel wiederge­boren zu werden." So ging er zu den Wächtern und kam gerade in dem Augenblick, als die Geschenke Sulasās ihm gebracht wurden. Als der Delinquent den ehrwürdigen und von Liebe er­füllten Mönch herantreten sah, da schoß es ihm durch den Kopf: "Was habe ich denn davon, wenn ich diese Süßigkeiten esse? Bevor ich sie verdauen kann, ist mir der Kopf abgeschla­gen, und die Würmer werden sie fressen. Wenn ich sie aber die­sem ehrwürdigen Mönch spende, dann könnten sie mir zur Weg­zehrung für die andere Welt dienen." Plötzlich, angesichts des sicheren Todes, fiel ihm die andere Welt ein, um die er sich sein ganzes bisheriges Leben nicht gekümmert hatte, und auch das Gesetz von Saat und Ernte tauchte ihm aus den Tie­fen seines Bewußtseins auf. Was aber hatte er für gute Saat aufzuweisen? Nichts, absolut gar nichts, außer der Möglich­keit, jene Süßigkeiten zu spenden. So gab er freudig die Ga­be der Hetäre an den Mönch weiter. Dieser aß alles auf, trank den Trunk und ging des Weges. Der Jüngling aber fühlte sich trotz seiner Lage zum ersten Mal seit langem wieder froh und heiter.

Sein Schicksal aber nahm seinen Lauf. Das Hinrichtungs­kommando setzte nach jener Episode den Weg fort und ge­langte zur Richtstätte. Dort wurde ihm der Kopf abgeschla­gen. Wegen der Spende an einen Heiligen, an einen der größ­ten Jünger des Erwachten, hatte er sich solches Verdienst erwirkt, daß ihm der Weg zu einer hohen Himmelswelt offen­stand. Aber im Augenblick seines Todes hatte sich sein Sinn Sulasā zugewandt. Er dachte, daß er ihr jene Gabe ver­danke, die ihn so erhoben hatte, als er sie weitergab. Aber er dachte auch sehnsüchtig an die Sinnenlust, die er mit ihr erlebt hatte. So war sein Herz im Todesmoment nicht nur auf Geben, Dankbarkeit und Himmelswelt ausgerichtet, son­dern auf Habenwollen, Genießenwollen mit dem Fleischleib. Durch dieses vorwiegende Bewußtsein gelangte er dann nicht zu den Göttern der Dreiunddreißig oder noch höher, sondern nur zu den erdnahen Göttern der Vier Großkönige. Er wurde eine Baumgottheit, die an einen mächtigen Banyan-Baum mit dichtem Schatten im Dschungel nahe Rājagaha gebunden war.

Als eines Tages Sulasā vor die Stadt fuhr, erschien er ihr, und er konnte sie kraft seiner Fähigkeiten in sein "Himmels­schlößchen" entführen. Zuerst war sie glücklich mit ihm, dann aber merkte sie, wie ihre alte Mutter sich verlassen fühlte und um ihre Tochter jammerte und klagte. So bat sie ihn nach einer Woche, sie wieder nach Hause zu lassen. Da er ihr sehr zugetan war und in ihr seine Retterin vor der Hölle verehrte, zögerte er keinen Augenblick, ihren Wunsch zu erfüllen. Die Leute hatten sie schon überall gesucht und wunderten sich nun, wo sie die ganze Woche gewesen sei. Als sie die Wahrheit erzählte, wollte man es zuerst nicht glau­ben, sie konnte aber die Menschen überzeugen. Diese staun­ten und riefen: "Wahrlich, die Heiligen sind der beste Boden in der Welt für Verdienst. Selbst eine so kleine Gabe läßt einen Menschen unter den Göttern wiedergeboren werden." Die Kunde von dieser Geschichte drang bis zu den Mönchen, die sie dem Erwachten erzählten. Er gab daraufhin den Mönchen dazu folgende Merkverse:

Die Heil'gen sind dem Acker gleich,

der Spender gleicht dem Ackersmann,

dem Saatgut sind die Gaben gleich,

daraus entwickelt sich die Frucht. (1)

Das ist die Saat, das ist das Feld

für Petas und für Spender auch.

Die Saat von Petas wird verzehrt,

aus dem Gegeb'nen wächst Verdienst. (2)

Wer schon hienieden heilsam wirkt

und Rücksicht auf die Petas nimmt,

der gehet zu den Himmeln ein,

weil er ein gutes Werk gewirkt. (3)

Bemerkungen:

Der Anfang dieser Geschichte bis zum Schuldenmachen wird ähnlich aus lange zurückliegenden Zeiten von einem Großkaufmann aus Benares er­zählt, der 800 Millionen besaß und dessen Sohn Mahā-dhanako (Großes Vermögen Habender) genannt wurde. Dort nimmt die Erzählung aber einen anderen Verlauf: Der Jüngling will sich ertränken usw. (J 482).

Im 419. Jātaka wird von einer Hetäre Sulasā aus Benares erzählt, die sich in einen erfolgreichen Einbrecher verliebte, als der zur Richt­stätte geführt wurde. Dort aber will sie ihn befreien, was ihr auch ge­lingt.

Der Playboy oder Sonnyboy scheint auf den ersten Blick außer der Ver­achtung von Asketen nichts Böses getan zu haben. Allerdings war er be­reit, zu rauben und zu töten. Außerdem hatte er offenbar durch seine Verschwendung auch seine Frau ins Unglück gestürzt, hatte in seiner Ausschweifung Ehebruch betrieben und kräftig dem Alkohol gefrönt. So hatte er alle Sīlas der Taten verletzt: Töten und Stehlen als Berufs­ausbildung, Ausschweifung als Ehebruch, Rauschmittel als Gewohnheit. Und dann hatte er, als er verarmte, nicht irgendeine Tätigkeit als Die­ner oder ungelernter Arbeiter angenommen, sondern lag der Gemeinschaft auf der Tasche, indem er ganz selbstverständlich das Armenhaus ausnutz­te und von den milden Gaben der Menschen lebte. Arbeitsscheu und asozial hatte er gelebt. Keine Spur von Höherem war in ihm. Dies alles zusammen und vielleicht noch eine Disposition von früher bestimmten ihn zur Hölle, wenigstens zu der mildest möglichen. Die Gabe an einen Heiligen dagegen konnte ihn etwa bis zu den Stillzufriedenen Göttern bringen, wenn er nicht allzu menschliche Gelüste gepflegt hätte. Aber nachdem der Buddha die Lehre dargelegt hatte, gelangten er und Sulasā zum Verständnis der Lehre.

I,2: Das Schweinemaul

Zu Lebzeiten des früheren Buddha Kassapo lebte unter ihm ein Mönch, der seinen Körper asketisch gezügelt hatte und in Taten nicht das Geringste tat, was einem Mönch nicht ziemt. Darin war er anderen überlegen. Aber er konnte sei­ne Rede nicht bezähmen und kritisierte und schalt seine Mitmönche bei jeder Gelegenheit.

Nach dem Tode wurde er in der Hölle wiedergeboren. Dort mußte er lange Qualen erleiden. Erst als unser Buddha auf Erden erschien, war seine böse Ernte zu Ende. Seine Er­leichterung bestand darin, daß er nun als Peta wiedergebo­ren wurde, als ein normales Hungergespenst, das Speise und Trank entbehrte. Dabei war sein Astralleib von goldener Schönheit, aber sein Mund war wie beim Schwein. Er lebte nahe dem Geierkulm an dessen Fuß. Als nun der ehrwürdige Narada morgens in die Stadt Rājagaha um Almosenspeise ging, sah er den Peta traurig an der Straße stehen und sprach ihn an:

Narada:     Wie gülden glänzt dein Körper dir,

in jede Richtung leuchtet er,

dein Mund jedoch ist wie beim Schwein.

Welch Werk hast früher du gewirkt? (4)

Peta:       Im Tun, da hab ich mich bezähmt,

im Reden aber tat ich's nicht,

deshalb seh ich nun also aus,

wie du es, Narada hier siehst. (5)

So sag ich dir nun, Narada,

was du hier selber also siehst:

Tu nimmer Böses mit dem Mund,

damit kein Schweinemaul du wirst. (6)

Bemerkungen:

Der Mönch Narada kommt außer hier noch in I,3, III,7 - 9 und öfter in Vv vor. In den Lehrreden erscheint er nur in S 12,68, während der Mönch Narada in A V/50 ein anderer sein muß, da diese Rede lange nach dem Buddha unter König Mundo, dem Urenkel Ajatasattus, spielt.

I,3: Der Stinkmund

Ebenfalls zur Zeit des Buddha Kassapo lebten zwei gute Freun­de als Mönche. Sie übten sich in Tugend und Herzensläuterung und lebten in Frieden und Harmonie bei einem Dorfe. Eines Ta­ges erschien bei ihnen auf seiner Wanderschaft ein Ordensbru­der, den sie freundlich aufnahmen. Er ging dann mit ihnen auf Almosengang ins Dorf. Dort sah er, wie die Dorfbewohner die beiden Mönche aufs höchste verehrten und ihnen die besten Din­ge spendeten. Da überlegte er sich: "Entzückend ist dieses Dorf, es gibt reichlich Almosen, die Menschen sind von Glau­ben erfüllt. Hier kann man gut leben, aber nicht, solange die beiden anderen hier sind."

Und er begann, einen bei dem anderen zu verleumden, zu ver­dächtigen und schlecht zu machen. Zuerst wollten sie es nicht glauben, aber schließlich fraß sich das Gift doch ein, und sie wurden mißtrauisch. Und weil sie mißtrauisch waren, deu­teten sie alle Indizien falsch. Schließlich verließen sie, ohne dem anderen etwas zu sagen, den Platz, und jeder ging anderswo hin.

Als die Leute nach den beiden fragten, sagte der Verleumder, sie hätten dauernd miteinander gestritten, und er hätte ver­gebens versucht, sie zu versöhnen. Die Leute aber waren froh, daß sie jedenfalls noch ihn hatten.

Nach einigen Tagen aber überfiel ihn immer stärker das schlechte Gewissen. Vorwürfe und Reue plagten ihn und ver­düsterten sein Gemüt. Binnen kurzem starb er - und wurde in der Erzhölle wiedergeboren. Zur Zeit unseres Buddha war sei­ne Höllenqual abgelaufen, und er wurde von der Hölle befreit. Nun war er ein Peta, der nahe Rājagaha lebte. Vom Geierkulm herabkommend, sah ihn Narada und sprach ihn an:

Narada:     Gar himmlisch lieblich bist du anzusehn und schön,

du stehst und schwebst im Raume in der Luft,

doch deinen übelriechend Mund zerfressen Würmer.

Was ist es für ein Werk, das einstmals du gewirkt? (7)

Peta:       Ich war Asket, war böse, Schlechtes redend,

Im Wandel Büßer, unbezähmt in Worten.

Erlangt hab ich durch Buße schöne Artung,

doch stinkt mein Mund, weil ich hab hintertragen. (8)

Dies hast du, Narada, nun also selbst gesehn,

was mitleidsvoll die Guten würden sagen:

"Sprich niemals hintertragend, niemals lügend,

dann wirst gewiß ein wunschgenießend Yakkha du." (9)

Die beiden Mönche aber trafen sich nach einiger Zeit wie­der. Da erzählten sie sich gegenseitig, was der Verleum­der gesagt hatte. So wurden sie wieder Freunde, und die alte Harmonie kam wieder auf. Sie begaben sich zu ihrem Dorf, und als die Leute sie erblickten, waren sie über­glücklich und versorgten sie mit allem. Die beiden aber übten sich in der Lehre und entwickelten immer tiefere Einsicht. Schließlich erreichten sie beide die Heiligkeit.

Bemerkungen:

Der böse Mönch war ein reiner Verleumder, er hetzte mit Lügen die an­deren gegeneinander auf und verbreitete Unwahrheiten über sie. Hin­tertragen im eigentlichen Sinne hatte er wohl nicht, denn von Hinter­tragen spricht man nur bei wahren Dingen. Aber vielleicht hatte er auch einmal ein leichtes Vergehen des einen weitergetragen oder etwas aus der Vergangenheit und es dann aufgebauscht und zur Spaltung be­nutzt. Jedenfalls gelangte er in die schlimmste aller Höllen, in die Erzhölle, was der Mönch in I,2 noch nicht erlebte. Sein Sinn ist nun nur auf die nächsthöhere Götterwelt gerichtet. Wer nicht lügt und hinterträgt, der komme zu den Vier Großkönigen, zu denen die Yakkhas gehören (Vers 9).

I,4: Die Teig-Puppe

Anāthapindiko hatte eine Enkelin, die noch ein kleines Kind war. Ihre Amme gab ihr eines Tages eine Puppe aus Teig, aus Mehl gebacken, zum Spielen. Das Kind freute sich sehr darüber und sprach von dieser Puppe nur als von ihrer Tochter. Als sie aber einmal nicht aufpaßte, da fiel die Puppe auf die Erde, und der Keksteig, der ganz hart gewor­den war, zerbrach. Das Kind aber war untröstlich und jam­merte immer: "Meine Tochter ist gestorben." Niemand ver­mochte sie zu trösten.

Damals hatte Anāthapindiko gerade den Buddha zum Mahle ge­laden, und beide saßen zusammen. Da kam die Amme mit dem Kind zu Anāthapindiko. Er fragte, warum sie denn weine. Die Amme erzählte den Grund. Da nahm er das Kind auf den Schoß und sagte tröstend: "Ich werde für deine Tochter Almosen spenden." Dann wandte er sich an den Buddha und sprach: "Ich möchte gern für die Puppe, meine Urenkelin, Almosen spenden. Gut wäre es, wenn der Erhabene mit 500 Mönchen morgen zum Mahle zu mir käme." Der Erwachte stimmte schweigend zu. Am nächsten Tage fand das Essen statt. Am Ende wandte sich der Buddha mit folgenden Versen an Anāthapindiko:

Auf wen bezogen man auch ist,

wenn ohne Geiz man Gabe gibt,

sei's für die Vorverstorbenen,

sei's für des Hauses Götter hier, (10)

für die Vier Großen Könige,

die Weltenhüter, ruhmesreich,

Kuvero, Dhatarattho auch,

Virūpakkho, Virūlhako,

die werden alle so verehrt,

und Geber sind nicht ohne Frucht. (11)

Was aber Weinen, Kummer ist,

Wehklagen oder was es sei,

nicht nützen die Verwandten so

dem Peta im geringsten nur. (12)

Doch wer hier jene Gabe gibt,

verwendend für den Orden sie,

dem wird für lange Zeiten dies

zum Vorteil dienen ganz gewiß. (13)

Bemerkungen:

Vers 10: Vorverstorbene (pubba-peta). Hier steht Peta im allgemeinen Sinne als Tote, aber durch die Konfrontation mit den dann genannten Göttern doch auf die Welt der Gespenster (Peta) bezogen. (Ebenso siehe Pv A p. 92 (Ü: S. 100 für Pv II,5)

Die Hausgötter (vatthu-deva) sind die Erdgötter von Grund und Boden (vatthu), den römischen Laren vergleichbar. Sie gehören zu den Unter­gebenen der Vier Großkönige, deren Namen in Vers 11 genannt sind. Jeder steht einer Gruppe Jenseitiger vor.

Vers 12/3 = Vers 23/4

I,5: Außerhalb der Mauern

In jenem Weltzeitalter, das dem 91. Äon mit dem Buddha Vi­passi unmittelbar voranging, lebte in einer Stadt namens Kāsipurī König Jayasena. Seine Frau, Königin Sīrimā, gebar einen Sohn, Phussa. Dieser war ein Bodhisatta und ging bald in die Hauslosigkeit und erreichte die Erwachung. Der König war sehr stolz auf seinen Sohn und nahm in An­spruch, daß er allein für ihn und den Orden sorgte. Der König hatte aber noch drei Söhne, von einer anderen Frau, die dachten, daß ein Buddha für die ganze Welt erscheint, nicht nur für einen Menschen, wie ihren Vater. So veranlaß­ten sie, daß an der Grenze Unruhe auszubrechen schien. Als der König davon hörte, sandte er seine drei Söhne zur Be­schwichtigung. Sie waren erfolgreich. Der König war hoch­erfreut und stellte ihnen die Erfüllung eines Wunsches in Aussicht. Da wünschten sie, auch dem Buddha Phussa aufwar­ten zu dürfen. Der König aber schüttelte den Kopf: "Alles könnt ihr wünschen, nur das nicht." Sie baten, wenigstens für eine Zeit den Orden versorgen zu dürfen. Für sieben Jah­re? Sie gingen immer weiter herunter, aber jedesmal verwei­gerte der König es. Als sie schließlich bei drei Monaten angekommen waren, gab er nach. So versorgten die drei den Buddha, ihren Halbbruder, für die drei Monate der Regenzeit mit allem Notwendigen. Sie hatten dafür ihren Gouverneur in der Gegend, wo der Buddha weilen würde, instruiert, ein Kloster zu bauen und alles heranzuschaffen, was nötig war. Als alles bereit war und die Regenzeit begann, begaben sie sich mit zahlreichen Helfern zu dem neuen Kloster und ver­sorgten den Buddha und den Orden die drei Monate. Alles wurde gut organisiert, und die Bevölkerung half eifrig mit. Es gab aber ein paar Chaoten, die versuchten, die Spenden zu verhindern. Sie unterschlugen sie und aßen selber davon. Dann steckten sie den Eßsaal in Brand. Das Spenden aber konnten sie nicht verhindern. Nach Ablauf der Regenzeit kehrten die Prinzen und ihre Helfer nach Kāsipurī zurück. Der Buddha Phussa aber wanderte mit ihnen und ging dann ins Nirvāna ein.

Nachdem die drei Königssöhne und ihr Gouverneur und andere Helfer gestorben waren, wurden sie in den Himmeln wiederge­boren. Die Chaoten aber in den Höllen. Und wenn diese beiden Gruppen in ihrem Bereich gestorben waren, erschienen sie je­weils dort wieder, die einen in Himmeln, die anderen in Höl­len. So ging das 92 Weltzeitalter lang. In unserem glückli­chen Weltzeitalter, das fünf Buddhas trägt, geschah es, dass die Chaoten unter dem Buddha Kassapo erstmals wieder die Höl­le verlassen konnten und ins Petareich aufstiegen. Als Petas sahen sie, wie Menschen spendeten und damit ihren Peta-Ver­wandten nützten. Da fragten sie den Buddha Kassapo, wodurch sie dies auch erreichen könnten. Er sagte, das sei noch nicht möglich. Erst wenn später ein Buddha namens Gotamo erscheinen werde, dann werde auch ein König namens Bimbisāro erscheinen, der sei ihr Verwandter vor 92 Äonen gewesen, und was er dem Buddha spende, das könne ihnen zugute kommen. Da freuten sie sich so, daß ihnen war, als ob dies schon am nächsten Tag eintreten würde.

Als dann der Buddha Gotamo in der Welt erschien, kamen die drei Königssöhne und viele Begleiter aus der Götterwelt erst­mals wieder als Menschen zu irdischer Geburt. Sie wurden bald Asketen, und zwar die drei Brüder der Flechtenträger von Gāya, die der Buddha Gotamo bald belehrte, bekehrte und die bald Heilige wurden. Ihr Gouverneur aber wurde König Bimbisāro. Als der König bald den Buddha einlud, da freuten sich die Petas und hofften, er würde ihnen die Gabe widmen. Der König aber dachte allein daran, wie er dem Buddha ein Kloster stif­ten könne. Da heulten und jammerten die Petas, und zwar nachts so laut, daß der König es hörte. Er bekam einen Schreck und fragte am Morgen den Buddha, was das nächtliche Geistergejam­mer wohl zu bedeuten habe, ob ein Unglück bevorstehe. Der Buddha aber beruhigte ihn und erklärte ihm, daß frühere Ver­wandte aus dem 92. Weltzeitalter um Hilfe bäten. Da spendete der König dem Buddha und dem Orden, und mittels der Kraft des Buddha wurden die Petas ihm dabei sichtbar, wie sie außerhalb der Mauern standen.

Wenn der König Trinkwasser spendete und sagte, es möge sei­nen Verwandten zugute kommen, da erschienen schon in der Petawelt reiche Lotusteiche mit entzückenden Blumen. Sie tranken davon, badeten dort und labten sich. Durst und Schwäche vergingen ihnen, und ihre Haut wurde gülden. Als Bimbisāro Reisgrütze spendete und andere Nahrungsmittel, da bekamen sie ebenso zu essen. Sie genossen es und wurden gekräftigt. Der König gab Kleidung und Unterkunft, da ent­standen Paläste mit bestem Mobiliar und viele Kleider. Da­nach sprach der Buddha zur Erklärung zum König folgende Verse:

Buddha:     Sie stehen vor den Mauern da,

an Kreuzungen, an Plätzen auch,

sie stehn an Pfosten vor der Tür,

zum eignen Haus gekommen her. (14)

Zum Essen, Trinken, Fülle gibt's

an Nahrung, die vorhanden ist,

doch niemand an die Wesen denkt,

die einst sich so ihr Los gewirkt. (15)

Nur wenn von Mitleid sind erfüllt

Verwandte, solche geben dann

rechtzeitig, was erlesen, rein,

an passend Essen, Trinken ist:

"Für unsere Verwandten sei's,

Verwandte sollen glücklich sein." (16)

Und diese dann versammeln sich,

Verwandte aus der Petawelt.

Was ist an Essen, Trinken, da,

des freuen sie aufrichtig sich: (17)

Petas:      "Lang mögen leben Unsrige,

von denen dieses wir erlangt,

die uns gewürdigt und verehrt,

denn Geben bleibt nicht ohne Frucht." (18)

Buddha:     Nicht gibt's im Jenseits Ackerland,

nicht findet man auch Viehzucht dort,

nicht gibt es Handel, so wie hier,

nicht gibt es Geld, Kauf und Verkauf.

Nur das, was hier gegeben ward,

den Petas drüben kommt zugut. (19)

Wie Regen, der auf Bergen fiel,

nun stets bergabwärts weiterfließt,

so kommt, was hier gegeben ist,

den Petas drüben wohl zugut. (20)

Wie große Ströme, übervoll,

den Ozean erfüllen stets,

so kommt, was hier gegeben ist,

den Petas drüben wohl zugut. (21)

Peta:       "Sie gaben, taten wohl für mich,

Genossen, Freunde, wer verwandt,

uns Petas möge geben man,

gedenkend, was man sich erwirkt." (22)

Buddha:     Was aber Weinen, Kummer ist,

Wehklagen oder was es sei,

nicht nützen die Verwandten so

dem Peta im geringsten nur. (23)

Doch wer hier jene Gabe gibt,

verwendend für den Orden sie,

dem wird für lange Zeiten dies

zum Vorteil dienen ganz gewiß. (24)

Dies ist die Pflicht Verwandter, hier beschrieben:

Den Petas ist Verehrung reichlich worden,

den Mönchen aber hat man Kraft gegeben,

nicht wenig also ist Verdienst, was ihr gewirkt. (25)

Bemerkungen:

Diese 12 Verse kehren wörtlich als 7. Stück des Khuddakapātha wieder.

Vers 23 - 24 = Vers 12 - 13.

Die Geschichte klingt phantastisch und scheint dem Gesetz des Wandelseins zu widersprechen. Wie können Wesen 92 Äonen lang in der Hölle oder im Him­mel bleiben? Wie ist solche Beständigkeit innerhalb der allgemeinen Unbe­ständigkeit des Daseins möglich?

Was das himmlische, übermenschliche Dasein angeht, so hat dies ja viele Ebenen. Es heißt hier nur, daß die Wesen nicht unterhalb davon sanken, al­so nicht Menschen oder gar untermenschliche Wesen wurden. Die Himmel sel­ber sind sehr unterschiedlich, auch die Brahmas gehören dazu. Und die le­ben äonenlang. Angesichts dessen wird die Zeitangabe schon relativer. Dann ist ein Leben, das eines höheren Brahma, mehrere Äonen lang.

Schwieriger ist indes das gleichbleibende Höllendasein zu verstehen. Wenn Devadatto für viel schlimmere Taten, als die hier beschriebenen Chaoten sie begangen haben, "nur" ein halbes Äon in die Hölle kam, wieso sollen dann jene 92 Äonen leiden. Wo ist da die Gerechtigkeit und die Saat-Ernte­Verhältnismäßigkeit? Dazu wäre zu sagen: Erstens heißt es von Devadatto, daß er in die Erzhölle kam, in die schlimmste Leidensform. Davon ist hier, im Gegensatz zu Pv I,3, nie die Rede. Es könnte doch sein, daß ein halbes Äon Erzhölle schlimmer ist als 92 Äonen "normale" Hölle.

Zweitens sind die Höllen ebenso unterschiedlich gestaffelt wie das Peta­reich. Die "mildesten" Formen sind von den höllennahen Gespenstern kaum zu unterscheiden. Die Chaoten könnten dann immer nur an dieser Grenze er­schienen sein.

Drittens gehören zur Hölle auch die Höllenwächter, die Quälgeister, die sozusagen "glückliche Höllische" sind, weil sie während dieser Zeit sel­ber nicht leiden, sondern andere leiden lassen. Das mag die Leidenszeit schon erheblich verkürzen.

Viertens, und vor allem aber, gibt es Höllen nur, solange es die Sinnen­welt gibt. Und die Sinnenwelt gibt es nur während der Weltausbreitung, nicht während der Weltzusammenballung. Dann bestehen die Wesen nur aus Brahmas. Also steht das Höllendasein der Chaoten unter der stillschweigen­den Voraussetzung einer Wenn-dann-Klausel. Wenn es Höllen gibt, dann sind sie dort. Wenn es diese nicht gibt, dann sind sie Brahmas wie die anderen Wesen.

Trotzdem mag der Eindruck des Phantastischen bleiben. Aber noch viel phantastischer ist es, daß im geschlossenen Leidenskreislauf des Sam­sāro ein Buddha erscheinen kann. Das ist ein ungleich größeres Wunder, als 92 Äonen in Himmel oder Hölle zu weilen. Und das Spenden oder Ver­weigern gegenüber einem Buddha hat ebenfalls wunderbare und phanta­stisch klingende Auswirkungen. Wer in den Anziehungsbereich eines Bud­dha kommt - im Guten oder Bösen -, der erlebt einen Abglanz von Be­ständigkeit.

Die Rahmenerzählung zeigt auch die große Bedeutung dieses 92. Äons. Im 91. Äon lebte der Buddha Vipassi, von dem noch heute Jünger als Nicht­wiederkehrer im Himmel der Reinhausigen existieren, wie es in D 14 be­schrieben ist. Und die Laien, die seit dem 92. Äon in Himmeln lebten, stellten zu Lebzeiten des Buddha die größte Schar von Indern, die ge­schlossen dem Orden beitraten und binnen kurzem samt und sonders Hei­lige wurden. Das waren die drei Kassapos, die Führer jeweils von Hun­derten von Asketen. So wie sie vor 92 Äonen mit ihren Freunden dem Buddha Phussa aufgewartet hatten, so dienten sie nun als Mönche gei­stig dem Buddha Gotamo. Das 92. Äon scheint dasjenige zu sein, das noch Ausstrahlungen bis in die Zeit des Buddha hatte. So weit zurück lagen die karmischen Ursachen für die drei Kassapos und für Bimbisāro.

I,6: Die Menschenfresserin der fünf Kinder

In einem Dorf bei Sāvatthī lebte ein vermögender Mann. Sei­ne Ehefrau war unfruchtbar. Seine Verwandten drängten ihn, eine andere Frau zu nehmen, aber da er sie liebte, wollte er es nicht. Da sagte sie zu ihm: "Ich bin unfruchtbar, o Herr. Eine andere Braut muß her, laß die Linie der Familie nicht aussterben." Als sie ihn so drängte, willigte er schließlich ein und nahm sich eine zweite Frau hinzu. Diese wurde dann bald schwanger. Da wurde die erste Frau plötz­lich neidisch und fürchtete, daß die zweite Frau nun Herrin im Haus sein würde, während man sie zurücksetzen würde. Übermannt von dieser Eifersucht suchte sie eine Pilgerin auf, die ihr ein Abtreibungsmittel verschaffte, das sie der zweiten Frau beibrachte. Das Folgende schildern die Verse.

Bald nach dem Meineid starb die erste Frau und wurde nahe ihrem Dorf als Petī wiedergeboren. Eines Tages kamen acht Ordensältere nach verbrachter Regenzeit auf dem Wege nach Sāvatthī dort vorbei. Dort zeigte sich die Petī ihnen, und der Führer der Mönche befragte sie. Danach - und das steht nicht mehr in den Versen - bat sie die Mönche, zu ihrem einstigen Mann zu gehen und diesen zu bitten, dem Orden zu spenden und das Verdienst daran ihr zu widmen. So ge­schah es auch. Dadurch wurde die Petī von ihrem Elend er­löst und erlangte göttergleiche Erleichterung. In der fol­genden Nacht konnte sie ihrem Mann erscheinen und ihm dan­ken.

Mönch:      Nackt bist du, unschön anzuschaun,

riechst übel, hauchst Verwesung aus,

von Fliegen bist du übersät:

Wer bist du, der du also weilst? (26)

Petī:       Bin eine Petī ja, o Herr,

ging abwärts, kam in Yamas Welt.

Nachdem ich böses Werk gewirkt,

gelangt ich in die Petawelt. (27)

Fünf Kinder morgens ich gebär,

fünf weitere am Abend dann.

Geboren kaum, da freß ich sie,

doch nimmer werde ich da satt. (28)

Mein Herz von Hunger wird verzehrt,

es brennet und es raucht davon,

zu trinken ich bekomme nichts.

Sieh, welches Unglück mir beschert! (29)

Mönch:      Was hast du Böses denn getan

in Werken, Worten und im Geist?

Für welches Wirken reift es dir,

daß du das Fleisch der Kinder frißt? (30)

Petī:       Die Mitfrau, die war schwanger einst,

und ich war böse ihr gesinnt,

verderbt im Geiste brachte ich

die Leibesfrucht zur Abtreibung. (31)

Der Embryo nach Monden zwei

ist blutig da hinweggeströmt,

und seine Mutter, aufgebracht,

rief die Verwandten schnell herbei.

Sie hieß mich schwören einen Schwur,

nachdem sie mich gescholten hat. (32)

Ich leistet einen furchtbarn Schwur,

ich log und wurde meineidig:

"Will essen eigner Kinder Fleisch,

wenn ich so etwas hätt verübt." (33)

Als Reife dieses Wirkens dann

und für die Lüge ebenfalls

freß ich hier meiner Kinder Fleisch,

von Eiter und mit Blut beschmiert. (34)

Bemerkungen:

Die Geschichte kehrt in Avadāna-śataka Nr. 49 wieder. Die Verse 27 bzw. 30 kehren sehr häufig in Pv wieder. Die Petī erschien unterhalb des Durchschnitts der Petas wieder, unschön anzusehen und häßlich riechend, dazu nackt und von Fliegen umgeben oder Blut beschmiert (makkhika = mit Fliegen; makkhita = beschmiert. Beides mag ver­wechselt sein). Das ist der Zusatz außer dem Hungerleiden. Ferner ist die Hauptstrafe für Mord und Meineid, daß sie ihre zehn Kinder täglich fressen muß, außer den Geburtswehen täglich.

I,7: Die Menschenfresserin von sieben Kindern

Mönch:      Nackt bist du, unschön anzuschaun,

riechst übel, hauchst Verwesung aus,

von Fliegen bist du übersät:

Wer bist du, der du also weilst? (35)

Petī:       Bin eine Petī ja, o Herr,

ging abwärts, kam in Yamas Welt.

Nachdem ich böses Werk gewirkt,

gelangt ich in die Petawelt. (36)

Früh sieben Kinder ich gebär,

am Abend sieben weitre dann.

Geboren kaum, da freß ich sie,

doch nimmer werde ich da satt. (37)

Mein Herz von Hunger wird verzehrt,

es brennet und es raucht davon,

ich finde Branderlöschung nicht,

von innrer Feuersglut gequält. (38)

Mönch:      Was hast du Böses denn getan

in Werken, Worten und im Geist?

Für welches Wirken reift es dir,

daß du das Fleisch der Kinder frißt? (39)

Petī:       Ich hatte einst der Söhne zwei,

mit Jugendschönheit reich begabt,

ich, durch die Fruchtbarkeit betört,

verachtete den Gatten mein. (4D)

Da wurde böse mein Gemahl

und nahm sich eine andre Frau,

und als sie von ihm schwanger ward,

da wurde ich ihr bös gesinnt. (41)

Verderbt im Geiste brachte ich

die Leibesfrucht zur Abtreibung,

der Embryo nach Monden drei

in faulem Blute ging dahin. (42)

Und seine Mutter, aufgebracht,

rief die Verwandten schnell herbei.

Sie hieß mich schwören einen Schwur,

nachdem sie mich gescholten hat. (43)

Ich leistet einen furchtbarn Schwur,

ich log und wurde meineidig:

"Will essen eigner Kinder Fleisch,

wenn ich so etwas hätt verübt." (44)

Als Reife dieses Wirkens dann

und für die Lüge ebenfalls

freß ich hier meiner Kinder Fleisch,

von Eiter und von Blut beschmiert. (45)

Bemerkungen:

Die Vorgeschichte ähnelt 1,6. Nur ist hier nicht Unfruchtbarkeit, son­dern gerade Fruchtbarkeit Anlaß des Neides. Die erste Frau besaß eine der fünf Kräfte der Frauen, die S 37,25 ff nennt, nämlich putta-bala (die Kraft, Kinder zu haben oder Söhne zu haben). Hier ist wohl die Kraft, Stammhalter zu gebären, gemeint. Die Frau war nicht, wie Gehmann übersetzt, stolz auf die Kraft und Stärke ihrer Söhne (Vers 40), sondern eingebildet auf ihre Mutterschaft (so richtig Masefield, S. 42 FN 6). Dann wurde sie eifersüchtig auf die zweite Frau, die sich ihr Mann nur genommen hatte, weil sie so überheblich war und ihren Mann verachtet hatte. Sie wollte Alleinherrscherin bleiben und mißgönnte der Mitfrau die Mutterschaft.

I,8: Der Ochse

Einem reichen Mann in Sāvatthī war sein Vater gestorben. Er war untröstlich und rannte wie ein Irrer herum, jeden fra­gend, ob er seinen Vater gesehen habe. Als der Buddha mor­gens über die Welt blickte, sah er, daß in diesem Mann die Bereitschaft zum Verständnis des Leidens und seiner Überwin­dung reif geworden war. So ging er um Almosen zu seinem Haus. Der Mann lud ihn zum Essen ein und fragte den Buddha, ob er wisse, wohin sein Vater gegangen sei. Der Buddha stellte so­fort die Gegenfrage, welchen Vater er wohl meine, den dieses Lebens oder einen der früheren Väter? Da war der Mann plötz­lich angerührt. Er sah: Ich habe ja schon viele Väter gehabt, und alle sind gestorben. So legte sich sein Kummer, und er gewann wieder etwas Fassung. Der Buddha sprach dann so zu ihm, daß sein Kummer noch weiter aufgelöst wurde, und dann gab er ihm die stufenweise Lehrdarlegung: vom Geben, Tugend, Jenseits, Herzensfrieden. Und als der Hausvater dadurch be­reitet war, legte er ihm die vier Wahrheiten dar. Dadurch ge­langte dieser sofort zur Frucht des Stromeintritts und nach dem Tode zum Himmel. Dann kehrte der Buddha ins Kloster zu­rück. Die Mönche sprachen gerade darüber, wie erstaunlich es sei, daß der Buddha in einem kurzen Gespräch den verzwei­felten Hausvater zum Stromeintritt geführt habe. Darauf er­zählte er ihnen, wie er schon früher selber als Sohn eines trauernden Hausvaters diesen vom Kummer befreit habe, aber nur für jene Existenz. Er habe damals am Beispiel eines toten Ochsen den Vater vom Kummer abgebracht:

Vater:      Was tust du wie ein Irrer denn

und reißest ab das grüne Gras

und redest immer: "Iß doch, iß!"

zu diesem toten alten Ochs? (46)

Denn nicht durch Speise und durch Trank

kann aufstehn der gestorbne Ochs,

und zwecklos redest du daher,

wie wenn du den Verstand verlorn. (47)

Sohn:       Der Ochs hat Füße noch und Kopf,

er hat den Körper mit dem Schwanz,

die Augensterne sind noch da.

Warum sollt er nicht stehen auf? (48)

Großvaters Hand und Fuß und Leib

und Kopf sieht man nicht mehr.

Wenn du bei seinem Grabmal weinst,

hast du nicht den Verstand verlorn? (49)

Vater:      Wie Feuer brannte Kummer mir,

in das man flüss'ge Butter gibt;

gleichwie man Wasser gießt hinein,

hast alles Weh du mir gelöscht. (50)

Des Kummers Stachel zog er raus,

der mir in meinem Herz gesteckt.

Den Kummer, der mich ganz erfüllt,

den Vaterkummer nahm er mir. (51)

Der Kummerstachel, der ist fort,

bin kühl geworden, brandgelöscht,

ich trau're nicht, ich wein nicht mehr,

nachdem, mein Sohn, ich dich gehört. (52)

Sprecher:   Die weise sind, die handeln so,

sie nehmen anderer sich an,

sie machen sie vom Kummer frei,

wie seinen Vater Sujāta. (53)

Bemerkungen:

Die Vorgeschichte erscheint kürzer auch in J 352 E. Dort aber erzählt dann der Buddha das Jātaka dem Hausvater und nicht den Mönchen. Die Verse 50 - 52 kommen noch sehr oft im Kanon vor: Vv 83, Pv II,6 + 13; J 352, 372, 410, 449, 454. In J steht in Vers 52 anavila statt siti­bhuta. J 352 ist in der "Schatzkiste" von Fritz Schäfer nacherzählt (1. Aufl. S. 418; 2. Aufl. S. 386).

I,9: Der Webermeister

Einstmals hatte eine Gruppe von 12 Mönchen den Buddha um einen Meditationsgegenstand gebeten, um in der Regenzeit sich danach zu üben. Als sie ihr Thema erhalten hatten, suchten sie einen geeigneten Ort. Dabei kamen sie zu einem Weberdorf in einem Wald. Dort wohnten 11 Weber, die rasch Hütten errichteten und sie mit allem versorgten. Der Weber­meister versorgte zwei Mönche, die übrigen zehn Weber je einen Mönch. Die Ehefrau des Webermeisters aber war eine ungläubige Materialistin, geizig und kleinlich. Als der We­bermeister sah, daß sie sich weigerte, den Mönchen etwas zu geben, nahm er sich eine zweite Frau, und zwar deren Schwester. Die war hochsinnig und versorgte die Mönche ehr­fürchtig mit allem Nötigen. Am Ende der Regenzeit gab jeder der Weber den Mönchen ein Gewand. Die erste Frau aber ver­fluchte ihn, wie im Vers gesagt.

Als der Webermeister gestorben war, wurde er eine mächtige Baumgottheit mit einem schönen Vimāna. Die geizige Frau überlebte ihn. Als sie starb, wurde sie eine leidende Petī, nicht weit von ihm. Sie bat ihn um Hilfe. Er verschaffte ihr bestes Essen und schönste Kleidung, aber sowie sie es berührte, wurde es zu Kot und Urin, Blut und Eiter, und das Kleid wurde glühendes Kupfer. So ging sie heulend davon.

Zu jener Zeit hatte sich ein Mönch einer Karawane angeschlos­sen, die nach Sāvatthī zog, wo er den Buddha aufsuchen woll­te. Er verirrte sich aber in einem Wald. Da sah in die Baum­gottheit und erschien ihm in menschlicher Form und zeigte ihm sein Vimāna und versorgte ihn. Da kam die Petī wieder und bat erneut um Nahrung und Kleidung. Doch wieder konnte sie nichts annehmen wie vorher. Darauf entspann sich der fol­gende Dialog:

Mönch:      Urin und Kot und Eiter, Blut

verzehret sie. Was reifte da?

Was für ein Wirken tat die Frau,

daß sie stets Blut und Eiter ißt? (54)

Gewänder neu und schön und weich,

gar rein und wollig, sie empfängt,

doch glühend Kupfer werden sie.

Was für ein Wirken tat die Frau? (55)

Yakkha:     Sie war mein Eheweib, o Herr,

nichts gebend, geizig, knickerig,

und wenn ich den Asketen gab,

dann schalt sie mich und schimpfte laut: (56)

"Urin und Kot und Eiter, Blut,

Unreines sollst verzehren du

für alle Zeit in jener Welt,

und Kleider soll'n dir Kupfer sein."

Weil schlechten Wandel sie geführt,

muß sie so essen lange Zeit. (57)

Danach fragte die Gottheit den Mönch, ob es ein Mittel gä­be, ihr zu helfen. Der Mönch erklärte ihm, wie es möglich sei. Darauf gab die Baumgottheit ihm Speise und Kleidung und widmete diese Gabe der Petī. Sofort war ihr Leiden be­endet, und sie wurde eine himmlische Nymphe.

Bemerkungen:

Die vier Verse sind kein Sloka, es erschien hier aber ausnahmsweise sinnvoller, den Dialog im Sloka-Metrum zu übersetzen.

I,10: Die Kahlköpfige

In längst vergangenen Zeiten lebte in Benares eine Hetäre, die von ungewöhnlicher Schönheit war. Besonders hatte sie herrliches schwarzes Haar, fein und weich und gelockt. Wenn sie es lose trug, reichte es ihr bis zu den Hüften. Die jungen Männer der Stadt verliebten sich bei ihrem bloßen Anblick schon in sie. Überall wurde sie als die schönste Frau gepriesen. Einige Frauen wurden nun nei­disch auf sie, besonders mißgönnten sie ihr das schöne Haar. Sie berieten sich, wie sie ihr wohl schaden könnten. Sie bestachen dann ihre Dienerin. Diese gab ihrer Herrin einen Trank, der Haarausfall verursachte. Während die He­täre im Ganges badete, verabreichte die Dienerin ihr den Trank. Daraufhin fielen ihr die Haare mit der Wurzel aus, und sie war plötzlich kahl wie ein Kürbis. Sie schämte sich ungemein und wollte nicht wieder in die Stadt gehen. Sie schlang ein Tuch um ihren Kopf und ließ sich vor den Stadt­toren nieder. Nach einigen Tagen verließ sie das Schamge­fühl wegen ihrer Kahlheit. Sie preßte Sesam aus und erwarb ihren Lebensunterhalt durch Verkauf von Öl und Alkohol. Ei­nes Tages hatten zwei oder drei Männer bei ihr zuviel ge­trunken und fielen in tiefen Schlaf. Da stahl sie ihnen die Mäntel aus Geldgier.

Etwas später sah sie eines Tages einen Mönch auf dem Almosen­gang. Der war ein Heiliger. Sie fühlte tiefen Respekt vor ihm, ohne zu wissen warum, lud ihn zu sich ein und bot ihm Ölkuchen an. Von Mitleid bewogen aß er ihn, und nachdem er ihr gedankt, ging er fort. Sie aber fühlte große Freude über ihre Gabe. Und sie wünschte, daß ihr das Verdienst dafür rei­fen würde, indem sie ihr schönes Haar wieder erhielt.

Als sie starb, wurde sie eine glückliche Petī mit einem schö­nen Vimāna im Ozean. Ihr Haar war wie zuvor, doch wegen der gestohlenen Kleider war sie nackt und konnte sich nur mit den Haaren bedecken. Außerdem war sie allein, einsam, ohne Ge­sellschaft. So vergingen lange Zeiten. Wenn sie starb, wurde sie immer wieder als glückliche Petī in denselben Umständen wiedergeboren.

Als unser Buddha in der Welt erschienen war, fuhren etwa hun­dert Kaufleute aus Sāvatthī zum Goldland. Ihr Schiff wurde in jene Gegend des Ozeans verschlagen, an dem die Petī lebte. Dort zeigte sich die Petī ihnen, und der Führer der Kaufleute wandte sich an sie:

Kaufmann:   Wer bist du, die nicht kommt heraus

aus dem Vimāna, wo du wohnst?

Komm doch heraus, du Glückliche,

wir woll'n dich gerne draußen sehn. (58)

Petī:       Ich schäme mich, ich ekle mich,

als Nackte hier herauszugehn.

Bedeckt bin ich mit Haaren nur,

hab wenig an Verdienst gewirkt. (59)

Kaufmann:   Hier geb ich was zum Anziehn dir,

nimm dieses Kleid und leg es an,

und wenn du's angezogen hast,

dann komm, o Schöne, doch heraus.

Nun komme doch, du Glückliche,

wir woll'n dich gerne draußen sehn. (60)

Petī:       Was du mir ausgehändigt hast,

das kommt zugute mir noch nicht.

Ein gläubiger Anhänger hier,

ein Jünger des erwachten Herrn, (61)

wenn diesen du bekleidest jetzt

und mir die Gabe widmest, dann

werd ich ganz glücklich sein davon,

und aller Wunsch ist mir erfüllt. (62)

Sprecher:   Den badeten die Kaufleute,

den salbten sie mit Wohlgeruch,

dem legten sie Gewänder an

und widmeten die Gabe ihr. (63)

Sofort nach dieser Zuweisung,

da zeigte sich die Ernte schon

an Speise, Kleidung und an Trank.

Das war hier dieser Gabe Frucht. (64)

So ward sie rein, und ihr Gewand

war schöner als ein Kāsi-Kleid.

Aus dem Vimāna lächelt sie:

"So also ist des Gebens Frucht." (65)

Kaufmann:   Gar wohlgeschmückt, gefällig auch

erglänzet dein Vimāna jetzt.

Laß fragen, Göttin, dich, erzähl,

von welchem Wirken dies die Frucht. (66)

Petī:       Da war ein Mönch auf Wanderschaft,

ein grader Mensch, dem spendete

ich eine Schüssel Sesambrei,

dabei gar heiter im Gemüt. (67)

Für dieses heilsam Wirken ich

die Ernte lange dann genoß

in dem Vimāna, das mir ward.

Doch wenig nur ist übrig noch. (68)

Nach Ablauf von vier Monaten

wird meine Zeit erfüllet sein,

und ich werd in die Hölle gehn,

die einzig stinkend, fürchterlich. (69)

Vier Ecken hat, vier Tore sie,

ist regelmäßig eingeteilt,

mit einem Eisenwall herum,

mit Eisen oben auch bedeckt. (70)

Ihr Boden auch von Eisen ist,

gar feurig glüht und brennet er,

wohl hundert Meilen im Quadrat

erstrahlt sie und bleibt immerdar. (71)

Dort werde lange Zeiten ich

viel Wehgefühl erfahren dann

als Frucht von bösem Wirken einst.

Darum bin ich bekümmert sehr. (72)

Der gläubige Anhänger hatte großes Mitleid mit ihr und frag­te sich, ob man den Höllensturz nicht verhindern könne. Er kam zu dem Schluß, daß sie durch die Gabe an ihn schon sol­chen Nutzen gehabt hätte. Wieviel mehr müßte ihr eine Gabe an den Buddha und den Orden nützen. Nachdem er ihr dies mit­geteilt hatte, spendete sie den Kaufleuten himmlische Nah­rung, Kleidung und Juwelen für den Orden, vor allem einen himmlischen Mantel für den Buddha. Die Kaufleute kehrten dann nach Sāvatthī zurück und übergaben dem Buddha den Mantel. Am nächsten Tag luden sie den Buddha und den Orden zum Essen ein und widmeten die Gabe ihr. Die Wirkung war, daß die Hölle für sie verschwand und daß sie bei den Göttern der Dreiunddreißig wiedergeboren wurde, geschmückt mit vielen Juwelen und mit einem Gefolge von tausend himmlischen Nymphen.

Bemerkungen:

Was aus den neidischen Frauen und der bestechlichen Dienerin wurde ist nicht überliefert.

Die negativen Taten von ihr waren: Diebstahl der Kleider der Betrunkenen; Verführung anderer zum Alkohol durch ihren Ausschank; Beruf als Hetäre. Demgegenüber wirkte die eine gute Tat an einen Heiligen so, daß sie viele Wiedergeburten eine glückliche Petī war, nur nackt und einsam. Aber dann war ihr Verdienst aufgezehrt, und es stand ihr die Hölle bevor.

Vers 58: draußen (bahitthita), v.l. mah'iddhika (große Magie). In diesem Falle wünschte er, ihre Magie zu sehen.

Vers 64: kommt noch sehr häufig später vor.

Vers 70 - 71: ebenso in M 129 und 130, J 530 p. 266, ebenso in Pv 692 - 693.

Vers 69 - 72 = Pv 239 - 242.

I,11: Der Elefant

Eine Frau war schwanger und starb noch vor der Geburt des Kindes. Sie wurde verbrannt, aber das Kind wurde auf wunder­bare Weise gerettet. Es war ein Knabe, der Sankicca genannt wurde. Als er sieben Jahre alt war, hörte er, daß seine Mut­ter so tragisch gestorben war. Das ergriff ihn derart, daß er zu Sāriputto ging und als Novize aufgenommen zu werden wünschte. Während ihm die Haare geschoren wurden, schnitt er sich selber die letzten Triebe ab und war ein Heiliger. Er lebte dann mit dreißig Mönchen im Walde. Als eine große Räuberschar die Mönche überfiel, gelang es ihm durch seine Geisteskraft, die Räuber zu zähmen. Sie waren so gepackt, daß sie ihr Handwerk aufgaben und Mönche wurden.

Als er volljährig war und die Mönchsweihe erhalten hatte, wanderte er nach Benares und ließ sich mit anderen Mön­chen am Seherstein nieder. Dort wurden sie von den Haus­leuten gut versorgt. Ein Laienanhänger des Buddha riet ihnen, eine ständige Versorgung einzurichten, was auch ge­schah.

Damals lebte in Benares ein Brahmane mit zwei Söhnen und einer Tochter. Er war aber ungläubig. Der älteste Sohn war nun ein Freund jenes Laien. Dieser nahm ihn mit zu San­kicca, der beide durch ein Lehrgespräch erfreute. Dann sag­te der Laie zu seinem Freund, er möchte doch auch eine ständige Versorgung für einen Mönch übernehmen. Der Jüng­ling erwiderte aber, es sei für sie als Brahmanen nicht üblich, solche Asketen des Sakyersohns zu versorgen. Der Laie fragte: "Würdest du denn mir etwas an Nahrung spenden?" Der Jüngling sagte ja. Da sagte der Laie: "So gib das, was du mir geben würdest, dem Mönch." Das tat jener und versorg­te nun täglich in der Frühe einen Mönch am Seherstein. Sein jüngerer Bruder und seine Schwester sahen den guten Wan­del der Mönche. Daher hörten sie ihnen zu, nahmen die Leh­re auf und bekamen Lust an guten Werken. So spendeten die drei Kinder nun den Mönchen, verehrten sie und würdigten überhaupt Asketen und Pilger. Ihre Eltern aber hatten kei­nen Sinn dafür und verachteten die Kahlköpfe. Ihre Ver­wandten rieten ihnen, die Tochter an einen Vetter zu ver­heiraten. Aber dieser hörte zu jener Zeit die Lehre von Sankicca und war so gepackt, daß er in den Orden eintrat.

Er ging aber um Almosen täglich zu seinem Elternhaus. Sei­ne Mutter aber wollte ihn unbedingt mit seiner Kusine ver­heiraten und erreichte durch ihr Reden von deren Vorzügen, daß er im Orden unzufrieden wurde. So ging er zu Sankicca und sagte, er wolle die Robe ablegen und wieder Laie werden. Sankicca aber erkannte, welche spirituellen Fähigkeiten in jenem schlummerten und erwiderte: "Warte noch einen Monat, Novize." Nach einem Monat kam er wieder. Sankicca bat ihn, noch 14 Tage zu warten. Als er nach zwei Wochen wiederkam, bat er ihn, noch eine Woche zu warten. Innerhalb dieser Wo­che aber stürzte das Haus seiner Verwandten vom Sturm zusam­men und tötete alle fünf Familienmitglieder.

Der geizige Brahmane und seine ebenso weltgläubige Frau wur­den als Petas wiedergeboren, ihre drei Kinder aber als Erd­götter.

Als die letzte Woche herum war, erschien der Novize wieder bei seinem Lehrer Sankicca und sprach: "Ich habe die verein­barte Anzahl von Tagen gewartet, o Herr. Ich möchte nach Hau­se gehen, o Herr. Bitte gebt mir eure Erlaubnis." Sankicca antwortete: "Komm hierher bei Sonnenuntergang am Tage des Neu­monds."

An diesem Uposatha-Tag gingen die drei Kinder zu einer Ver­sammlung der Yakkhos, gefolgt von ihren Eltern, wie unten in den Versen näher beschrieben. Da ließ nun Sankicca kraft sei­ner magischen Macht den Novizen diese fünf Personen aus der geistigen Welt sichtbar werden, wie sie dahinzogen, und er fragte ihn: "Siehst du sie da hinziehen, Novize?" Dieser be­jahte es. Sankicca sagte: "Dann frage sie über die Taten, die sie früher getan haben und deren Ernte sie nun im Jenseits erleben." Darauf wandte sich der Novize der Reihe nach an die Geistwesen:

Novize:     Voran auf weißem Elefanten reitet einer,

auf Maultierwagen einer in der Mitte,

dahinter eine Jungfrau in der Sänfte,

die Glanz ausstrahlt nach jeder Himmels­richtung. (73)

Ihr aber da, mit Hammern in den Händen,

im Antlitz Tränen, Körper aufgerissen,

als Mensch ihr wart, was wirktet ihr an Bösem,

daß gegenseitig euer Blut ihr trinket? (74)

Vater:      Der, welcher vorn sitzt auf dem Ilf, dem weißen,

auf dem vierfüß'gen Elefanten reitet,

war unser Sohn einst, unser Ält'ster.

Weil Gaben er gegeben, freut ihn Glück nun. (75)

Der, welcher in der Mitte folgt im Maultier­wagen,

vierspännig und gar schnelle fahrend,

war unser Sohn, der mittlere gewesen,

gar frei von Geiz, als Gabenspender leuchtet er. (76)

Die, die da hinten auf der Sänfte folgt,

die Jungfrau, weise, mit gazellenhaftem Auge,

war unsre Tochter, war die Jüngste früher.

Auch halbes Glück genießend, freut sie sich nun. (77)

Im früh'ren Leben spendeten sie Gaben,

gar heit'ren Herzens an Brahmanen und Asketen,

wir aber waren leider geizig nur gewesen

und schimpften auf Brahmanen und Asketen.

Wir dörren aus wie Gras, das abgeschnitten,

sie aber, die gegeben, wandeln glücklich. (78)

Novize:     Was ist denn eure Speise, was ist euer Lager,

wie lebt ihr, die ihr tatet böse Dinge,

die ihr bei großem, grenzenlosem Reichtum

das Glück verscherzend Leiden nun erfahret? (79)

Vater:      Wir schlagen uns einander hier

und trinken Blut und Eiter wohl,

doch soviel wir auch trinken dann,

wir werden nie befriedigt, satt. (80)

Weil nicht gegeben wir, wir müssen klagen,

nachdem, gestorben, wir in Yamas Reich gekommen.

Wir sehen den Genuß und sind doch davon ferne.

Genießen könn' wir nicht und auch Verdienst nicht wirken. (81)

Von Hunger, Durst in anderer Welt gepeinigt,

wir Petas lange brennen dann gequälet.

Weil Werke wir gewirkt, die Leiden züchten,

erfahren wir des Leidens bittre Früchte. (82)

Sprecher:   Vorüber geht Besitz und Gut,

vorüber rauscht die Lebenszeit.

Erkennend wie es also ist,

der Weise schaff ein Eiland sich. (83)

Die Menschen, die's erkennen so,

die des Gesetzes kundig sind,

versäumen hier das Geben nicht,

sie hören auf der Heil'gen Wort. (84)

Nachdem der brahmanische Vater derart die Fragen des Novizen beantwortet hatte, schloß er mit den Worten: "Ich bin dein Onkel, dies da ist deine Tante, und die drei Glücklichen da sind deine Vettern und deine Base." Da wurde der Novize plötzlich ernüchtert und ergriffen, als er das Karmagesetz leibhaftig vor sich sah, und seine Unbefriedigung am Läute­rungsleben der Mönche verschwand. Er fiel seinem Lehrer zu Füßen und sprach: "Was immer ihr von Mitleid bewogen für mich an Fürsorge hättet zeigen können, das habt ihr getan. Dadurch habt ihr verhindert, daß ich in großes Unheil fiel. Ich habe jetzt kein Interesse mehr am Hausleben und werde meine Freu­de am Brahmawandel finden." Darauf gab ihm Sankicca einen für ihn passenden Meditationsgegenstand. Er zog sich in die Ein­samkeit zurück, und in gar nicht langer Zeit war auch er ei­ner der Heiligen geworden.

Bemerkungen:

Sankiccas Verse in den Liedern der Mönche: Thag 597 - 604.

Stedes Übersetzung obiger Verse 73 - 84 auch in WW 1970, S. 284 f.

I,12: Die Schlange

Bei Sāvatthī war einem Gutsbesitzer ein Sohn gestorben, und von Kummer überwältigt ging er in seiner Trauer unter, ging nicht aus dem Haus und war unfähig zu jeder Arbeit. Als der Buddha über die Welt hin blickte, sah er jenen trauernden Vater, der ein Laienanhänger war. Er ging um Almosen zu sei­nem Haus. Da eilte der Vater ihm entgegen und lud ihn ein. Als er ihm sein Leid geklagt hatte, erklärte der Buddha ihm das Gesetz der Allvergänglichkeit, dem alle gewordenen Dinge unterliegen, alle Wesen und alle Erscheinungen. Zur Verdeut­lichung der rechten Haltung erzählte er ihm das 354. Jātaka, um ihm allen Kummer zu nehmen:

Einst lebte ein Brahmane mit Frau, Sohn, Tochter, Schwieger­tochter und einer Magd einträchtig zusammen auf einem Bauern­hof. Er lehrte alle die Betrachtung der Allvergänglichkeit auf der Grundlage der Tugend. Als er eines Tages mit sei­nem Sohn zum Pflügen ging, biß diesen eine Giftschlange, so daß er starb. Die ganze Familie aber bewahrte ihre See­lenruhe eingedenk der Vergänglichkeitsbetrachtung, auch als Sakko in Gestalt eines Brahmanen allen nahelegte, daß sie doch trauern müßten: der Vater um seinen tugendhaften Sohn und Erben, die Mutter um ihr großgezogenes Kind, die Schwester aus Bruderliebe, die Gattin aus Verlassenheit und die Magd, weil sie nun nicht mehr von ihm angetrieben werden könne. Alle erklärten dann, warum sie nicht wein­ten. Und so verschwand auch dem Gutsbesitzer sein Kummer.

Vater:      Wie Schlange ihre alte Haut

nur abstreift und dann weitergeht,

so, wenn der Leib nicht mehr genießt,

weil tot, weil er zu Petas ging. (85)

Da er verbrannt ist, weiß er nichts

von der Verwandten Klag um ihn.

Deshalb ich weine nicht um ihn,

gegangen ist er seinen Gang. (86)

Mutter:     Unaufgefordert kam er her,

ohn Abschied ging er wieder fort.

So wie er kam, so ging er auch,

warum sollt klagen ich dazu? (87)

Da er verbrannt ist, weiß er nichts

von der Verwandten Klage um ihn.

Deshalb ich weine nicht um ihn,

gegangen ist er seinen Gang. (88)

Schwester:  Abmagern würd ich, wenn ich wein,

welch Früchte brächt mir solches ein?

Verwandten, Freund, Genossen auch

würd Unlust ich nur mehren noch. (89)

Da er verbrannt ist, weiß er nichts

von der Verwandten Klag um ihn.

Deshalb ich weine nicht um ihn,

gegangen ist er seinen Gang. (90)

Gattin:     So wie ein kleines Kind dem Mond,

wenn er verschwindet, weinet nach,

so würde sich verhalten wohl,

wer Abgeschiednem trauert nach. (91)

Da er verbrannt ist, weiß er nichts

von der Verwandten Klag um ihn.

Deshalb ich weine nicht um ihn,

gegangen ist er seinen Gang. (92)

Magd:       So wie ein Wassertopf, wenn er

zerbrochen, nie wird wieder ganz,

so würde sich verhalten wohl,

wer Abgeschiednem trauert nach. (93)

Da er verbrannt ist, weiß er nichts

von der Verwandten Klag um ihn.

Deshalb ich weine nicht um ihn,

gegangen ist er seinen Gang. (94)

Bemerkungen:

Die Rahmenerzählung und der Jātaka-Bericht sind nahezu identisch. Im Jātaka ist der Vater der Bodhisatta, in der Rahmenerzählung dagegen ist der gestorbene Sohn der Bodhisatta, der als Sakko wiedergeboren war und nun seiner Familie erscheint. Im Jātaka dagegen hat Sakko kei­ne Verbindung mit der Familie, was überzeugender ist.

In dem ganzen Bericht kommt von Petas nichts vor. Hier wird Peta aber im weiteren Sinne als "Vorangegangene, Abgeschiedene" gebraucht (so in Vers 85 und 93) und kann daher nicht mit Peta im engeren Sinne wie­dergegeben werden, zumal hier der Sohn als Sakko vorgestellt wird. Und Sakko ist kein Peta (Gespenst).

Buch II

II,1: Selbsterlösung aus dem Samsāro

Im Reiche Magadha lebten in zwei Dörfern Menschen, die an die Selbsterlösung aus dem Samsāro glaubten, d.h. daß nach sehr langen Zeiten alle Wesen von selbst von der Wiederge­burt erlöst würden. In dem einen Dorf war vor 500 Jahren ein Mädchen geboren worden. Entsprechend der dort herrschen­den Irrlehre, daß man keine Tugend zu üben brauche, weil alle von selbst erlöst würden, brachte sie viele Insekten und Grashüpfer um und fand nichts dabei. Infolgedessen wur­de sie als Petī wiedergeboren und litt 500 Jahre Hunger und Durst. Zur Zeit des Buddha wurde sie wieder als Mensch in­karniert, und zwar im selben Dorf in einer Familie, wo im­mer noch die Irrlehre herrschte. Eines Tages spielte das siebenjährige Mädchen mit anderen Kindern auf der Straße. Da kam Sāriputto vorbei. Als die anderen Kinder den Mönch sahen, erwiesen sie ihm den ehrfurchtsvollen Handgruß und warfen sich vor ihm zu Boden, wie sie es bei ihren Eltern gesehen hatten. Das Mädchen aus der ungläubigen Familie blieb trotzig stehen, weil es von ihren Eltern keine Ver­ehrung der Mönche kannte. Sāriputto richtete seinen Geist auf ihr Vorleben, und er sah, daß ihr als Folge ihrer einstigen Tierquälerei bald die Hölle bevorstün­de, da sie keinerlei Verdienst aufzuweisen hatte. Er sah aber auch, daß sie, wenn sie ihn grüßen würde, noch ein­mal mit dem Peta-Dasein davonkommen und dann von ihm er­hoben werden könnte. So sagte er zu den Kindern, von Mitleid bewogen: "Ihr grüßt die Mönche, aber dieses Mäd­chen bleibt ungezogen stehen." Da faßten die anderen sie bei der Hand und veranlaßten sie mit Gewalt, Sāriputto zu grüßen. Als die erwachsen war, wurde sie mit einem Jüng­ling im Nachbardorf verheiratet. Bald wurde sie schwanger und starb im Kindbett. Sie wurde als Petī wiedergeboren. Eines Nachts zeigt sie sich Sāriputto. Als er sie sah, redete er sie an:

Sāriputto:  Nackt bist du, unschön anzusehn,

bist abgezehrt, die Adern frei,

o du, von der man Rippen sieht,

du Magre, sag, wer bist du wohl? (95)

Petā:       Bin eine Petī ja, o Herr,

ging abwärts, kam in Yamas Welt.

Nachdem ich böses Werk gewirkt,

gelangt ich in die Petawelt. (96)

Sāriputto:  Was hast du Böses denn getan

in Taten, Worten und dem Geist,

daß du als Ernte für dies Werk

zur Petawelt hinab gelangt? (97)

Petī:       Es nahm sich meiner keiner an, o Herr,

der Vater nicht, die Mutter nicht und kein Verwandter,

der mich zum Gabenspenden hätt veranlaßt,

mit heitrem Herzen, an Asketen und Brah­manen. (98)

Seitdem ich wandere herum fünfhundert Jahre

in dieser Mißgestalt, in dieser Nacktheit,

verzehrt von Hunger und verzehrt von Dürsten.

Das ist die Frucht von meinem bösen Wirken. (99)

Ich fleh: Nimm an dich meiner, o Verehrter,

o Kluger, heitren Herzens, du Vielmächt'ger.

Gib bitte etwas, das auf mich bezogen,

erlöse mich, o Herr, von schlechter Fährte. (100)

Sprecher:   "Gut", sagte Sāriputto drauf

und nahm sich also ihrer an:

Er gab den Mönchen Bissen ab

und eine Handbreit Kleiderstoff

und einen Becher Wasser auch

und widmete dies alles ihr. (101)

Sofort nach dieser Zuweisung,

da zeigte sich die Ernte schon

an Speise, Kleidung und an Trank.

Das war hier dieser Gabe Frucht. (102)

Darauf in glänzend reinem Kleid

- Benares' Bestes trug sie wohl -,

geschmückt mit allerschönstem Stoff

kam sie zu Sāriputto gleich. (103)

Sāriputto:  Gar überschön bist nunmehr du,

wie du da stehst, o Göttliche,

nach zehn der Seiten strahlend hin,

so wie der Morgenstern es tut. (104)

Woher bist du geworden so,

weshalb hast dieses du erlangt

und fallen dir Genüsse zu,

die lieb dem Geiste immer sind? (105)

Ich frage dich, o Göttin, du Vielmächt'ge,

du menschennaher Geist, durch welch Verdienst wohl

hast du bewirkt denn, daß du also leuchtest,

daß allerwärts dein Körper herrlich strahlet? (106)

Petī:       Die Rippen sichtbar, mager sehr,

ganz nackt, die Haut verwelkt, zerfall'n,

sahst mich auf schlechter Fährte du,

du Seher voll Barmherzigkeit. (107)

Den Mönchen gabst du Bissen ab

und eine Handbreit Kleiderstoff

und einen Becher Wasser auch,

und alles widmetest du mir. (108)

Die Frucht des Bissens, sieh sie an:

zehntausend Jahre Nahrung ich

genieße, Wünsche sind erfüllt,

Gerichte vielerlei Geschmacks. (109)

Die Handbreit Kleidung, sieh sie an,

die Reife, welche das gebracht:

Soviel Gewänder hab ich jetzt,

wie sie der König Nanda hat. (110)

Noch viel mehr, als da diese zähl'n,

hab ich, o Herr, an Kleidern jetzt

aus Seidenstoff, aus Wolle auch,

aus Leinen und aus Baumwollstoff. (111)

Gar viele sind es, kostbare,

sie hängen mir im Raume hier,

ich kleide immer mich mit dem,

was meinem Geist am liebsten ist. (112)

Der Becher Wasser, sieh ihn an,

von welcher Art die Frucht da ist:

Hab Lotosteiche, die gar tief,

viereckig, ausgemessen schön. (113)

Gewässer hell, zugänglich leicht,

kühl und von schönem Duft erfüllt,

an blauem, rotem Lotos reich,

von Wasserlilien übersät. (114)

So bin ich froh, ergötze mich,

ich freue mich, bin frei von Furcht.

Zu dir, dem Seher mitleidsvoll,

o Herr, dich ehrend kam ich her. (115)

Bemerkungen:

Verse 95 - 97 kommen noch öfter vor, so 463 - 465 usw.

Verse 102 - 103 = 124 - 125

Verse 104 - 106 = Pv 126 - 128 = 162 - 164 = Vv 9

Vers 110: Zu den Gewändern von König Nanda erzählt der Kommentar eine lange Geschichte (S. 78 - 80), wie dieser unzählige göttliche Kleider besaß und in seinem Reich niemand mehr zu spinnen brauchte.

Das Dogma von der automatischen Erlösung aus dem Wandelsein (samsāra­mocana; in D 2 samsāra-suddhi als Lehre Makkhali Gosalas) führt dazu, daß man sich alles erlauben kann und keinerlei Hemmungen der Triebe kennt. Egal, was man tut, man wird ja doch erlöst.

Daß die erzwungene Ehrerweisung und Verbeugung solche Wirkung haben soll, erscheint seltsam. Aber es war wohl so, daß das Mädchen noch ei­nen Rest von Peta-Dasein statt Hölle erwirkt hatte und daß jene Tat den Weg dahin ebnete. Es war aber nur eine Verschiebung der Ernte um eine kleine Zeit. Ein paar Jahre später starb sie im Kindbett, eine Ernte ihres früheren Tötens. Kaum war sie als Petī erschienen, da verschaff­te ihr Sāriputto ein göttliches Dasein. Sie hatte ja nun ihre Irrlehre aufgegeben und hatte das Saat-Ernte-Gesetz eingesehen.

II,2: Die Mutter des Thera Sāriputto

In Benares lebte ein reicher Brahmane. Er besaß einen unge­heuren Reichtum, aber ebenso groß war auch sein Geben. Er unterstützte Asketen und Priester, Pilger, Wanderer und Bett­ler. Keiner, der zu ihm kam, ging mit leeren Händen wieder fort. Besonders versorgte er die Mönche des Buddha mit allem Nötigen. Wenn er verreiste, so bat er seine Frau, die gewohn­ten Spenden weiter zu verteilen. Sie sagte zu, tat es aber nicht. Sie verweigerte allen die Gaben. Niemand, der zu ihrem Haus kam, erhielt etwas. Ja, sie sagte zu denen, die um eine Gabe baten: "Eßt Kot, trinkt Urin, trinkt Blut, freßt eurer Mutter Gehirn!" Und sie verfluchte sie mit den gemeinsten Wor­ten. Das einzige, was sie gab, war der Hinweis an die, die um ein Nachtlager baten, sie könnten in einem verfallenen, schmut­zigen Schuppen wohnen.

Nach ihrem Tode wurde sie als Petī, als unglückliches Gespenst wiedergeboren. Sie erinnerte sich aber, daß sie vor vier Le­ben die Mutter Sāriputtos gewesen war. Dieser weilte mit Mog­gallāno, Anuruddho und Kappino damals in einer Waldhütte bei Rājagaha. Als sie das kleine Kloster erreichte, verweigerten die Schutzgeister des Ortes ihr den Zutritt. Erst als sie sag­te, sie sei einst Sāriputtos Mutter gewesen, ließen sie sie herein. Dort sah Sāriputto sie und redete sie an, und es ent­spann sich das in den Versen überliefert Gespräch.

Als die Petī um Gaben gebeten hatte, gingen die vier Heiligen nach Rājagaha zu König Bimbisāro und berichteten ihm, daß sie gerne durch Spenden einer Petī helfen würden. Der König war sofort bereit. Er ließ vier Hütten bauen und reichlich Nahrung bereiten. Dann spendete er alles an Sāriputto. Dieser gab al­les dem Orden mit dem Buddha an der Spitze und widmete das Ver­dienst an dieser Gabe der Petī. Sofort kam sie aus dem Peta­Reich in die nächstliegende Götterwelt.

Sāriputto:  Nackt bist du, unschön anzusehn,

bist abgezehrt, die Adern frei,

o du, von der man Rippen sieht,

du Magre, sag, wer bist du wohl? (116)

Petī:       In früheren Geburten war

gewesen deine Mutter ich.

Im Reich der Peta bin ich nun,

von Hunger und von Durst gequält. (117)

Was ausgespien, Speichel, Schleim,

was aus der Nase ausgerotzt,

was Rückstand von verbranntem Öl,

Blut, das verlier'n Gebärende, (118)

das Blut Verwundeter und der,

der'n Kopf und Nase abgehaun

genieße ich, vor Hunger wild,

ob es vom Weib ist oder Mann. (119)

Ich nähre mich von Eiter, Blut

der Tiere und der Menschen ja,

bin heimatlos, bin ohne Haus,

seitdem vom Totenbett ich schied. (120)

In meinem Namen gib, o Sohn,

und rechne das Verdienst mir zu.

Dadurch könnt werden ich erlöst

Vom Eiter- und vom Blutverzehrn. (121)

Sprecher:   Als er der Mutter Wort gehört,

voll Mitleid Upatisso dann

besprach mit Moggallāno sich,

mit Anuruddho, Kappino. (122)

Vier Hütten baute er dann auf

und widmete dem Orden sie.

Die Hütten, Essen, Trinken er

als Gabe ihr dann überließ. (123)

Sofort nach dieser Zuweisung,

da zeigte sich die Ernte schon

an Speise, Kleidung und an Trank:

Das war hier dieser Gabe Frucht. (124)

Darauf in glänzend reinem Kleid

- Benares Bestes trug sie wohl -,

geschmückt mit allerschönstem Stoff

kam sie zu Kolito sodann. (125)

Moggallāno:Gar überschön bist nunmehr du,

wie du da stehst, o Göttliche,

nach zehn der Seiten strahlend hin,

so wie der Morgenstern es tut. (126)

Woher bist du geworden so,

weshalb hast dieses du erlangt

und fallen dir Genüsse zu,

die lieb dem Geiste immer sind? (127)

Ich frage dich, o Göttin, du Vielmächt'ge,

du menschennaher Geist, durch welch Ver­dienst wohl

hast du bewirkt denn, daß du also leuchtest,

daß allerwärts dein Körper herrlich strah­let? (128)

Petī:       Des Sāriputto Mutter war

in anderen Geburten ich,

im Reich der Petas war ich dann,

von Hunger und von Durst gequält. (129)

Was ausgespien, Speichel, Schleim,

was aus der Nase ausgerotzt,

was Rückstand von verbranntem Öl,

Blut, das verlier'n Gebärende, (130)

das Blut Verwundeter und der,

der'n Kopf und Nase abgehaun

genieße ich, vor Hunger wild,

ob es vom Weib ist oder Mann. (131)

Ich nährte mich von Eiter, Blut

der Tiere und der Menschen ja,

war heimatlos, war ohne Haus,

seitdem vom Totenbett ich schied. (132)

Der Gabe Sāriputtos jetzt

erfreu ich mich, bin ohne Furcht.

Zu dir, dem Lehrer, mitleidsvoll,

o Herr, dich ehrend kam ich her. (133)

Bemerkungen:

Upatisso (122) ist der bürgerliche Name Sāriputtos, wie Kolito (125) der Moggallānos.

Die Verse 129 - 132 fehlen in manchen Ausgaben. Sie müssen in der Ver­gangenheit stehen.

Was aus dem reichen Brahmanen wurde, ist nicht überliefert.

II,3: Mattā

In Sāvatthi lebte ein reicher Hausvater, der der Lehre er­geben war. Seine Ehefrau Mattā aber war ungläubig, jähzornig und unfruchtbar. Um die Familienlinie zu erhalten, nahm er sich eine zweite Frau namens Tissā, die ebenfalls der Lehre ergeben und von liebreichem Wesen war. Sie gebar ihm bald einen Sohn, der Bhūta genannt wurde. Mattā aber wurde im­mer neidischer und eifersüchtiger auf sie, tat Böses, kam zur Peta-Welt und zeigte sich eines Abends der Tissā. Die fragte sie, wer sie sei:

Tissā:      Nackt bist du, unschön anzusehn,

bist abgezehrt, die Adern frei,

o du, von der man Rippen sieht,

du Magre, sag, wer bist du wohl? (134)

Mattā:      Mattā bin ich, Tissā bist du,

einst war ich deine Nebenfrau.

Da böses Wirken ich gewirkt,

gelangte ich zur Peta-Welt. (135)

Tissā:      Was hast du Böses denn getan

in Taten, Worten und im Geist,

daß du als Ernte für dies Werk

zur Peta-Welt hinabgelangt? (136)

Mattā:      Gar heftig war ich einst und barsch,

voll Neid und Geiz und Heimlichkeit;

dafür, daß Schlechtes ich gesagt,

gelangte ich zur Peta-Welt. (137)

Tissā:      Das alles weiß ich noch sehr gut,

wie du so heftig immer warst.

Doch etwas andres frag ich dich:

Warum strotzt du denn so vor Schmutz? (138)

Mattā:      Du wuschest dir den Kopf einmal,

ein reines Kleid hat dich geschmückt,

ich aber war es dann noch mehr,

ich war noch mehr geschmückt als du. (139)

Der Herr Gemahl erblickte mich,

doch angesprochen hat er dich.

Da überkam mich Eifersucht

und großer Zorn stieg in mir auf. (140)

Ich griff da nach dem Kehricht und

überschüttete dich damit.

Als Ernte dieses Wirkens bin

mit Schmutz ich überschüttet nun. (141)

Tissā:      Das alles weiß ich noch sehr gut,

wie du den Kehricht auf mich warfst.

Doch etwas andres frag ich dich:

Warum verzehrt die Krätze dich? (142)

Mattā:      Heilmittel nahmen beide wir

und gingen dafür in den Wald.

Du aber nahmst das Heilkraut ein,

ich nahm die rauhen Früchte mit. (143)

Nichtsahnend, wie du also warst,

bestreute ich dein Bett damit.

Als Ernte dieses Wirkens bin

von Krätze ich hier jetzt verzehrt. (144)

Tissā:      Das alles weiß ich noch sehr gut,

wie du das Bett mir hast bestreut.

Doch etwas andres frag ich dich:

Warum erblicke ich dich nackt? (145)

Mattā:      Mit Freundinnen zusammen warst

auf 'nem Familienfeste du.

Geladen warst mit dem Gemahl,

doch ich war eingeladen nicht. (146)

Nichtsahnend, wie du also warst,

nahm ich das Kleid dir schnell hinweg.

Als Ernte dieses Wirkens bin

ich unbekleidet also hier. (147)

Tissā:      Das alles weiß ich noch sehr gut,

wie du das Kleid mir nahmest weg.

Doch etwas andres fragt ich dich:

Weshalb riechst du so sehr nach Kot? (148)

Mattā:      Die Salbe dein, die Kränze dein

und auch das wertvolle Parfüm,

ich warf es in den Abtritt wohl.

Dies Böse war von mir getan.

Als Ernte dieses Wirkens ich

bin eine, die da riecht nach Kot. (149)

Tissā:      Das alles weiß ich noch sehr gut,

wie jenes Böse du getan.

Doch etwas andres frag ich dich:

Wie kamst auf schlechte Fährte du? (150)

Mattā:      Wir beide hatten Anteil gleich

am Reichtum, das das Haus uns bot.

Obwohl's genug zum Spenden gab,

schuf ich kein Eiland doch für mich.

Als Ernte dieses Wirkens ich

kam auf die schlechte Fährte dann. (151)

Schon damals hast du mich gewarnt:

"Du pflegst ein Wirken, das ist bös.

Nicht wirst mit bösem Wirken du

erlangen gute Fährte je." (152)

Tissā:      Genau das Gegenteil tat'st du,

und auch beneidet hast du mich.

Sieh, was die reife Ernte ist

dafür, daß Böses man gewirkt. (153)

Im Hause hatt'st du Dienerinn',

du hattest Schmuck gar vielerlei.

Das alles andren dienet nun,

Genüsse sind nicht dauerhaft. (154)

Des Bhūta Vater, der wird jetzt

vom Markte kehren heim nach Haus.

Vielleicht wird er dir geben was,

darum geh noch nicht fort von hier. (155)

Mattā:      Nackt bin ich, unschön anzusehn,

bin abgezehrt, die Adern frei.

Mit unbedeckter Scham darf mich

der Vater Bhūtas sehen nicht. (156)

Tissā:      Wohlan, was soll ich geben dir,

was kann ich denn hier tun für dich,

wodurch du glücklich werden kannst,

das alle Wünsche dir erfüllt? (157)

Mattā:      Vier Mönche als die Ordensschar

und noch vier andre Männer dann,

acht Mönche mögest speisen du

und mir die Gabe rechnen zu.

Dann werd ich wieder glücklich sein,

und alle Wünsche sind erfüllt. (158)

Sprecher:   "Nun gut", versprach sie es ihr dann

und speiste acht der Mönche gut,

gab ihnen auch Gewänder mit

und rechnet' ihr die Gabe zu. (159)

Sofort nach dieser Zuweisung

da zeigte sich die Ernte schon

an Speise, Kleidung und an Trank:

Das war hier dieser Gabe Frucht. (160)

Darauf in glänzend reinem Kleid

- Benares Bestes trug sie wohl -,

geschmückt mit allerschönstem Stoff,

so kam sie auf die Mitfrau zu. (161)

Tissā:      Gar überschön bist nunmehr du,

wie du da stehst, o Göttliche,

nach zehn der Seiten strahlend hin,

so wie der Morgenstern es tut. (162)

Woher bist du geworden so,

weshalb hast dieses du erlangt

und fallen dir Genüsse zu,

die lieb dem Geiste immer sind? (163)

Ich frage dich, o Göttin, du Vielmächt'ge,

du menschennaher Geist, durch welch Ver­dienst wohl

hast du bewirkt denn, daß du also leuchtest,

daß allerwärts dein Körper herrlich strahlet? (164)

Mattā:      Mattā bin ich, du bist Tissā,

einst war ich deine Nebenfrau.

Nachdem ich böses Werk gewirkt,

gelangt ich in die Peta-Welt. (165)

Durch deine Spende, die du gabst,

erfreue ich mich ohne Furcht.

lang leben, mögest, Schwester, du

mit allen den Verwandten dein.

Wo's Kummer nicht, nicht Trübung gibt,

zu Selbstgewalt'gen mögst du gehn. (166)

Der Lehre folgend nach allein

und Gaben gebend, Schöne du,

des Geizes Übel tilgend aus

mit seiner Wurzel, tadelfrei,

wirst du in Himmel gehen ein. (167)

Bemerkungen:

Die Verse nach der Übersetzung von Stede, abgedruckt in WW 1965, S. 368 - 372. Die ganze Geschichte nacherzählt von Fritz Schäfer in Schatzkiste S. 490 - 493 der 1. und 2. Auflage.

II,4: Nandā

Nandasena:  Schwarz und auch mißgefärbt bist du,

rauh und gar schmerzlich anzusehn,

die Augen rötlich, Zähne gelb.

Ich glaub nicht, daß du bist ein Mensch. (168)

Petī:       Ich, Nandasena, Nandā bin,

die früher deine Gattin war.

Nachdem ich böses Werk gewirkt,

gelangt ich in die Petawe1t. (169)

Nandasena:  Was hast du Böses denn getan

in Taten, Worten und im Geist,

daß du als Ernte für dies Werk

zur Petawe1t hinabgelangst? (170)

Petī:       Gar heftig war ich einst und barsch,

zeigt keine Achtung gegen dich.

Weil böse Worte ich gesagt,

gelangt ich in die Petawe1t. (171)

Nandasena:  Hier gebe ich dir ein Gewand,

und dieses Kleidungsstück zieh an,

und wenn du's angezogen hast,

dann will ich dich nach Hause führn. (172)

Gewänder, Essen, Trinken auch

wirst haben du in meinem Haus,

und deine Söhne wirst du sehn

und deine Schwiegertöchter auch. (173)

Petī:       Was deine Hand in meine gibt,

kommt mir zugute aber nicht.

Die Mönche, die in Tugend reif,

befreit vom Reiz, erfahren viel, (174)

erquicke die mit Speis und Trank

und widme diese Gabe mir.

Dann werde wieder glücklich ich,

und alle Wünsche sind erfüllt. (175)

Sprecher:   "Sehr wohl", sagt er darauf zu ihr,

und reichlich Gaben er verteilt

zum Essen, Trinken, Kuchen auch

und Kleidung, Sitz und Lager noch,

Schirm, Salben, Blumenschmuck dabei

und außerdem Sandalen viel. (176)

So Mönche, die in Tugend reif,

die ohne Reiz, gar viel erfahrn,

erfrischte er mit Speis und Trank

und übertrug die Gabe ihr. (177)

Sofort nach dieser Zuweisung,

da zeigte sich die Ernte schon

an Speise, Kleidung und an Trank:

Das war hier dieser Gabe Frucht. (178)

Darauf in glänzend reinem Kleid

- Benaresseide trug sie wohl -

geschmückt mit allerschönstem Stoff,

so kam sie auf den Gatten zu. (179)

Nandasena:  Gar überschön bist nunmehr du,

wie du da stehst, o Göttliche,

nach zehn der Seiten strahlend hin,

so wie der Morgenstern es tut. (180)

Woher bist du geworden so,

weshalb hast dieses du erlangt

und fallen dir Genüsse zu,

die lieb dem Geiste immer sind? (181)

Ich frage dich, o Göttin, du Viel­mächt'ge,

du menschennaher Geist, durch welch Verdienst wohl

hast du bewirkt denn, daß du also leuchtest,

daß allerwärts dein Körper herrlich strahlet? (182)

Petī:       Ich, Nandasena, Nandā bin,

die früher deine Gattin war.

Nachdem ich böses Werk gewirkt,

gelangt ich in die Petawelt. (183)

Durch deine Spende, die du gabst,

erfreue ich mich ohne Furcht.

lang leben mögest, Hausherr, du

mit allen den Verwandten dein.

Wo's Kummer nicht, nicht Trübung gibt,

zu Selbstgewalt'gen mögst du gehn. (184)

Der Lehre folgend nach allein

und Gaben gebend, Hausherr du,

des Geizes Übel tilgend aus

mit seiner Wurzel, tadelfrei

wirst du zum Himmel gehen ein. (185)

II,5: Glänzende Ohrringe

Verse 186 - 206: identisch mit Vv 83

II,6: Kanha

Identisch mit Vorgeschichte und Text von J 454, wo nur Verse 217 - 221 und 226 fehlen. Inhalt: In Dvāraka lebten zehn Königssöhne. Einem, Kanha (= Kesavā = Vāsudeva), war der Sohn gestorben. Kanha (der Dunkle) ist der Familienname des Königs Vāsudeva, während Kesavā (der Haarreiche) ein Beiname ist. Kanhas Bruder Ghata gebrauchte eine List, um seinen un­tröstlichen Bruder vom Kummer zu befreien und rief immer: "Gebt mir den Hasen!" (In Indien der "Mann im Mond", s. 212)

Rohinneyya: Erhebe, Kanha, dich, warum

liegst du, was nützt dir Schlaf?

Dein eigner Bruder, der dir lieb

so wie dein Herz, dein rechtes Aug,

dem ward ja irre der Verstand:

Unsinn spricht Ghata, Kesavā. (207)

Buddha:     Als Kesavā das Wort gehört,

das Rohinneyya ihm gesagt,

erhob er voller Eile sich,

bekümmert um den Bruder sehr. (208)

Kesavā:     Was läufst du wie verrückt umher

hier in dem Städtchen Dvāraka,

lallst vor dich hin: "Ein Has, ein Has!"

Was für 'nen Hasen willst du denn? (209)

Aus Gold, aus Edelsteinen auch,

aus Eisen und aus Silber noch,

aus Muschelstein, Korallen ich

laß machen einen Hasen dir. (210)

Es gibt auch andre Hasen noch,

die laufen frei in Wald und Hain,

auch die ich lasse bringen dir.

Was für 'nen Hasen willst du denn? (211)

Ghata:      Fürwahr, nicht diese meine ich,

die Hasen, die auf Erden sind.

Vom Mond den Hasen wünsche ich,

den hol herab mir, Kesavā. (212)

Kesavā:     Da wirst du, lieber Bruder mein,

dein süßes Leben lassen wohl,

weil Unerreichbares du wünscht,

wenn du vom Mond den Hasen willst. (213)

Ghata:      Wenn du dies, Kanha, selbst erkennst,

wie du es einen andern lehrst,

warum betrauerst du den Sohn,

der längst gestorben, immer noch? (214)

Was man von einem Menschen nicht

und auch von Geistern nicht erlangt:

"Nicht sterb der Sohn, der mir geborn",

Unmögliches man nie erlangt. (215)

Mit Sprüchen, heilend Wurzeln nicht,

mit Medizin, mit Schätzen nicht,

kann, Kanha, man beleben dir

den Toten, dem du trauerst nach. (216)

Wer viel besitzt, wer ist sehr reich,

wie Adlige mit ihrem Land,

auch wer hat noch so viel an Geld,

er wird nicht frei von Alter, Tod. (217)

Brahmanen, Adel, Bürgervolk,

die Diener, Kastenlosen auch,

wer immer auch geboren ist,

er wird nicht frei von Alter, Tod. (218)

Die da mit Sprüchen gehen um,

mit den sechs Vedas, Brahmas Werk,

wer immer wissensreich auch ist,

er wird nicht frei von Alter, Tod. (219)

Und auch die Seher, stillgemut,

die Büßer, die gezügelt sehr,

auch sie verlassen diesen Leib,

wenn ihre Zeit sich hat erfüllt. (220)

Doch Heil'ge, die sich selbst besiegt,

gewirkt das Werk, von Trieben frei,

wenn sie die Puppe legen ab,

gibt's nicht Verdienst noch Böses mehr. (221)

Kesavā:     Wir Feuer brannte Kummer mir,

in das man flüss'ge Butter gibt;

gleichwie man Wasser gießt hinein,

hast alles Weh du mir gelöscht. (222)

Des Kummers Stachel zog er raus,

der mir in meinem Herz gesteckt.

Den Kummer, der mich ganz erfüllt,

den Sohneskummer nahm er mir. (223)

Der Kummerstachel, der ist fort,

bin kühl geworden, brandgelöscht,

ich traure nicht, ich wein nicht mehr,

nachdem dein Wort ich hab gehört. (224)

Buddha:     Die weise sind, die handeln so,

sie nehmen anderer sich an,

sie machen sie von Kummer frei,

wie's Ghata seinem Bruder tat. (225)

Wer da Verwandte also hat,

die ihm mit gutem Rat gedient,

der Wohlgesprochenes vernimmt,

wie Bruder es von Ghata hört. (226)

Bemerkungen:

Ein weiterer der zehn Königssöhne war Ankura (s. Pv II,9). Rohinneyya war ein Minister von König Kanha.

Vers 209: Über "Mann im Mond" als Hase s. J 316

Verse 217 - 220 = Vv 63 (Verse 987, 989 - 991)

Vers 221: Ich folge der Lesart Jayawickramas (arahanto) statt der von Stede und Gehmann (viharantā).

Verse 222 - 225 = 50 – 53

Vergl. E. Hardy, "Eine buddhistische Bearbeitung der Krshna-Sage" in: ZDMG 1899, S. 25 - 30: Er vergleicht Pv II,6 und J 454 mit der Krishna­Sage.

II,7: Dhanapāla

Ehe der Buddha in der Welt erschien, lebte in der Stadt Era­kaccha im Königreich Dasanna ein reicher Gildemeister namens Dhanapāla. Er war ein Ungläubiger und glaubte an nichts als an sinnlichen Genuß in dieser Welt. Daher war er geizig und gab keinem Asketen etwas. Als er starb, wurde er ein Peta in einer Wüste. Er hatte einen großen Körper, breit wie eine Palmyrapalme. Seine Haut war aufgedunsen und rauh und sein Körper deformiert. Er war nackt und abgezehrt. Seine Zunge hing ihm heraus vor Durst in der ausgedörrten Kehle. Er irrte 55 Jahre herum, ohne auch nur einen Tropfen Wasser oder einen Bissen Reis zu finden.

Als der Buddha in der Welt erschien, kehrten einige Kaufleute aus Sāvatthī von einer Handelsreise in ihre Heimat zurück. Eines Abends kamen sie an ein ausgetrocknetes Flußbett. Sie entjochten ihre Ochsen und schlugen dort ihr Nachtlager auf. Da nahte sich der Peta auf der Suche nach Wasser. Als er wie­der, wie immer, nichts fand, fiel er vor Erschöpfung der Län­ge nach hin und gab alle Hoffnung auf Wasser auf. Einer der Kaufleute sah ihn und sprach ihn an:

Kaufmann:   Nackt bist du, unschön anzusehn,

bist abgezehrt, die Adern frei,

die Rippen sichtbar, mager sehr:

Wer bist du denn, Verehrter, wohl? (227)

Peta:       Ich bin ein Peta ja, o Herr,

ging abwärts, kam in Yamas Welt.

Nachdem ich böses Werk gewirkt,

gelangt ich in die Petawelt. (228)

Kaufmann:   Was hast du Böses denn getan

in Taten, Werken und dem Geist,

daß du als Ernte für dies Werk

zur Petawelt hinabgelangt? (229)

Peta:       Im Reiche Dasanna die Stadt

Erakaccha ist vielberühmt,

dort war ein Gildemeister ich,

als Dhanapāla wohlbekannt. (230)

Ich hatte achtzig Wagen voll

vom Golde, das mir da gehört,

gar unermeßlich viel an Gold

und Perlen, Edelsteinen auch. (231)

Obwohl ich solchen Reichtum hatt',

war mir das Geben doch nicht lieb,

verschließend meine Tür genoß

ich, daß kein Bittender mich sah. (232)

Ungläubig war ich, geizig sehr,

war knickerig, schalt andre viel.

Die da zum Geben war'n geneigt,

die hielt von solchem Werk ich ab: (233)

"Für Geben gibt es keinen Lohn,

für Selbstbezwingung keine Frucht."

Die Teiche, Wälder, Brunnen viel,

die Parkanlagen, die ich pflanzt,

die Wasserhäuser, Brückenbau:

das alles hab verloren ich. (234)

Nachdem ich Treffliches versäumt,

nach bösem Wirken schied ich ab

und kam in das Gespensterreich,

von Hunger und von Durst gequält. (235)

Sind fünfundfünfzig Jahre her,

seit ich die Zeit erfüllte einst.

Ich kenne nichts zu essen hier,

für mich gibt's auch zu trinken nichts. (236)

Aus dem Verweigern folgt Entbehrn,

Entbehren kehrt Verweigern um.

Die Petas wissen das genau,

aus dem Verweigern folgt Entbehrn. (237)

Ich habe einst verweigert nur,

trotz vielem Reichtum gab ich nichts,

obgleich Gelegenheit war da,

schuf ich kein Eiland doch für mich. (238)

Daher bin ich jetzt voller Reu,

von Frucht des eignen Werks verfolgt.

Nach Ablauf von vier Monaten

wird meine Zeit erfüllt sein hier,

und ich werd in die Hölle gehn,

die einzig stechend, fürchterlich. (239)

Vier Ecken hat, vier Tore sie,

ist regelmäßig eingeteilt,

mit einem Eisenwall herum,

mit Eisen oben auch bedeckt. (240)

Ihr Boden auch von Eisen ist,

gar feurig glüht und brennet er,

wohl hundert Meilen im Quadrat

erstrahlt sie und bleibt immerdar. (241)

Dort werde lange Zeiten ich

viel Wehgefühl erfahren dann,

als Frucht von bösem Wirken einst.

Darum bin ich bekümmert sehr. (242)

Deshalb zu eurem Heil ich rat,

so viel ihr hier versammelt seid:

Wirkt keine bösen Werke mehr,

nicht offen und nicht insgeheim. (243)

Wenn üble, böse Werke ihr

tut oder werdet tun, dann ihr

von Leiden werdet nimmer frei,

selbst wenn ihr wollt im Flug entfliehn. (244)

Zu Vater und zu Mutter auch,

zu Ält'ren habet Achtung stets,

Asketen und Brahmanen ehrt,

so werdet ihr zum Himmel gehn. (245)

Als die Kaufleute diese Rede vernommen hatten, wurden sie von Mitleid erfüllt. Sie nahmen eine Schale Wasser, baten ihn, sich hinzulegen und füllten ihm das Wasser in den Mund. Aber er konnte es nicht schlucken, es lief immer wieder aus seinem Mund heraus. Er erklärte ihnen, daß dies eine Folge seines früheren Verweigerns sei, jetzt verweigere sich das Wasser ihm. Die mitleidigen Kaufleute fragten dann, ob es kein Mit­tel gäbe, ihn von diesem Durst zu befreien. Er erwiderte: "Wenn meine bösen Taten ihre Ernte erschöpft haben und wenn an den Buddha oder die Jünger Gaben gegeben werden und das Verdienst mir gewidmet wird, dann kann mein Petadasein enden." Die Kaufleute gingen nun nach Sāvatthī, suchten den Buddha auf, wurden von ihm belehrt, nahmen Zuflucht und gaben sieben Tage lang ein großes Almosen für den Orden mit dem Buddha an der Spitze und widmeten es dem Peta.

Bemerkungen:

Hier wird fein gezeigt, wie die Verdienstübertragung allein noch nicht genügt. Erst wenn das böse Karma erschöpft ist und die betreffende Peta-Existenz sich dem Ende zuneigt, dann kann durch Verdienstüber­tragung ein göttliches Dasein erlangt werden anstatt eines weiteren, weniger üblen Peta-Daseins. Hier schildert nun der Kommentar die Ver­dienstübertragung, sagt aber nichts, wie sie gewirkt hat. Nach dem Kon­text wurde dadurch wohl das drohende Höllendasein in vier Monaten ver­hindert. Dem Peta stand ja nicht nur ein weiteres Peta-Dasein bevor, sondern die Hölle.

Vers 237: san-yamo (Zurückhaltung) ist meist etwas Heilsames, wenn es Ansichhalten in den Trieben ist. Hier aber ist es negativ gebraucht als Zurückhaltung im Geben, als Festhalten, daher übersetzt "Verweigern". Genau im Maße des Verweigerns als Mensch ist das Entbehren als Peta.

Vers 239: ebenso in Pv I,10 die in vier Monaten drohende Hölle (Vers 69)

Verse 240 - 242 = 70 - 72 = M 129 u. 130 = J 530

II,8: Cūlasetthi

Ajatasattu: Ein nackter, magrer Pilger bist du, Herr

warum gehst du bei Nacht herum, wohin?

Sag an mir doch, ob's möglich wär für mich,

daß Reichtum ich verschaffen könnte dir. (246)

Peta:       Benares heißt die Stadt, die vielgerühmte,

Hausvater war ich dort, sehr reich, sehr arm an Gutem,

ich gab nichts, hatt' nur Gier nach Sinnen­dingen.

so bin ich, tugendlos, in Yamas Reich hinab­gelangt. (247)

Vom Nadelstich des Hungers bin erschöpft ich,

bitt die Verwandten um geringe Gabe.

Sie aber, nicht gewohnt zu geben, glauben nicht,

daß Frucht der Gabe sich im Jenseits zeigt. (248)

Doch meine Tochter, die spricht immer wieder:

"Will Gabe geben Vätern und Großvätern."

Brahmanen kommen zum bereiten Opfer.

Andhakavinda will ich nahen, um zu essen. (249)

Ajatasattu: Der König sprach: "Wenn du genossen Gabe,

komm wieder schnell, ich will dich ehren,

sag an es mir, wenn du ein Mittel weißt,

ich glaube dir, wenn du die Mittel teilst mir mit." (250)

Sprecher:   Er sagte zu und ging zu den Brahmanen.

Die aßen dort, doch waren sie nicht gabenwürdig.

Darauf kehrt er zurück nach Rājagaham

und stellte wieder sich beim Herrscher ein. (251)

Ajatasattu: Als er den Peta sah, wie er zurückgekommen,

der König sprach: "Was soll ich geben,

sag an mir doch, ob es ein Mittel gibt,

wodurch auf lange Zeit du wirst befriedigt?" (252)

Peta:       Erwachten samt dem Orden mögst bewirten, König,

mit Speise und mit Trank und Kleidung,

und diese Gabe widme mir zu meinem Heile,

so würde ich auf lange Zeit befriedigt sein. (253)

Sprecher:   Nachdem der König vom Palast herabgestiegen,

gab eigenhändig er die Gabe, ohn' zu wägen,

dem Orden und berichtete dies dem Vollendeten.

Die Gabe aber widmet er dem Peta. (254)

Sprecher:   Nachdem er so geehrt, erschien er herrlich glänzend

erneut dann vor dem Herrscher, sagend:

"Bin jetzt ein Yakkha, magisch macht­begabt.

Nicht gibt es Menschen, die mir gleich an Wunder. (255)

Sieh diese Fülle, unermeßlich, von dir angewiesen.

Nachdem, gewidmet mir, dem Orden du gegeben, ohne Wägen,

gesättigt bin beständig ich für immer durch das Viele.

Beglückt ich wandel weiter, Menschenkönig." (256)

II,9: Ankura

Vor langen Zeiten lebten im Norden Indiens zehn Königssöhne, die sehr wild waren. Sie eroberten ganz Indien. Dann teilten sie Indien in zehn Teile, wo jeder von ihnen regieren sollte. Sie hatten aber ihre einzige Schwester vergessen. Als sie das merkten, wollte sie alles neu verteilen, um einen elften Teil herauszubekommen. Aber da sagte der jüngste Bruder, Ankura, er habe keine Lust, König zu sein, sondern wolle Handel trei­ben. Die Brüder könnten daher seinen Anteil an ihre Schwester geben. Zum Ausgleich könnten sie ihm von den Steuern ihrer Reiche etwas abgeben. Alle stimmten zu. Ankura aber begann, Handel zu treiben, und er gab gerne reichlich Almosen.

Ankura hatte einen Sklaven, der ihm ein treuer Lagerverwal­ter war. Er gab ihm eine Frau aus guter Familie, aber als beiden ein Sohn geboren wurde, starb der Vater. Ankura setz­te den Sohn später in die Stellung des Vaters ein. Als er erwachsen war, erhob sich die Frage, ob er ein Sklave sei oder nicht. Die Schwester der zehn Brüder entschied, daß der Sohn einer freien Frau ebenfalls frei sei. Damit war der Sohn als freier Mann anerkannt. Er schämte sich aber seiner Abkunft von einem Sklaven und zog daher von der Stadt Dvaraka, wo Ankura lebte, fort in die Stadt Bheruva. Dort heiratete er die Tochter eines Schneiders und übte selbst den Schneiderberuf aus. In Bheruva lebte damals ein reicher Gildemeister namens Asayha-mahā-setthi, der für seine Frei­gebigkeit an Asketen und Bettler usw. berühmt war. Der Schneider zeigte allen, die nach jenem fragten, freudig den Weg zu dessen Haus, wie in den Versen berichtet wird. Als er gestorben war, wurde er als eine Baumgottheit wiederge­boren, und zwar in einer Wüste. Dort stand ein mächtiger Banyanbaum, in dem er wohnte. Nicht weit von ihm lebte ein Peta, der auf Erden der Aufseher über die Spenden Asayhas gewesen war, selber aber ungläubig gewesen war. Er er­schien Ankura später. Als Asayha starb, gelangte er in den Kreis des Götterkönigs Sakko bei den Göttern der Dreiund­dreißig.

Ankura bereitete eines Tages zusammen mit einem Brahmanen eine Wagenkarawane vor. Sie luden ihre Waren auf viele Wagen und wollten in der Ferne Handel treiben. In einer Wüste ver­irrten sie sich. Nachdem sie mehrere Tage umhergeirrt waren, ging Gras, Wasser und Essen auf die Neige. Als die Baumgott­heit dies sah, dachte sie an das Gute, das Ankura ihr frü­her getan hatte, und sie wies der Karawane den Weg zu dem Banyanbaum. Dort schlugen sie im dichten Schatten ihr Lager auf, und die Gottheit zeigte ihnen Wasser und verschaffte ihnen dank ihrer magischen Macht auch reichlich Nahrung. Der Geschäftsfreund Ankuras aber dachte: Wenn wir diesen mächtigen Baum fällen, dann haben wir genug zum Verdienen und brauchen nicht in die Ferne zu ziehen, sondern können heimkehren. So sprach er:

I.

Kaufmann:   Wenn wir jetzt nach Kamboja ziehn,

um Reichtum zu erwerben dort,

den Yakkha, der uns Wünsch erfüllt,

den Yakkha woll'n wir nehmen mit. (257)

Den Yakkha woll'n ergreifen wir

im Guten oder mit Gewalt,

ihn auf den Wagen legen dann

und schnell nach Dvāraka so fahrn. (258)

Ankura:     Vom Baum, in dessen Schatten man

hier sitzen oder liegen kann,

soll keinen Zweig man brechen ab,

ein Freundverräter wäre man, bös. (259)

Kaufmann:   Der Baum, in dessen Schatten man

hier sitzen oder liegen kann,

dürft fällen man an seinem Stamm,

falls dies von einem Nutzen wär. (260)

Ankura:     Vom Baum, in dessen Schatten man

hier sitzen oder liegen kann,

soll man kein Blatt selbst reißen ab,