PETA-VATTHU
DAS BUDDHISTISCHE TOTENBUCH
EIN TEXT AUS DER KÜRZEREN SAMMLUNG DES PĀLIKANONS
Aus dem Pāli übersetzt
von
HELLMUTH HECKER
©
2001 VERLAG BEYERLEIN UND STEINSCHULTE 95236 Stammbach - Herrnschrot Tel.:
09256/460 email:
verlag.beyerlein@T-online.de
Alle
Rechte vorbehalten
ISBN
3-931095-31-2
[Die
Veröffentlichung auf dieser Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung des
Herausgebers.]
Inhaltsverzeichnis
Seite [im
Original]
Vorbemerkung.......................................... 1
Buch I
1. Das Gleichnis vom Acker........................................ ..
5
2. Das Schweinemaul................................................. 10
3. Der Stinkmund.................................................... 11
4. Die Teig-Puppe................................................... 12
5. Außerhalb der Mauern............................................. 14
6. Die Menschenfresserin der fünf Kinder............................ 18
7. Die Menschenfresserin von sieben Kindern......................... 20
8.
Der Ochse........................................................ 21
9. Der Webermeister................................................. 23
10. Die Kahlköpfige.................................................. 24
11. Der Elefant...................................................... 27
12. Die Schlange..................................................... 31
Buch II
1. Selbsterlösung aus dem Samsāro................................... 33
2. Die Mutter des Thera Sāriputto................................... 36
3. Mattā............................................................ 39
4. Nandā............................................................ 43
5. Glänzende Ohrringe = Vv 83....................................... 44
6.
Kanha............................................................ 45
7.
Dhanapāla........................................................ 47
8. Cūlasetthi....................................................... 50
9.
Ankura........................................................... 51
10. Uttaras
Mutter................................................... 60
11. Das Fadenknäuel.................................................. 62
12. Der ohrenlose Höllenhund......................................... 65
13. Ubbarī........................................................... 71
Buch III
1. Der im Wasser nicht untersank.................................... 73
2. Auf dem Berge Sānuvāsin.......................................... 76
3. Beim See Rathakāra............................................... 80
4. Die Spreu........................................................ 82
5. Der Knabe........................................................ 84
6. Serinī:.......................................................... 86
7. Der Wildsteller I................................................ 88
8. Der Wildsteller II............................................... 89
9. Der betrügerisch Entscheidende................................... 91
10. Der Reliquienverächter........................................... 94
Buch IV
1. Ambasakkhara..................................................... 96
2. Serissaka = Vv
84............................................... 108
3.
Nandaka......................................................... 108
4. Revatī = Vv
52.................................................. 114
5. Das Zuckerrohr.................................................. 115
6. Die Prinzen..................................................... 116
7. Der Königssohn.................................................. 118
8. Die Dung-Esser I................................................ 120
9. Die Dung-Esser II............................................... 121
10. Die Peta-Schar.................................................. 121
11. Patna........................................................... 123
12. Die Mangos...................................................... 125
13. Die Achse und der Baum.......................................... 127
14. Reichtum raffen................................................. 128
15. Die Söhne des Gildemeisters..................................... 128
16. Die 60.000 Hämmer............................................... 132
Nachwort
1. Das Petareich................................................... 135
2. Normalgespenster................................................ 137
3. Höllennahe Gespenster........................................... 138
4. Teilzeit-Gespenster............................................. 139
5. Glückliche Gespenster........................................... 140
6. Sonstige Arten.................................................. 142
7. Lakkhana-Samyutta............................................... 144
8. Die Kulisse der Petawelt........................................ 146
9. Lebensende der Petas............................................ 148
10. Was führt zur Peta-Welt?........................................ 149
11. Das schlechte Wirken
(Untugend) im einzelnen.................... 152
12. Wie kann man den
Gespenstern helfen?............................ 155
13. Arme Seelen im
Katholizismus................................... .159
Quellen-Nachweis......................................... 163
Vorbemerkung
Das indische Wort Peta (Pāli Peto; Skr.
Preta) heißt wörtlich Voran(pra)-Gegangene(ita) und bedeutet an sich: Vorgänger,
Ahnen, Verstorbene, Manen, im Sinne des Ausdrucks "Er hat sich zu seinen
Vätern versammelt". Verstorbene und Gespenster sind allerdings dem Wort
nach im Pāli und Sanskrit identisch. Wie kommt das?
Die meisten Menschen, heute mehr denn je,
werden mit zunehmendem Alter verbittert und unleidlich und fallen ihrer Umwelt
auf die Nerven und zur Last. Sie werden derart unzufrieden, weil sie nicht
mehr so genießen können wie früher und weil sie wegen ihrer Schwäche sich nicht
mehr mit Gewalt durchsetzen können. Sie merken, daß sie immer abhängiger von
anderen werden, und das versuchen sie dadurch zu kompensieren, daß sie die
anderen tyrannisieren - womit sie sich nur immer noch einsamer und ausgestoßener
fühlen.
Dieses verbitterte und unfreundliche
Mißvergnügen der letzten Lebensjahre, das ist genau diejenige Stimmung, die
schon im Vorhof des Gespensterreichs weilt. Aus diesem Mißmut heraus ist man
bei sich selber trüb und der Umwelt unleidlich. Das ist die
Durchschnittsstimmung des durchschnittlichen alten Menschen. Und deshalb ist
Verstorbener und Gespenst im Pāli identisch.
Unser Wort "Gespenst" gibt das
gespenstische, ruhelose Herumgeistern wieder, jedoch sind andere Assoziationen
hier abzuknüpfen. Gespenster, die auf Friedhöfen und in alten Schlössern
umgehen, die spuken und Menschen erschrecken, kommen in diesem Buch überhaupt
nicht vor. "Gespenst" (Peta) gilt hier als Name für unerfüllte und
unerfüllbare Sinnengier, ein ödes Leben, grau in grau.
Der Name Peta-vatthu bedeutet wörtlich
"Grundlage (vatthu)der Gespenster (Peta)". Dabei ist die Grundlage
das Wirken, die Saat, das Erdreich im Gleichnis in M 12. Und das Gespensterdasein
ist die Ernte, die Frucht, das Blattwerk im Gleichnis des Baumes.
Von den 51 Erzählungen des Peta-vatthu
behandeln aber durchaus nicht alle diesen Saat-Ernte-Zusammenhang, wodurch ein
Mensch als Gespenst wiedergeboren wird. Es sind folgende drei Gruppen
auszusondern:
1. Drei
Erzählungen sind aus dem Vimāna-vatthu hierher versprengt
und sind eine identische Wiederholung: Pv II,5 = Vv
Nr. 83; Pv IV,2 = Vv Nr. 84; Pv IV,4 = Vv Nr. 52. Darin ist von Petas nicht die
Rede.
2. Drei
Erzählungen berichten, wie ein Mensch nach dem Tode in die Götterwelt kommt: Pv
I,1; III,5; IV,13.
3. Fünf
Erzählungen haben den Trost bei Trauer um Verstorbene zum Inhalt. Hier ist
Peta = Verstorbener, ohne daß irgend etwas über die Art der Wiedergeburt des Betreffenden
gesagt ist. Der Inhalt ist rein diesseitig auf den Hinterbliebenen
zugeschnitten: I,4, 8, 12; II,6, 13.
Damit fallen von den 51
Erzählungen 11 aus, es bleiben also nur 40 Geschichten über Saat-Ernte
hinsichtlich der Gespensterwelt. Dagegen sind die 21 Berichte aus dem 19.
Samyutta, die ebenfalls diesen Saat-Ernte-Zusammenhang zeigen, mit Recht nicht
noch einmal in das Peta-vatthu aufgenommen worden. Sie sind im Anhang kurz
inhaltlich wiedergegeben, weil sie genau das gleiche Thema behandeln,
allerdings ohne die ausführliche Begründung wie im Pv.
Einige Erzählungen kommen auch in den Jātakas
vor, nämlich I,8 in J 352; I,12 in J 354; II,6 in J
454; III,9 in J 511. In einem späteren Sanskritwerk von
Wiedergeburtsgeschichten (Avadāna-śataka)
erscheinen in den 10 Geschichten seines fünften Teils zwei der Pv-Titel: I,6 in Nr. 49 und II,10 in Nr. 46.
Der Übersetzung zugrunde gelegt ist der revidierte Text der PTS
von Jayawickrama von 1977 für die Verse und die englische Ausgabe des Kommentars
von Masefield von 1980 für die Rahmenerzählungen. Zitiert wird nach den vier
Abteilungen und innerhalb derer nach den Nummern der Erzählungen, also z.8.
IV,12. Als sehr zweckmäßig erwies sich die fortlaufende Durchnumerierung aller
Verse von 1 - 814, die unten stets angegeben ist. Danach wird aber nur
zitiert, wenn es sich um einen einzelnen Vers handelt und nicht um die
Geschichte im ganzen. Dagegen numerieren die älteren Ausgaben, das PED und
auch der Kommentar die Verse nur innerhalb einer Erzählung durch, was aber
umständlich ist, z.B. III,75 (Teil III, Erzählung 7, Vers 5 = Vers
481). Die Ausgabe von 1977 weicht in der Zählung der Verse manchmal um eins
von den früheren Ausgaben ab: Das jedesmal zu vermerken, erschien entbehrlich.
Die Versform ist meist der
Sloka von 32 Silben, geschrieben in den Ausgaben in zwei Zeilen zu je 16. Im
Deutschen wird dies aber zu Recht immer in vier Zeilen zu je 8 Silben geschrieben.
Von den 814 Versen haben nur etwa 270 eine andere Silbenzahl, meist 11 pro Zeile
statt 8. Die Übersetzung folgt dem jeweiligen Versmaß. Selten hat ein Vers
statt 4 aber 6 Zeilen: Von daher kommt die unterschiedliche Numerierung, je
nachdem, ob man diese Zeilen zum vorigen oder zum folgenden Vers zählt.
Der Text besteht aus drei Teilen.
Der Hauptteil, der allein als kanonisch gilt und daher bei Jayawickrama allein
abgedruckt, ist ohne die Rahmenerzählungen oft nicht verständlich. Diese
wurden etwa 500 Jahre länger als die Verse nur mündlich überliefert, gelten
auch nicht als kanonisch, weshalb sie hier nicht wörtlich übersetzt sind,
sondern nacherzählt. Oft wiederholt die Rahmenerzählung den Inhalt der Verse,
was überflüssig ist, und oft sind sonstige Kürzungen oder Erläuterungen zum
Verständnis sinnvoll. Alle Kommentare aber werden am Ende als
"Bemerkungen" gegeben, wobei der alte Wortkommentar nur selten
Erwähnung verdient.
Das Werk erfreut sich bei der
Wissenschaft keiner Beliebtheit. So spricht 1920 Moritz Winternitz von Pv und
Vv als "höchst unerfreulichen, glücklicherweise wenig umfangreichen
Werken" (Gesch. d. ind. Lit., Bd. 11, S. 77). Ins Deutsche übersetzt wurde
bisher auch nur ein kleiner Teil, auch davon meist nur die Verse (Stede, 1914).
Im englischen Sprachraum haben dagegen drei Indologen es für wert befunden, das
Werk herauszugeben, wie unten aus dem Literaturverzeichnis zu ersehen ist.
Buch
I
I,1: Das
Gleichnis vom Acker
In Rājagaha lebte ein unermeßlich reicher
Mann, der nur unter dem Namen Mahā-dhana-setthi
("viel reicher Gildemeister") bekannt war. Er hatte einen einzigen
Sohn, den er abgöttisch liebte. Seine Eltern überlegten sich: "Wenn unser
Sohn auch tausend Taler pro Tag ausgibt, so wird sein Vermögen selbst in
hundert Jahren nicht aufgebraucht sein." Daher ließen sie ihn keinen Beruf
und keine Kunst lernen, weil sie dachten: "Da das Erlernen einer Kunst
eine ermüdende Anstrengung bedeutet, so mag er eben bei gesundem Körper und
Geist bequem seinen Reichtum genießen." Als er dann 16 Jahre alt geworden
war, führten sie ihm eine entzückende Braut zu, die er nur zu gern heiratete.
Daß sie auch nicht den leisesten Sinn für das Religiöse hatte, bemerkte er nicht
einmal. Mit ihr verbrachte er seine Zeit, nur dem Vergnügen, der Lust, der
Zerstreuung hingegeben. Gaben gab er keine und behandelte Asketen und Brahmanen
verächtlich.
Als seine Eltern gestorben und er der
Alleinerbe des riesigen Vermögens geworden war, fielen die letzten Schranken, die
ihn noch zurückgehalten hatten. Er gab nun mit vollen Händen sein Geld an
Tänzer, Sänger, Trinker, Schauspieler, Spieler, die sich, wie Motten zum Licht,
um ihn drängten und ihn ausbeuteten. Die Sucht zur Übersteigerung ließ ihn
immer neue und kostspieligere Ideen finden. Und bei diesem Prassen begann
selbst der riesige Reichtum spürbar abzunehmen. Da verfiel er auf das
Glücksspiel, und nun verschlang der Moloch um so schneller sein Vermögen. Eines
Tages war das Vermögen durchgebracht, und er stand vor dem Ruin. Da begann er,
um sein Leben des gewohnten Leichtsinns und der verspielten Leichtigkeit noch
fortsetzen zu können, sich Geld zu pumpen. Er erhielt es zunächst auch, da er
ja eine stadtbekannte Persönlichkeit war. Er verpfändete dafür all seinen
Besitz, Haus und Hof, Feld und Flur. Eines Tages waren auch die Pfänder und
sein Kredit zu Ende. Die Gläubiger nahmen ihm alles ab, und er stand vor dem
Nichts. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Bettler zu werden. So lebte
er denn im Armenhaus der Stadt kläglich dahin, immer in Sehnsucht nach seinen
glücklichen Zeiten.
Er starb nun aber nicht an Kummer, machte
auch keinen Selbstmord aus Verzweiflung, sondern - er traf eines Tages den
Führer einer Einbrecherbande. Dieser Gangsterchef sagte zu ihm: "Was hast
du denn von deinem armseligen, mühsamen Bettelleben? Du bist jung und stark.
Komm doch zu uns und verschaffe dir wieder ein besseres Leben." Er bot ihm
an, ihn zum Einbrecher auszubilden. Da stimmte er freudig zu. Was seine Eltern
ihm hatten ersparen wollen, die Berufsausbildung, das mußte er nun doch
nachholen, denn auch das Diebeshandwerk will gelernt sein. So mußte er zum erstenmal
in seinem Leben arbeiten und lernen und sich aktiv bemühen. Als er die
Anfangsgründe des Räuberwesens einigermaßen beherrschte, nahm ihn die Bande
eines Tages mit auf ihre Tour. Sie postierten ihn an der Tür des Hauses, in das
sie einbrechen wollten, gaben ihm eine große Keule in die Hand und sagten, er
müsse jeden erschlagen, der sie an der Arbeit stören würde. Er hatte nicht das
geringste Gefühl, daß dies böse sein könne. In seiner lebensfremden Unerfahrenheit
versagte er kläglich. Als die Bewohner des Hauses erwachten, sahen sie ihn,
nahmen ihn fest, während die anderen davonliefen. Er wurde zum König gebracht,
der den auf frischer Tat Ertappten, nach dessen Bande man schon lange
gefahndet hatte, zum Tode durch Enthaupten verurteilte. Unter schrillem
Trommelwirbel und mit Peitschenschlägen angetrieben wurde der mit den Händen
auf dem Rücken Gefesselte zur Richtstätte geführt, die vor den Toren lag. Die
Bevölkerung freute sich und klatschte Beifall, da nun endlich der Übeltäter
gefaßt war, vor dem kein Haus sicher zu sein schien.
Während er so durch die Straßen geführt
wurde, sah ihn Sulasā, die Stadtschöne, die
stadtbekannte, reizende Hetäre, als sie vom Fenster auf den Straßenlärm
blickte. In seinen glücklichen Zeiten hatte er Umgang mit ihr gehabt. Nun fühlte
sie Mitleid mit ihm, der von den Höhen göttergleichen Genusses so tief
herabgestürzt war. Aus Erbarmen sandte sie ihm rasch einige Süßigkeiten und
einen frischen Trunk mit der Bitte an die Wächter, ihm diesen Genuß vor seiner
Hinrichtung als "Henkersmahlzeit" noch zu gestatten. Sie überlegte
nicht lange, was ihm denn dies noch nützen könne, sondern sie handelte
impulsiv aus spontanem Mitleid.
Um diese Zeit weilte der ehrwürdige Mahāmoggallāno in Rājagaha. Er pflegte am Morgen mit dem
himmlischen Auge über die Welt zu schauen, um zu sehen, wo Hilfe und Förderung
angebracht war. Da sah er nun diesen Jüngling. Auch er hatte großes Mitleid
mit ihm, denn er sah klar, daß dieser noch heute zur Hölle gelangen würde, wenn
der Scharfrichter sein Haupt von seinem Rumpf trennen würde. Mahāmoggallāno überlegte: "Da dieser Mann auch nicht
das winzigste Verdienst gewirkt, sondern nur leichtsinnige und schlechte Taten
getan hat, ist er der Hölle verfallen. Wie wäre er zu retten? Wenn er mir die
Süßigkeiten und den Trunk geben würde, dann wäre das genug Verdienst für ihn,
statt in der Hölle im Himmel wiedergeboren zu werden." So ging er zu den
Wächtern und kam gerade in dem Augenblick, als die Geschenke Sulasās ihm gebracht wurden. Als der Delinquent den
ehrwürdigen und von Liebe erfüllten Mönch herantreten sah, da schoß es ihm
durch den Kopf: "Was habe ich denn davon, wenn ich diese Süßigkeiten esse?
Bevor ich sie verdauen kann, ist mir der Kopf abgeschlagen, und die Würmer
werden sie fressen. Wenn ich sie aber diesem ehrwürdigen Mönch spende, dann
könnten sie mir zur Wegzehrung für die andere Welt dienen." Plötzlich,
angesichts des sicheren Todes, fiel ihm die andere Welt ein, um die er sich
sein ganzes bisheriges Leben nicht gekümmert hatte, und auch das Gesetz von
Saat und Ernte tauchte ihm aus den Tiefen seines Bewußtseins auf. Was aber
hatte er für gute Saat aufzuweisen? Nichts, absolut gar nichts, außer der
Möglichkeit, jene Süßigkeiten zu spenden. So gab er freudig die Gabe der
Hetäre an den Mönch weiter. Dieser aß alles auf, trank den Trunk und ging des
Weges. Der Jüngling aber fühlte sich trotz seiner Lage zum ersten Mal seit
langem wieder froh und heiter.
Sein Schicksal aber nahm seinen Lauf. Das
Hinrichtungskommando setzte nach jener Episode den Weg fort und gelangte zur
Richtstätte. Dort wurde ihm der Kopf abgeschlagen. Wegen der Spende an einen
Heiligen, an einen der größten Jünger des Erwachten, hatte er sich solches
Verdienst erwirkt, daß ihm der Weg zu einer hohen Himmelswelt offenstand. Aber
im Augenblick seines Todes hatte sich sein Sinn Sulasā
zugewandt. Er dachte, daß er ihr jene Gabe verdanke, die ihn so erhoben hatte,
als er sie weitergab. Aber er dachte auch sehnsüchtig an die Sinnenlust, die er
mit ihr erlebt hatte. So war sein Herz im Todesmoment nicht nur auf Geben,
Dankbarkeit und Himmelswelt ausgerichtet, sondern auf Habenwollen,
Genießenwollen mit dem Fleischleib. Durch dieses vorwiegende Bewußtsein
gelangte er dann nicht zu den Göttern der Dreiunddreißig oder noch höher,
sondern nur zu den erdnahen Göttern der Vier Großkönige. Er wurde eine
Baumgottheit, die an einen mächtigen Banyan-Baum mit dichtem Schatten im
Dschungel nahe Rājagaha gebunden war.
Als eines Tages Sulasā
vor die Stadt fuhr, erschien er ihr, und er konnte sie kraft seiner Fähigkeiten
in sein "Himmelsschlößchen" entführen. Zuerst war sie glücklich mit
ihm, dann aber merkte sie, wie ihre alte Mutter sich verlassen fühlte und um
ihre Tochter jammerte und klagte. So bat sie ihn nach einer Woche, sie wieder
nach Hause zu lassen. Da er ihr sehr zugetan war und in ihr seine Retterin vor
der Hölle verehrte, zögerte er keinen Augenblick, ihren Wunsch zu erfüllen. Die
Leute hatten sie schon überall gesucht und wunderten sich nun, wo sie die ganze
Woche gewesen sei. Als sie die Wahrheit erzählte, wollte man es zuerst nicht
glauben, sie konnte aber die Menschen überzeugen. Diese staunten und riefen:
"Wahrlich, die Heiligen sind der beste Boden in der Welt für Verdienst.
Selbst eine so kleine Gabe läßt einen Menschen unter den Göttern wiedergeboren
werden." Die Kunde von dieser Geschichte drang bis zu den Mönchen, die sie
dem Erwachten erzählten. Er gab daraufhin den Mönchen dazu folgende Merkverse:
Die Heil'gen sind dem Acker gleich,
der Spender gleicht dem
Ackersmann,
dem Saatgut sind die Gaben
gleich,
daraus entwickelt sich die
Frucht. (1)
Das ist die Saat, das ist das Feld
für Petas und für Spender
auch.
Die Saat von Petas wird
verzehrt,
aus dem Gegeb'nen wächst
Verdienst. (2)
Wer schon hienieden heilsam wirkt
und Rücksicht auf die Petas
nimmt,
der gehet zu den Himmeln ein,
weil er ein gutes Werk
gewirkt. (3)
Bemerkungen:
Der Anfang dieser Geschichte bis zum
Schuldenmachen wird ähnlich aus lange zurückliegenden Zeiten von einem
Großkaufmann aus Benares erzählt, der 800 Millionen besaß und dessen Sohn Mahā-dhanako (Großes Vermögen Habender) genannt wurde. Dort
nimmt die Erzählung aber einen anderen Verlauf: Der Jüngling will sich
ertränken usw. (J 482).
Im 419. Jātaka wird von einer Hetäre Sulasā aus Benares erzählt, die sich in einen erfolgreichen
Einbrecher verliebte, als der zur Richtstätte geführt wurde. Dort aber will
sie ihn befreien, was ihr auch gelingt.
Der Playboy oder Sonnyboy scheint auf den
ersten Blick außer der Verachtung von Asketen nichts Böses getan zu haben.
Allerdings war er bereit, zu rauben und zu töten. Außerdem hatte er offenbar
durch seine Verschwendung auch seine Frau ins Unglück gestürzt, hatte in seiner
Ausschweifung Ehebruch betrieben und kräftig dem Alkohol gefrönt. So hatte er
alle Sīlas der Taten verletzt: Töten und Stehlen als
Berufsausbildung, Ausschweifung als Ehebruch, Rauschmittel als Gewohnheit. Und
dann hatte er, als er verarmte, nicht irgendeine Tätigkeit als Diener oder
ungelernter Arbeiter angenommen, sondern lag der Gemeinschaft auf der Tasche,
indem er ganz selbstverständlich das Armenhaus ausnutzte und von den milden
Gaben der Menschen lebte. Arbeitsscheu und asozial hatte er gelebt. Keine Spur
von Höherem war in ihm. Dies alles zusammen und vielleicht noch eine
Disposition von früher bestimmten ihn zur Hölle, wenigstens zu der mildest
möglichen. Die Gabe an einen Heiligen dagegen konnte ihn etwa bis zu den
Stillzufriedenen Göttern bringen, wenn er nicht allzu menschliche Gelüste gepflegt
hätte. Aber nachdem der Buddha die Lehre dargelegt hatte, gelangten er und Sulasā zum Verständnis der Lehre.
I,2: Das Schweinemaul
Zu Lebzeiten des früheren Buddha Kassapo
lebte unter ihm ein Mönch, der seinen Körper asketisch gezügelt hatte und in
Taten nicht das Geringste tat, was einem Mönch nicht ziemt. Darin war er
anderen überlegen. Aber er konnte seine Rede nicht bezähmen und kritisierte
und schalt seine Mitmönche bei jeder Gelegenheit.
Nach dem Tode wurde er in der
Hölle wiedergeboren. Dort mußte er lange Qualen erleiden. Erst als unser Buddha
auf Erden erschien, war seine böse Ernte zu Ende. Seine Erleichterung bestand
darin, daß er nun als Peta wiedergeboren wurde, als ein normales
Hungergespenst, das Speise und Trank entbehrte. Dabei war sein Astralleib von
goldener Schönheit, aber sein Mund war wie beim Schwein. Er lebte nahe dem
Geierkulm an dessen Fuß. Als nun der ehrwürdige Narada morgens in die Stadt Rājagaha
um Almosenspeise ging, sah er den Peta traurig an der Straße stehen und sprach
ihn an:
Narada: Wie gülden glänzt dein Körper dir,
in jede Richtung leuchtet er,
dein Mund jedoch ist wie
beim Schwein.
Welch Werk hast früher du
gewirkt? (4)
Peta: Im Tun, da hab ich mich bezähmt,
im Reden aber tat ich's
nicht,
deshalb seh ich nun also aus,
wie du es, Narada hier
siehst. (5)
So sag ich dir nun, Narada,
was du hier selber also
siehst:
Tu nimmer Böses mit dem Mund,
damit kein Schweinemaul du
wirst. (6)
Bemerkungen:
Der Mönch Narada
kommt außer hier noch in I,3, III,7 - 9 und öfter in Vv
vor. In den Lehrreden erscheint er nur in S 12,68, während der Mönch Narada in
A V/50 ein anderer sein muß, da diese Rede lange nach dem Buddha unter König
Mundo, dem Urenkel Ajatasattus, spielt.
I,3: Der Stinkmund
Ebenfalls zur Zeit des Buddha Kassapo lebten
zwei gute Freunde als Mönche. Sie übten sich in Tugend und Herzensläuterung
und lebten in Frieden und Harmonie bei einem Dorfe. Eines Tages erschien bei
ihnen auf seiner Wanderschaft ein Ordensbruder, den sie freundlich aufnahmen.
Er ging dann mit ihnen auf Almosengang ins Dorf. Dort sah er, wie die
Dorfbewohner die beiden Mönche aufs höchste verehrten und ihnen die besten Dinge
spendeten. Da überlegte er sich: "Entzückend ist dieses Dorf, es gibt
reichlich Almosen, die Menschen sind von Glauben erfüllt. Hier kann man gut
leben, aber nicht, solange die beiden anderen hier sind."
Und er begann, einen bei dem anderen zu
verleumden, zu verdächtigen und schlecht zu machen. Zuerst wollten sie es
nicht glauben, aber schließlich fraß sich das Gift doch ein, und sie wurden
mißtrauisch. Und weil sie mißtrauisch waren, deuteten sie alle Indizien
falsch. Schließlich verließen sie, ohne dem anderen etwas zu sagen, den Platz,
und jeder ging anderswo hin.
Als die Leute nach den beiden fragten,
sagte der Verleumder, sie hätten dauernd miteinander gestritten, und er hätte
vergebens versucht, sie zu versöhnen. Die Leute aber waren froh, daß sie
jedenfalls noch ihn hatten.
Nach einigen Tagen aber überfiel ihn immer
stärker das schlechte Gewissen. Vorwürfe und Reue plagten ihn und verdüsterten
sein Gemüt. Binnen kurzem starb er - und wurde in der Erzhölle wiedergeboren.
Zur Zeit unseres Buddha war seine Höllenqual abgelaufen, und er wurde von der
Hölle befreit. Nun war er ein Peta, der nahe Rājagaha lebte. Vom Geierkulm
herabkommend, sah ihn Narada und sprach ihn an:
Narada: Gar himmlisch lieblich bist du anzusehn und
schön,
du stehst und schwebst im
Raume in der Luft,
doch deinen übelriechend Mund
zerfressen Würmer.
Was ist es für ein Werk, das
einstmals du gewirkt? (7)
Peta: Ich war Asket, war böse, Schlechtes
redend,
Im Wandel Büßer, unbezähmt in
Worten.
Erlangt hab ich durch Buße
schöne Artung,
doch stinkt mein Mund, weil
ich hab hintertragen. (8)
Dies hast du, Narada, nun also selbst
gesehn,
was mitleidsvoll die Guten
würden sagen:
"Sprich niemals
hintertragend, niemals lügend,
dann wirst gewiß ein
wunschgenießend Yakkha du." (9)
Die beiden Mönche aber trafen
sich nach einiger Zeit wieder. Da erzählten sie sich gegenseitig, was der
Verleumder gesagt hatte. So wurden sie wieder Freunde, und die alte Harmonie
kam wieder auf. Sie begaben sich zu ihrem Dorf, und als die Leute sie
erblickten, waren sie überglücklich und versorgten sie mit allem. Die beiden
aber übten sich in der Lehre und entwickelten immer tiefere Einsicht.
Schließlich erreichten sie beide die Heiligkeit.
Bemerkungen:
Der böse Mönch war ein reiner Verleumder,
er hetzte mit Lügen die anderen gegeneinander auf und verbreitete Unwahrheiten
über sie. Hintertragen im eigentlichen Sinne hatte er wohl nicht, denn von
Hintertragen spricht man nur bei wahren Dingen. Aber vielleicht hatte er auch
einmal ein leichtes Vergehen des einen weitergetragen oder etwas aus der
Vergangenheit und es dann aufgebauscht und zur Spaltung benutzt. Jedenfalls
gelangte er in die schlimmste aller Höllen, in die Erzhölle, was der Mönch in I,2 noch nicht erlebte. Sein Sinn ist nun nur auf die
nächsthöhere Götterwelt gerichtet. Wer nicht lügt und hinterträgt, der komme zu
den Vier Großkönigen, zu denen die Yakkhas gehören (Vers 9).
I,4: Die Teig-Puppe
Anāthapindiko hatte eine Enkelin, die noch ein kleines
Kind war. Ihre Amme gab ihr eines Tages eine Puppe aus Teig, aus Mehl gebacken,
zum Spielen. Das Kind freute sich sehr darüber und sprach von dieser Puppe nur
als von ihrer Tochter. Als sie aber einmal nicht aufpaßte, da fiel die Puppe
auf die Erde, und der Keksteig, der ganz hart geworden war, zerbrach. Das Kind
aber war untröstlich und jammerte immer: "Meine Tochter ist
gestorben." Niemand vermochte sie zu trösten.
Damals hatte Anāthapindiko gerade den
Buddha zum Mahle geladen, und beide saßen zusammen. Da kam die Amme mit dem
Kind zu Anāthapindiko. Er fragte, warum sie denn
weine. Die Amme erzählte den Grund. Da nahm er das Kind auf den Schoß und sagte
tröstend: "Ich werde für deine Tochter Almosen spenden." Dann wandte
er sich an den Buddha und sprach: "Ich möchte gern für die Puppe, meine
Urenkelin, Almosen spenden. Gut wäre es, wenn der Erhabene mit 500 Mönchen
morgen zum Mahle zu mir käme." Der Erwachte stimmte schweigend zu. Am
nächsten Tage fand das Essen statt. Am Ende wandte sich der Buddha mit
folgenden Versen an Anāthapindiko:
Auf wen bezogen man auch ist,
wenn ohne Geiz man Gabe gibt,
sei's für die
Vorverstorbenen,
sei's für des Hauses Götter
hier, (10)
für die Vier Großen Könige,
die Weltenhüter, ruhmesreich,
Kuvero, Dhatarattho auch,
Virūpakkho, Virūlhako,
die werden alle so verehrt,
und Geber sind nicht ohne
Frucht. (11)
Was aber Weinen, Kummer ist,
Wehklagen oder was es sei,
nicht nützen die Verwandten
so
dem Peta im geringsten nur.
(12)
Doch wer hier jene Gabe gibt,
verwendend für den Orden sie,
dem wird für lange Zeiten
dies
zum Vorteil dienen ganz
gewiß. (13)
Bemerkungen:
Vers 10: Vorverstorbene (pubba-peta). Hier
steht Peta im allgemeinen Sinne als Tote, aber durch die Konfrontation mit den
dann genannten Göttern doch auf die Welt der Gespenster (Peta) bezogen. (Ebenso
siehe Pv A p. 92 (Ü: S. 100 für Pv II,5)
Die Hausgötter (vatthu-deva)
sind die Erdgötter von Grund und Boden (vatthu), den römischen Laren vergleichbar.
Sie gehören zu den Untergebenen der Vier Großkönige, deren Namen in Vers 11
genannt sind. Jeder steht einer Gruppe Jenseitiger vor.
Vers 12/3 = Vers 23/4
I,5: Außerhalb der Mauern
In jenem Weltzeitalter, das dem 91. Äon mit
dem Buddha Vipassi unmittelbar voranging, lebte in einer Stadt namens Kāsipurī König Jayasena. Seine Frau, Königin Sīrimā, gebar einen Sohn, Phussa. Dieser war ein Bodhisatta
und ging bald in die Hauslosigkeit und erreichte die Erwachung. Der König war
sehr stolz auf seinen Sohn und nahm in Anspruch, daß er allein für ihn und den
Orden sorgte. Der König hatte aber noch drei Söhne, von einer anderen Frau, die
dachten, daß ein Buddha für die ganze Welt erscheint, nicht nur für einen Menschen,
wie ihren Vater. So veranlaßten sie, daß an der Grenze Unruhe auszubrechen
schien. Als der König davon hörte, sandte er seine drei Söhne zur Beschwichtigung.
Sie waren erfolgreich. Der König war hocherfreut und stellte ihnen die
Erfüllung eines Wunsches in Aussicht. Da wünschten sie, auch dem Buddha Phussa
aufwarten zu dürfen. Der König aber schüttelte den Kopf: "Alles könnt ihr
wünschen, nur das nicht." Sie baten, wenigstens für eine Zeit den Orden
versorgen zu dürfen. Für sieben Jahre? Sie gingen immer weiter herunter, aber
jedesmal verweigerte der König es. Als sie schließlich bei drei Monaten
angekommen waren, gab er nach. So versorgten die drei den Buddha, ihren
Halbbruder, für die drei Monate der Regenzeit mit allem Notwendigen. Sie hatten
dafür ihren Gouverneur in der Gegend, wo der Buddha weilen würde, instruiert,
ein Kloster zu bauen und alles heranzuschaffen, was nötig war. Als alles bereit
war und die Regenzeit begann, begaben sie sich mit zahlreichen Helfern zu dem
neuen Kloster und versorgten den Buddha und den Orden die drei Monate. Alles
wurde gut organisiert, und die Bevölkerung half eifrig mit. Es gab aber ein
paar Chaoten, die versuchten, die Spenden zu verhindern. Sie unterschlugen sie
und aßen selber davon. Dann steckten sie den Eßsaal in Brand. Das Spenden aber
konnten sie nicht verhindern. Nach Ablauf der Regenzeit kehrten die Prinzen und
ihre Helfer nach Kāsipurī zurück. Der Buddha Phussa
aber wanderte mit ihnen und ging dann ins Nirvāna
ein.
Nachdem die drei Königssöhne und ihr
Gouverneur und andere Helfer gestorben waren, wurden sie in den Himmeln
wiedergeboren. Die Chaoten aber in den Höllen. Und wenn diese beiden Gruppen
in ihrem Bereich gestorben waren, erschienen sie jeweils dort wieder, die
einen in Himmeln, die anderen in Höllen. So ging das 92 Weltzeitalter lang. In
unserem glücklichen Weltzeitalter, das fünf Buddhas trägt, geschah es, dass
die Chaoten unter dem Buddha Kassapo erstmals wieder die Hölle verlassen
konnten und ins Petareich aufstiegen. Als Petas sahen sie, wie Menschen
spendeten und damit ihren Peta-Verwandten nützten. Da fragten sie den Buddha
Kassapo, wodurch sie dies auch erreichen könnten. Er sagte, das sei noch nicht
möglich. Erst wenn später ein Buddha namens Gotamo erscheinen werde, dann werde
auch ein König namens Bimbisāro erscheinen, der sei
ihr Verwandter vor 92 Äonen gewesen, und was er dem Buddha spende, das könne
ihnen zugute kommen. Da freuten sie sich so, daß ihnen war, als ob dies schon
am nächsten Tag eintreten würde.
Als dann der Buddha Gotamo in der Welt erschien, kamen die drei
Königssöhne und viele Begleiter aus der Götterwelt erstmals wieder als
Menschen zu irdischer Geburt. Sie wurden bald Asketen, und zwar die drei Brüder
der Flechtenträger von Gāya, die der Buddha Gotamo
bald belehrte, bekehrte und die bald Heilige wurden. Ihr Gouverneur aber wurde
König Bimbisāro. Als der König bald den Buddha
einlud, da freuten sich die Petas und hofften, er würde ihnen die Gabe widmen.
Der König aber dachte allein daran, wie er dem Buddha ein Kloster stiften
könne. Da heulten und jammerten die Petas, und zwar nachts so laut, daß der
König es hörte. Er bekam einen Schreck und fragte am Morgen den Buddha, was das
nächtliche Geistergejammer wohl zu bedeuten habe, ob ein Unglück bevorstehe.
Der Buddha aber beruhigte ihn und erklärte ihm, daß frühere Verwandte aus dem
92. Weltzeitalter um Hilfe bäten. Da spendete der König dem Buddha und dem
Orden, und mittels der Kraft des Buddha wurden die Petas ihm dabei sichtbar,
wie sie außerhalb der Mauern standen.
Wenn der König Trinkwasser spendete und sagte, es möge seinen
Verwandten zugute kommen, da erschienen schon in der Petawelt reiche
Lotusteiche mit entzückenden Blumen. Sie tranken davon, badeten dort und labten
sich. Durst und Schwäche vergingen ihnen, und ihre Haut wurde gülden. Als Bimbisāro Reisgrütze spendete und andere Nahrungsmittel, da
bekamen sie ebenso zu essen. Sie genossen es und wurden gekräftigt. Der König
gab Kleidung und Unterkunft, da entstanden Paläste mit bestem Mobiliar und
viele Kleider. Danach sprach der Buddha zur Erklärung zum König folgende
Verse:
Buddha: Sie stehen vor den Mauern da,
an Kreuzungen, an Plätzen
auch,
sie stehn an Pfosten vor der
Tür,
zum eignen Haus gekommen her.
(14)
Zum Essen, Trinken, Fülle
gibt's
an Nahrung, die vorhanden
ist,
doch niemand an die Wesen
denkt,
die einst sich so ihr Los
gewirkt. (15)
Nur wenn von Mitleid sind
erfüllt
Verwandte, solche geben dann
rechtzeitig, was erlesen,
rein,
an passend Essen, Trinken
ist:
"Für unsere Verwandten
sei's,
Verwandte sollen glücklich
sein." (16)
Und diese dann versammeln
sich,
Verwandte aus der Petawelt.
Was ist an Essen, Trinken,
da,
des freuen sie aufrichtig
sich: (17)
Petas: "Lang mögen leben Unsrige,
von denen dieses wir erlangt,
die uns gewürdigt und
verehrt,
denn Geben bleibt nicht ohne
Frucht." (18)
Buddha: Nicht gibt's im Jenseits Ackerland,
nicht findet man auch
Viehzucht dort,
nicht gibt es Handel, so wie
hier,
nicht gibt es Geld, Kauf und
Verkauf.
Nur das, was hier gegeben
ward,
den Petas drüben kommt zugut.
(19)
Wie Regen, der auf Bergen
fiel,
nun stets bergabwärts
weiterfließt,
so kommt, was hier gegeben
ist,
den Petas drüben wohl zugut.
(20)
Wie große Ströme, übervoll,
den Ozean erfüllen stets,
so kommt, was hier gegeben
ist,
den Petas drüben wohl zugut.
(21)
Peta: "Sie gaben, taten wohl für mich,
Genossen, Freunde, wer
verwandt,
uns Petas möge geben man,
gedenkend, was man sich
erwirkt." (22)
Buddha: Was aber Weinen, Kummer ist,
Wehklagen
oder was es sei,
nicht nützen die Verwandten
so
dem Peta im geringsten nur.
(23)
Doch wer hier jene Gabe gibt,
verwendend für den Orden sie,
dem wird für lange Zeiten
dies
zum Vorteil dienen ganz
gewiß. (24)
Dies ist die Pflicht Verwandter, hier
beschrieben:
Den Petas ist Verehrung
reichlich worden,
den Mönchen aber hat man
Kraft gegeben,
nicht wenig also ist
Verdienst, was ihr gewirkt. (25)
Bemerkungen:
Diese 12 Verse kehren wörtlich als 7. Stück
des Khuddakapātha wieder.
Vers 23 - 24 = Vers 12 - 13.
Die Geschichte klingt phantastisch und
scheint dem Gesetz des Wandelseins zu widersprechen. Wie können Wesen 92 Äonen
lang in der Hölle oder im Himmel bleiben? Wie ist solche Beständigkeit
innerhalb der allgemeinen Unbeständigkeit des Daseins möglich?
Was das himmlische, übermenschliche Dasein
angeht, so hat dies ja viele Ebenen. Es heißt hier nur, daß die Wesen nicht
unterhalb davon sanken, also nicht Menschen oder gar untermenschliche Wesen
wurden. Die Himmel selber sind sehr unterschiedlich, auch die Brahmas gehören
dazu. Und die leben äonenlang. Angesichts dessen wird die Zeitangabe schon
relativer. Dann ist ein Leben, das eines höheren Brahma, mehrere Äonen lang.
Schwieriger ist indes das gleichbleibende
Höllendasein zu verstehen. Wenn Devadatto für viel schlimmere Taten, als die
hier beschriebenen Chaoten sie begangen haben, "nur" ein halbes Äon
in die Hölle kam, wieso sollen dann jene 92 Äonen leiden. Wo ist da die
Gerechtigkeit und die Saat-ErnteVerhältnismäßigkeit? Dazu wäre zu sagen:
Erstens heißt es von Devadatto, daß er in die Erzhölle kam, in die schlimmste
Leidensform. Davon ist hier, im Gegensatz zu Pv I,3, nie die Rede. Es könnte
doch sein, daß ein halbes Äon Erzhölle schlimmer ist als 92 Äonen
"normale" Hölle.
Zweitens sind die Höllen ebenso
unterschiedlich gestaffelt wie das Petareich. Die
"mildesten" Formen sind von den höllennahen Gespenstern kaum zu
unterscheiden. Die Chaoten könnten dann immer nur an dieser Grenze erschienen
sein.
Drittens gehören zur Hölle auch die
Höllenwächter, die Quälgeister, die sozusagen "glückliche Höllische"
sind, weil sie während dieser Zeit selber nicht leiden, sondern andere leiden
lassen. Das mag die Leidenszeit schon erheblich verkürzen.
Viertens, und vor allem aber, gibt es
Höllen nur, solange es die Sinnenwelt gibt. Und die Sinnenwelt gibt es nur
während der Weltausbreitung, nicht während der Weltzusammenballung. Dann
bestehen die Wesen nur aus Brahmas. Also steht das Höllendasein der Chaoten
unter der stillschweigenden Voraussetzung einer Wenn-dann-Klausel. Wenn es
Höllen gibt, dann sind sie dort. Wenn es diese nicht gibt, dann sind sie
Brahmas wie die anderen Wesen.
Trotzdem mag der Eindruck des
Phantastischen bleiben. Aber noch viel phantastischer ist es, daß im
geschlossenen Leidenskreislauf des Samsāro ein
Buddha erscheinen kann. Das ist ein ungleich größeres Wunder, als 92 Äonen in
Himmel oder Hölle zu weilen. Und das Spenden oder Verweigern gegenüber einem
Buddha hat ebenfalls wunderbare und phantastisch klingende Auswirkungen. Wer
in den Anziehungsbereich eines Buddha kommt - im
Guten oder Bösen -, der erlebt einen Abglanz von Beständigkeit.
Die Rahmenerzählung zeigt auch die große
Bedeutung dieses 92. Äons. Im 91. Äon lebte der Buddha Vipassi, von dem noch
heute Jünger als Nichtwiederkehrer im Himmel der Reinhausigen existieren, wie
es in D 14 beschrieben ist. Und die Laien, die seit dem 92. Äon in Himmeln
lebten, stellten zu Lebzeiten des Buddha die größte Schar von Indern, die geschlossen
dem Orden beitraten und binnen kurzem samt und sonders Heilige wurden. Das
waren die drei Kassapos, die Führer jeweils von Hunderten von Asketen. So wie
sie vor 92 Äonen mit ihren Freunden dem Buddha Phussa aufgewartet hatten, so
dienten sie nun als Mönche geistig dem Buddha Gotamo. Das 92. Äon scheint
dasjenige zu sein, das noch Ausstrahlungen bis in die Zeit des Buddha hatte. So
weit zurück lagen die karmischen Ursachen für die drei Kassapos und für Bimbisāro.
I,6: Die Menschenfresserin der fünf Kinder
In einem Dorf bei Sāvatthī
lebte ein vermögender Mann. Seine Ehefrau war unfruchtbar. Seine Verwandten
drängten ihn, eine andere Frau zu nehmen, aber da er sie liebte, wollte er es
nicht. Da sagte sie zu ihm: "Ich bin unfruchtbar, o Herr. Eine andere
Braut muß her, laß die Linie der Familie nicht aussterben." Als sie ihn so
drängte, willigte er schließlich ein und nahm sich eine zweite Frau hinzu. Diese
wurde dann bald schwanger. Da wurde die erste Frau plötzlich neidisch und
fürchtete, daß die zweite Frau nun Herrin im Haus sein würde, während man sie
zurücksetzen würde. Übermannt von dieser Eifersucht suchte sie eine Pilgerin
auf, die ihr ein Abtreibungsmittel verschaffte, das sie der zweiten Frau
beibrachte. Das Folgende schildern die Verse.
Bald nach dem Meineid starb die erste Frau
und wurde nahe ihrem Dorf als Petī wiedergeboren.
Eines Tages kamen acht Ordensältere nach verbrachter Regenzeit auf dem Wege
nach Sāvatthī dort vorbei. Dort zeigte sich die Petī ihnen, und der Führer der Mönche befragte sie. Danach
- und das steht nicht mehr in den Versen - bat sie die Mönche, zu ihrem
einstigen Mann zu gehen und diesen zu bitten, dem Orden zu spenden und das Verdienst
daran ihr zu widmen. So geschah es auch. Dadurch wurde die Petī
von ihrem Elend erlöst und erlangte göttergleiche Erleichterung. In der folgenden
Nacht konnte sie ihrem Mann erscheinen und ihm danken.
Mönch: Nackt bist du, unschön anzuschaun,
riechst übel, hauchst
Verwesung aus,
von Fliegen bist du übersät:
Wer bist du, der du also
weilst? (26)
Petī: Bin eine Petī
ja, o Herr,
ging abwärts, kam in Yamas
Welt.
Nachdem ich böses Werk
gewirkt,
gelangt ich in die Petawelt.
(27)
Fünf Kinder morgens ich
gebär,
fünf weitere am Abend dann.
Geboren kaum, da freß ich
sie,
doch nimmer werde ich da
satt. (28)
Mein Herz von Hunger wird
verzehrt,
es brennet und es raucht
davon,
zu trinken ich bekomme
nichts.
Sieh, welches Unglück mir
beschert! (29)
Mönch: Was hast du Böses denn getan
in Werken, Worten und im
Geist?
Für welches Wirken reift es
dir,
daß du das Fleisch der Kinder
frißt? (30)
Petī: Die Mitfrau, die war schwanger einst,
und ich war böse ihr gesinnt,
verderbt im Geiste brachte
ich
die Leibesfrucht zur
Abtreibung. (31)
Der Embryo nach Monden zwei
ist blutig da hinweggeströmt,
und seine Mutter,
aufgebracht,
rief die Verwandten schnell
herbei.
Sie hieß mich schwören einen
Schwur,
nachdem sie mich gescholten
hat. (32)
Ich leistet einen furchtbarn
Schwur,
ich log und wurde meineidig:
"Will essen eigner
Kinder Fleisch,
wenn ich so etwas hätt
verübt." (33)
Als Reife dieses Wirkens dann
und für die Lüge ebenfalls
freß ich hier meiner Kinder
Fleisch,
von Eiter und mit Blut
beschmiert. (34)
Bemerkungen:
Die Geschichte kehrt in Avadāna-śataka Nr. 49 wieder. Die Verse 27 bzw. 30
kehren sehr häufig in Pv wieder. Die Petī erschien
unterhalb des Durchschnitts der Petas wieder, unschön anzusehen und häßlich
riechend, dazu nackt und von Fliegen umgeben oder Blut beschmiert (makkhika =
mit Fliegen; makkhita = beschmiert. Beides mag verwechselt sein). Das ist der
Zusatz außer dem Hungerleiden. Ferner ist die Hauptstrafe für Mord und Meineid,
daß sie ihre zehn Kinder täglich fressen muß, außer den Geburtswehen täglich.
I,7: Die Menschenfresserin von sieben
Kindern
Mönch: Nackt bist du, unschön anzuschaun,
riechst übel, hauchst
Verwesung aus,
von Fliegen bist du übersät:
Wer bist du, der du also
weilst? (35)
Petī: Bin eine Petī
ja, o Herr,
ging abwärts, kam in Yamas
Welt.
Nachdem ich böses Werk gewirkt,
gelangt ich in die Petawelt.
(36)
Früh sieben Kinder ich gebär,
am Abend sieben weitre dann.
Geboren kaum, da freß ich
sie,
doch nimmer werde ich da
satt. (37)
Mein Herz von Hunger wird
verzehrt,
es brennet und es raucht
davon,
ich finde Branderlöschung
nicht,
von innrer Feuersglut
gequält. (38)
Mönch: Was hast du Böses denn getan
in Werken, Worten und im
Geist?
Für welches Wirken reift es
dir,
daß du das Fleisch der Kinder
frißt? (39)
Petī: Ich hatte einst der Söhne zwei,
mit Jugendschönheit reich begabt,
ich, durch die Fruchtbarkeit
betört,
verachtete den Gatten mein.
(4D)
Da wurde böse mein Gemahl
und nahm sich eine andre
Frau,
und als sie von ihm schwanger
ward,
da wurde ich ihr bös gesinnt.
(41)
Verderbt im Geiste brachte
ich
die Leibesfrucht zur Abtreibung,
der Embryo nach Monden drei
in faulem Blute ging dahin.
(42)
Und seine Mutter,
aufgebracht,
rief die Verwandten schnell
herbei.
Sie hieß mich schwören einen
Schwur,
nachdem sie mich gescholten
hat. (43)
Ich leistet einen furchtbarn Schwur,
ich log und wurde meineidig:
"Will essen eigner
Kinder Fleisch,
wenn ich so etwas hätt
verübt." (44)
Als Reife dieses Wirkens dann
und für die Lüge ebenfalls
freß ich hier meiner Kinder
Fleisch,
von Eiter und von Blut
beschmiert. (45)
Bemerkungen:
Die Vorgeschichte ähnelt 1,6. Nur ist hier
nicht Unfruchtbarkeit, sondern gerade Fruchtbarkeit Anlaß des Neides. Die
erste Frau besaß eine der fünf Kräfte der Frauen, die S 37,25 ff nennt, nämlich
putta-bala (die Kraft, Kinder zu haben oder Söhne zu haben). Hier ist wohl die
Kraft, Stammhalter zu gebären, gemeint. Die Frau war nicht, wie Gehmann
übersetzt, stolz auf die Kraft und Stärke ihrer Söhne (Vers 40), sondern
eingebildet auf ihre Mutterschaft (so richtig Masefield, S. 42 FN 6). Dann
wurde sie eifersüchtig auf die zweite Frau, die sich ihr Mann nur genommen
hatte, weil sie so überheblich war und ihren Mann verachtet hatte. Sie wollte
Alleinherrscherin bleiben und mißgönnte der Mitfrau die Mutterschaft.
I,8: Der Ochse
Einem reichen Mann in Sāvatthī
war sein Vater gestorben. Er war untröstlich und rannte wie ein Irrer herum,
jeden fragend, ob er seinen Vater gesehen habe. Als der Buddha morgens über
die Welt blickte, sah er, daß in diesem Mann die Bereitschaft zum Verständnis
des Leidens und seiner Überwindung reif geworden war. So ging er um Almosen zu
seinem Haus. Der Mann lud ihn zum Essen ein und fragte den Buddha, ob er wisse,
wohin sein Vater gegangen sei. Der Buddha stellte sofort die Gegenfrage, welchen
Vater er wohl meine, den dieses Lebens oder einen der früheren Väter? Da war
der Mann plötzlich angerührt. Er sah: Ich habe ja schon viele Väter gehabt,
und alle sind gestorben. So legte sich sein Kummer, und er gewann wieder etwas
Fassung. Der Buddha sprach dann so zu ihm, daß sein Kummer noch weiter aufgelöst
wurde, und dann gab er ihm die stufenweise Lehrdarlegung: vom Geben, Tugend, Jenseits,
Herzensfrieden. Und als der Hausvater dadurch bereitet war, legte er ihm die
vier Wahrheiten dar. Dadurch gelangte dieser sofort zur Frucht des
Stromeintritts und nach dem Tode zum Himmel. Dann kehrte der Buddha ins Kloster
zurück. Die Mönche sprachen gerade darüber, wie erstaunlich es sei, daß der
Buddha in einem kurzen Gespräch den verzweifelten Hausvater zum Stromeintritt
geführt habe. Darauf erzählte er ihnen, wie er schon früher selber als Sohn
eines trauernden Hausvaters diesen vom Kummer befreit habe, aber nur für jene Existenz.
Er habe damals am Beispiel eines toten Ochsen den Vater vom Kummer abgebracht:
Vater: Was tust du wie ein Irrer denn
und reißest ab das grüne Gras
und redest immer: "Iß
doch, iß!"
zu diesem toten alten Ochs?
(46)
Denn nicht durch Speise und
durch Trank
kann aufstehn der gestorbne
Ochs,
und zwecklos redest du daher,
wie wenn du den Verstand
verlorn. (47)
Sohn: Der Ochs hat Füße noch und Kopf,
er hat den Körper mit dem
Schwanz,
die Augensterne sind noch da.
Warum sollt er nicht stehen
auf? (48)
Großvaters Hand und Fuß und
Leib
und Kopf sieht man nicht
mehr.
Wenn du bei seinem Grabmal
weinst,
hast du nicht den Verstand
verlorn? (49)
Vater: Wie Feuer brannte Kummer mir,
in das man flüss'ge Butter gibt;
gleichwie man Wasser gießt
hinein,
hast alles Weh du mir
gelöscht. (50)
Des Kummers Stachel zog er
raus,
der mir in meinem Herz
gesteckt.
Den Kummer, der mich ganz
erfüllt,
den Vaterkummer nahm er mir.
(51)
Der Kummerstachel, der ist
fort,
bin kühl geworden,
brandgelöscht,
ich trau're nicht, ich wein
nicht mehr,
nachdem, mein Sohn, ich dich
gehört. (52)
Sprecher: Die weise sind, die handeln so,
sie nehmen anderer sich an,
sie machen sie vom Kummer
frei,
wie seinen Vater Sujāta. (53)
Bemerkungen:
Die Vorgeschichte erscheint kürzer auch in
J 352 E. Dort aber erzählt dann der Buddha das Jātaka dem Hausvater und nicht
den Mönchen. Die Verse 50 - 52 kommen noch sehr oft im Kanon vor: Vv 83, Pv II,6 + 13; J 352, 372, 410, 449, 454. In J steht in Vers 52
anavila statt sitibhuta. J 352 ist in der "Schatzkiste" von Fritz
Schäfer nacherzählt (1. Aufl. S. 418; 2. Aufl. S. 386).
I,9: Der Webermeister
Einstmals hatte eine Gruppe von 12 Mönchen
den Buddha um einen Meditationsgegenstand gebeten, um in der Regenzeit sich danach
zu üben. Als sie ihr Thema erhalten hatten, suchten sie einen geeigneten Ort.
Dabei kamen sie zu einem Weberdorf in einem Wald. Dort wohnten 11 Weber, die
rasch Hütten errichteten und sie mit allem versorgten. Der Webermeister versorgte
zwei Mönche, die übrigen zehn Weber je einen Mönch. Die Ehefrau des Webermeisters
aber war eine ungläubige Materialistin, geizig und kleinlich. Als der Webermeister
sah, daß sie sich weigerte, den Mönchen etwas zu geben, nahm er sich eine
zweite Frau, und zwar deren Schwester. Die war hochsinnig und versorgte die
Mönche ehrfürchtig mit allem Nötigen. Am Ende der Regenzeit gab jeder der
Weber den Mönchen ein Gewand. Die erste Frau aber verfluchte ihn, wie im Vers
gesagt.
Als der Webermeister gestorben war, wurde
er eine mächtige Baumgottheit mit einem schönen Vimāna. Die geizige Frau
überlebte ihn. Als sie starb, wurde sie eine leidende Petī,
nicht weit von ihm. Sie bat ihn um Hilfe. Er verschaffte ihr bestes Essen und
schönste Kleidung, aber sowie sie es berührte, wurde es zu Kot und Urin, Blut
und Eiter, und das Kleid wurde glühendes Kupfer. So ging sie heulend davon.
Zu jener Zeit hatte sich ein Mönch einer
Karawane angeschlossen, die nach Sāvatthī zog, wo er
den Buddha aufsuchen wollte. Er verirrte sich aber in einem Wald. Da sah in
die Baumgottheit und erschien ihm in menschlicher Form und zeigte ihm sein Vimāna
und versorgte ihn. Da kam die Petī wieder und bat
erneut um Nahrung und Kleidung. Doch wieder konnte sie nichts annehmen wie
vorher. Darauf entspann sich der folgende Dialog:
Mönch: Urin und Kot und Eiter, Blut
verzehret
sie. Was reifte da?
Was für
ein Wirken tat die Frau,
daß sie
stets Blut und Eiter ißt? (54)
Gewänder neu und schön und weich,
gar rein und wollig, sie
empfängt,
doch glühend Kupfer werden
sie.
Was für ein Wirken tat die
Frau? (55)
Yakkha: Sie war mein Eheweib, o Herr,
nichts gebend, geizig,
knickerig,
und wenn ich den Asketen gab,
dann schalt sie mich und
schimpfte laut: (56)
"Urin und Kot und Eiter,
Blut,
Unreines sollst verzehren du
für alle Zeit in jener
Welt,
und Kleider soll'n dir Kupfer
sein."
Weil schlechten Wandel sie
geführt,
muß sie so essen lange Zeit.
(57)
Danach fragte die Gottheit den Mönch, ob es
ein Mittel gäbe, ihr zu helfen. Der Mönch erklärte ihm, wie es möglich sei.
Darauf gab die Baumgottheit ihm Speise und Kleidung und widmete diese Gabe der Petī. Sofort war ihr Leiden beendet, und sie wurde eine
himmlische Nymphe.
Bemerkungen:
Die vier Verse sind kein
Sloka, es erschien hier aber ausnahmsweise sinnvoller, den Dialog im
Sloka-Metrum zu übersetzen.
I,10: Die Kahlköpfige
In längst vergangenen Zeiten lebte in
Benares eine Hetäre, die von ungewöhnlicher Schönheit war. Besonders hatte sie
herrliches schwarzes Haar, fein und weich und gelockt. Wenn sie es lose trug,
reichte es ihr bis zu den Hüften. Die jungen Männer der Stadt verliebten sich
bei ihrem bloßen Anblick schon in sie. Überall wurde sie als die schönste Frau
gepriesen. Einige Frauen wurden nun neidisch auf sie, besonders mißgönnten sie
ihr das schöne Haar. Sie berieten sich, wie sie ihr wohl schaden könnten. Sie bestachen
dann ihre Dienerin. Diese gab ihrer Herrin einen Trank, der Haarausfall
verursachte. Während die Hetäre im Ganges badete, verabreichte die Dienerin
ihr den Trank. Daraufhin fielen ihr die Haare mit der Wurzel aus, und sie war
plötzlich kahl wie ein Kürbis. Sie schämte sich ungemein und wollte nicht
wieder in die Stadt gehen. Sie schlang ein Tuch um ihren Kopf und ließ sich vor
den Stadttoren nieder. Nach einigen Tagen verließ sie das Schamgefühl wegen
ihrer Kahlheit. Sie preßte Sesam aus und erwarb ihren Lebensunterhalt durch
Verkauf von Öl und Alkohol. Eines Tages hatten zwei oder drei Männer bei ihr
zuviel getrunken und fielen in tiefen Schlaf. Da stahl sie ihnen die Mäntel
aus Geldgier.
Etwas später sah sie eines Tages einen Mönch auf dem Almosengang.
Der war ein Heiliger. Sie fühlte tiefen Respekt vor ihm, ohne zu wissen warum,
lud ihn zu sich ein und bot ihm Ölkuchen an. Von Mitleid bewogen aß er ihn, und
nachdem er ihr gedankt, ging er fort. Sie aber fühlte große Freude über ihre
Gabe. Und sie wünschte, daß ihr das Verdienst dafür reifen würde, indem sie
ihr schönes Haar wieder erhielt.
Als sie starb, wurde sie eine glückliche Petī mit einem schönen Vimāna im Ozean. Ihr Haar war wie
zuvor, doch wegen der gestohlenen Kleider war sie nackt und konnte sich nur mit
den Haaren bedecken. Außerdem war sie allein, einsam, ohne Gesellschaft. So
vergingen lange Zeiten. Wenn sie starb, wurde sie immer wieder als glückliche Petī in denselben Umständen wiedergeboren.
Als unser Buddha in der Welt erschienen
war, fuhren etwa hundert Kaufleute aus Sāvatthī zum
Goldland. Ihr Schiff wurde in jene Gegend des Ozeans verschlagen, an dem die Petī lebte. Dort zeigte sich die Petī
ihnen, und der Führer der Kaufleute wandte sich an sie:
Kaufmann: Wer bist du, die nicht kommt heraus
aus dem Vimāna, wo du wohnst?
Komm doch heraus, du
Glückliche,
wir woll'n dich gerne draußen
sehn. (58)
Petī: Ich schäme mich, ich ekle mich,
als Nackte hier herauszugehn.
Bedeckt bin ich mit Haaren
nur,
hab wenig an Verdienst
gewirkt. (59)
Kaufmann: Hier geb ich was zum Anziehn dir,
nimm dieses Kleid und leg es
an,
und wenn du's angezogen hast,
dann komm, o Schöne, doch
heraus.
Nun komme doch, du
Glückliche,
wir woll'n dich gerne draußen
sehn. (60)
Petī: Was du mir ausgehändigt hast,
das kommt zugute mir noch
nicht.
Ein gläubiger Anhänger hier,
ein Jünger des erwachten
Herrn, (61)
wenn diesen du bekleidest
jetzt
und mir die Gabe widmest,
dann
werd ich ganz glücklich sein
davon,
und aller Wunsch ist mir
erfüllt. (62)
Sprecher: Den badeten die Kaufleute,
den salbten sie mit
Wohlgeruch,
dem legten sie Gewänder an
und widmeten die Gabe ihr.
(63)
Sofort nach dieser Zuweisung,
da zeigte sich die Ernte
schon
an Speise, Kleidung und an
Trank.
Das war hier dieser Gabe
Frucht. (64)
So ward sie rein, und ihr
Gewand
war schöner als ein Kāsi-Kleid.
Aus dem Vimāna lächelt sie:
"So also ist des Gebens
Frucht." (65)
Kaufmann: Gar wohlgeschmückt, gefällig auch
erglänzet dein Vimāna jetzt.
Laß fragen, Göttin, dich,
erzähl,
von welchem Wirken dies die
Frucht. (66)
Petī: Da war ein Mönch auf Wanderschaft,
ein grader Mensch, dem
spendete
ich eine Schüssel Sesambrei,
dabei gar heiter im Gemüt.
(67)
Für dieses heilsam Wirken ich
die Ernte lange dann genoß
in dem Vimāna, das mir ward.
Doch wenig nur ist übrig
noch. (68)
Nach Ablauf von vier Monaten
wird meine Zeit erfüllet
sein,
und ich werd in die Hölle
gehn,
die einzig stinkend,
fürchterlich. (69)
Vier Ecken hat, vier Tore
sie,
ist regelmäßig eingeteilt,
mit einem Eisenwall herum,
mit Eisen oben auch bedeckt.
(70)
Ihr Boden auch von Eisen ist,
gar feurig glüht und brennet
er,
wohl hundert Meilen im
Quadrat
erstrahlt sie und bleibt
immerdar. (71)
Dort werde lange Zeiten ich
viel Wehgefühl erfahren dann
als Frucht von bösem Wirken
einst.
Darum bin ich bekümmert sehr.
(72)
Der gläubige Anhänger hatte großes Mitleid
mit ihr und fragte sich, ob man den Höllensturz nicht verhindern könne. Er kam
zu dem Schluß, daß sie durch die Gabe an ihn schon solchen Nutzen gehabt
hätte. Wieviel mehr müßte ihr eine Gabe an den Buddha und den Orden nützen.
Nachdem er ihr dies mitgeteilt hatte, spendete sie den Kaufleuten himmlische
Nahrung, Kleidung und Juwelen für den Orden, vor allem einen himmlischen
Mantel für den Buddha. Die Kaufleute kehrten dann nach Sāvatthī
zurück und übergaben dem Buddha den Mantel. Am nächsten Tag luden sie den
Buddha und den Orden zum Essen ein und widmeten die Gabe ihr. Die Wirkung war,
daß die Hölle für sie verschwand und daß sie bei den Göttern der Dreiunddreißig
wiedergeboren wurde, geschmückt mit vielen Juwelen und mit einem Gefolge von
tausend himmlischen Nymphen.
Bemerkungen:
Was aus den neidischen Frauen
und der bestechlichen Dienerin wurde ist nicht überliefert.
Die negativen Taten von ihr
waren: Diebstahl der Kleider der Betrunkenen; Verführung anderer zum Alkohol
durch ihren Ausschank; Beruf als Hetäre. Demgegenüber wirkte die eine gute Tat
an einen Heiligen so, daß sie viele Wiedergeburten eine glückliche Petī war, nur nackt und einsam. Aber dann war ihr Verdienst
aufgezehrt, und es stand ihr die Hölle bevor.
Vers
58: draußen (bahitthita), v.l. mah'iddhika (große Magie). In diesem Falle
wünschte er, ihre Magie zu sehen.
Vers 64: kommt noch sehr häufig später vor.
Vers 70 - 71: ebenso in M 129 und 130, J 530 p. 266, ebenso in
Pv 692 - 693.
Vers 69 - 72 = Pv 239 - 242.
I,11: Der Elefant
Eine Frau war schwanger und
starb noch vor der Geburt des Kindes. Sie wurde verbrannt, aber das Kind wurde
auf wunderbare Weise gerettet. Es war ein Knabe, der Sankicca genannt wurde.
Als er sieben Jahre alt war, hörte er, daß seine Mutter so tragisch gestorben
war. Das ergriff ihn derart, daß er zu Sāriputto ging
und als Novize aufgenommen zu werden wünschte. Während ihm die Haare geschoren
wurden, schnitt er sich selber die letzten Triebe ab und war ein Heiliger. Er
lebte dann mit dreißig Mönchen im Walde. Als eine große Räuberschar die Mönche
überfiel, gelang es ihm durch seine Geisteskraft, die Räuber zu zähmen. Sie
waren so gepackt, daß sie ihr Handwerk aufgaben und Mönche wurden.
Als er volljährig war und die Mönchsweihe
erhalten hatte, wanderte er nach Benares und ließ sich mit anderen Mönchen am
Seherstein nieder. Dort wurden sie von den Hausleuten gut versorgt. Ein
Laienanhänger des Buddha riet ihnen, eine ständige Versorgung einzurichten, was
auch geschah.
Damals lebte in Benares ein Brahmane mit
zwei Söhnen und einer Tochter. Er war aber ungläubig. Der älteste Sohn war nun
ein Freund jenes Laien. Dieser nahm ihn mit zu Sankicca, der beide durch ein
Lehrgespräch erfreute. Dann sagte der Laie zu seinem Freund, er möchte doch
auch eine ständige Versorgung für einen Mönch übernehmen. Der Jüngling
erwiderte aber, es sei für sie als Brahmanen nicht üblich, solche Asketen des
Sakyersohns zu versorgen. Der Laie fragte: "Würdest du denn mir etwas an
Nahrung spenden?" Der Jüngling sagte ja. Da sagte der Laie: "So gib
das, was du mir geben würdest, dem Mönch." Das tat jener und versorgte
nun täglich in der Frühe einen Mönch am Seherstein. Sein jüngerer Bruder und
seine Schwester sahen den guten Wandel der Mönche. Daher hörten sie ihnen zu,
nahmen die Lehre auf und bekamen Lust an guten Werken. So spendeten die drei
Kinder nun den Mönchen, verehrten sie und würdigten überhaupt Asketen und
Pilger. Ihre Eltern aber hatten keinen Sinn dafür und verachteten die
Kahlköpfe. Ihre Verwandten rieten ihnen, die Tochter an einen Vetter zu verheiraten.
Aber dieser hörte zu jener Zeit die Lehre von Sankicca und war so gepackt, daß
er in den Orden eintrat.
Er ging aber um Almosen täglich zu seinem
Elternhaus. Seine Mutter aber wollte ihn unbedingt mit seiner Kusine verheiraten
und erreichte durch ihr Reden von deren Vorzügen, daß er im Orden unzufrieden wurde.
So ging er zu Sankicca und sagte, er wolle die Robe ablegen und wieder Laie
werden. Sankicca aber erkannte, welche spirituellen Fähigkeiten in jenem
schlummerten und erwiderte: "Warte noch einen Monat, Novize." Nach
einem Monat kam er wieder. Sankicca bat ihn, noch 14 Tage zu warten. Als er
nach zwei Wochen wiederkam, bat er ihn, noch eine Woche zu warten. Innerhalb
dieser Woche aber stürzte das Haus seiner Verwandten vom Sturm zusammen und
tötete alle fünf Familienmitglieder.
Der geizige Brahmane und seine ebenso
weltgläubige Frau wurden als Petas wiedergeboren, ihre drei Kinder aber als
Erdgötter.
Als die letzte Woche herum war, erschien
der Novize wieder bei seinem Lehrer Sankicca und sprach: "Ich habe die
vereinbarte Anzahl von Tagen gewartet, o Herr. Ich möchte nach Hause gehen, o
Herr. Bitte gebt mir eure Erlaubnis." Sankicca antwortete: "Komm
hierher bei Sonnenuntergang am Tage des Neumonds."
An diesem Uposatha-Tag gingen die drei Kinder zu einer Versammlung
der Yakkhos, gefolgt von ihren Eltern, wie unten in den Versen näher beschrieben.
Da ließ nun Sankicca kraft seiner magischen Macht den Novizen diese fünf
Personen aus der geistigen Welt sichtbar werden, wie sie dahinzogen, und er
fragte ihn: "Siehst du sie da hinziehen, Novize?" Dieser bejahte es.
Sankicca sagte: "Dann frage sie über die Taten, die sie früher getan haben
und deren Ernte sie nun im Jenseits erleben." Darauf wandte sich der
Novize der Reihe nach an die Geistwesen:
Novize: Voran auf weißem Elefanten reitet einer,
auf Maultierwagen einer in
der Mitte,
dahinter eine Jungfrau in der
Sänfte,
die Glanz
ausstrahlt nach jeder Himmelsrichtung. (73)
Ihr aber da, mit Hammern in den Händen,
im Antlitz Tränen, Körper
aufgerissen,
als Mensch ihr wart, was
wirktet ihr an Bösem,
daß gegenseitig euer Blut ihr
trinket? (74)
Vater: Der, welcher vorn sitzt auf dem Ilf, dem
weißen,
auf dem vierfüß'gen Elefanten
reitet,
war unser Sohn einst, unser
Ält'ster.
Weil Gaben er gegeben, freut
ihn Glück nun. (75)
Der, welcher in der Mitte folgt im Maultierwagen,
vierspännig und gar schnelle
fahrend,
war unser Sohn, der mittlere
gewesen,
gar frei von Geiz, als
Gabenspender leuchtet er. (76)
Die, die da hinten auf der Sänfte folgt,
die Jungfrau, weise, mit
gazellenhaftem Auge,
war unsre Tochter, war die
Jüngste früher.
Auch halbes Glück genießend,
freut sie sich nun. (77)
Im früh'ren Leben
spendeten sie Gaben,
gar heit'ren Herzens an
Brahmanen und Asketen,
wir aber
waren leider geizig nur gewesen
und schimpften auf Brahmanen
und Asketen.
Wir dörren aus wie Gras, das
abgeschnitten,
sie aber, die gegeben,
wandeln glücklich. (78)
Novize: Was ist denn eure Speise, was ist euer Lager,
wie lebt ihr, die ihr tatet
böse Dinge,
die ihr bei großem,
grenzenlosem Reichtum
das Glück verscherzend Leiden
nun erfahret? (79)
Vater: Wir schlagen uns einander hier
und trinken Blut und Eiter
wohl,
doch soviel wir auch trinken
dann,
wir werden nie befriedigt,
satt. (80)
Weil nicht gegeben wir, wir müssen klagen,
nachdem, gestorben, wir in
Yamas Reich gekommen.
Wir sehen den Genuß und sind
doch davon ferne.
Genießen könn'
wir nicht und auch Verdienst nicht wirken. (81)
Von Hunger, Durst in anderer Welt
gepeinigt,
wir Petas lange brennen dann
gequälet.
Weil Werke wir gewirkt, die Leiden
züchten,
erfahren wir des Leidens
bittre Früchte. (82)
Sprecher: Vorüber geht Besitz und Gut,
vorüber rauscht die Lebenszeit.
Erkennend wie es also ist,
der Weise schaff ein Eiland
sich. (83)
Die Menschen, die's erkennen so,
die des Gesetzes kundig sind,
versäumen hier das Geben
nicht,
sie hören auf der Heil'gen
Wort. (84)
Nachdem der brahmanische Vater derart die
Fragen des Novizen beantwortet hatte, schloß er mit den Worten: "Ich bin
dein Onkel, dies da ist deine Tante, und die drei Glücklichen da sind deine
Vettern und deine Base." Da wurde der Novize plötzlich ernüchtert und
ergriffen, als er das Karmagesetz leibhaftig vor sich sah, und seine
Unbefriedigung am Läuterungsleben der Mönche verschwand. Er fiel seinem Lehrer
zu Füßen und sprach: "Was immer ihr von Mitleid bewogen für mich an Fürsorge
hättet zeigen können, das habt ihr getan. Dadurch habt ihr verhindert, daß ich
in großes Unheil fiel. Ich habe jetzt kein Interesse mehr am Hausleben und
werde meine Freude am Brahmawandel finden." Darauf gab ihm Sankicca einen
für ihn passenden Meditationsgegenstand. Er zog sich in die Einsamkeit zurück,
und in gar nicht langer Zeit war auch er einer der Heiligen geworden.
Bemerkungen:
Sankiccas Verse in den Liedern der Mönche:
Thag 597 - 604.
Stedes Übersetzung obiger Verse 73 - 84 auch in WW 1970, S. 284 f.
I,12: Die Schlange
Bei Sāvatthī war
einem Gutsbesitzer ein Sohn gestorben, und von Kummer überwältigt ging er in
seiner Trauer unter, ging nicht aus dem Haus und war unfähig zu jeder Arbeit.
Als der Buddha über die Welt hin blickte, sah er jenen trauernden Vater, der
ein Laienanhänger war. Er ging um Almosen zu seinem Haus. Da eilte der Vater
ihm entgegen und lud ihn ein. Als er ihm sein Leid geklagt hatte, erklärte der
Buddha ihm das Gesetz der Allvergänglichkeit, dem alle gewordenen Dinge unterliegen,
alle Wesen und alle Erscheinungen. Zur Verdeutlichung der rechten Haltung erzählte
er ihm das 354. Jātaka, um ihm allen Kummer zu nehmen:
Einst lebte ein Brahmane mit
Frau, Sohn, Tochter, Schwiegertochter und einer Magd einträchtig zusammen auf
einem Bauernhof. Er lehrte alle die Betrachtung der Allvergänglichkeit auf der
Grundlage der Tugend. Als er eines Tages mit seinem Sohn zum Pflügen ging, biß
diesen eine Giftschlange, so daß er starb. Die ganze Familie aber bewahrte ihre
Seelenruhe eingedenk der Vergänglichkeitsbetrachtung, auch als Sakko in
Gestalt eines Brahmanen allen nahelegte, daß sie doch trauern müßten: der Vater
um seinen tugendhaften Sohn und Erben, die Mutter um ihr großgezogenes Kind,
die Schwester aus Bruderliebe, die Gattin aus Verlassenheit und die Magd, weil
sie nun nicht mehr von ihm angetrieben werden könne. Alle erklärten dann, warum
sie nicht weinten. Und so verschwand auch dem Gutsbesitzer sein Kummer.
Vater: Wie Schlange ihre alte Haut
nur abstreift und dann
weitergeht,
so, wenn der Leib nicht mehr
genießt,
weil tot, weil er zu Petas
ging. (85)
Da er verbrannt ist, weiß
er nichts
von der Verwandten Klag um
ihn.
Deshalb ich weine nicht um
ihn,
gegangen ist er seinen Gang.
(86)
Mutter: Unaufgefordert kam er her,
ohn Abschied ging er wieder
fort.
So wie er kam, so ging er
auch,
warum sollt klagen ich dazu?
(87)
Da er verbrannt ist, weiß
er nichts
von der Verwandten Klage um
ihn.
Deshalb ich weine nicht um
ihn,
gegangen ist er seinen Gang.
(88)
Schwester: Abmagern würd ich, wenn ich wein,
welch
Früchte brächt mir solches ein?
Verwandten,
Freund, Genossen auch
würd
Unlust ich nur mehren noch. (89)
Da er verbrannt ist, weiß er
nichts
von der Verwandten Klag um
ihn.
Deshalb ich weine nicht um
ihn,
gegangen ist er seinen Gang.
(90)
Gattin: So wie ein kleines Kind dem Mond,
wenn er verschwindet, weinet
nach,
so würde sich verhalten wohl,
wer Abgeschiednem trauert
nach. (91)
Da er verbrannt ist, weiß er
nichts
von der Verwandten Klag um
ihn.
Deshalb ich weine nicht um
ihn,
gegangen ist er seinen Gang.
(92)
Magd: So wie ein Wassertopf, wenn er
zerbrochen, nie wird wieder
ganz,
so würde sich verhalten wohl,
wer Abgeschiednem trauert
nach. (93)
Da er verbrannt ist, weiß er
nichts
von der Verwandten Klag um
ihn.
Deshalb ich weine nicht um
ihn,
gegangen ist er seinen Gang.
(94)
Bemerkungen:
Die Rahmenerzählung und der Jātaka-Bericht sind nahezu identisch. Im Jātaka ist der
Vater der Bodhisatta, in der Rahmenerzählung dagegen ist der gestorbene Sohn
der Bodhisatta, der als Sakko wiedergeboren war und nun seiner Familie
erscheint. Im Jātaka dagegen hat Sakko keine Verbindung mit der Familie, was
überzeugender ist.
In dem ganzen Bericht kommt von Petas
nichts vor. Hier wird Peta aber im weiteren Sinne als "Vorangegangene,
Abgeschiedene" gebraucht (so in Vers 85 und 93) und kann daher nicht mit
Peta im engeren Sinne wiedergegeben werden, zumal hier der Sohn als Sakko
vorgestellt wird. Und Sakko ist kein Peta (Gespenst).
Buch II
II,1: Selbsterlösung aus dem Samsāro
Im Reiche Magadha lebten in zwei Dörfern
Menschen, die an die Selbsterlösung aus dem Samsāro
glaubten, d.h. daß nach sehr langen Zeiten alle Wesen von selbst von der
Wiedergeburt erlöst würden. In dem einen Dorf war vor 500 Jahren ein Mädchen
geboren worden. Entsprechend der dort herrschenden Irrlehre, daß man keine
Tugend zu üben brauche, weil alle von selbst erlöst würden, brachte sie viele
Insekten und Grashüpfer um und fand nichts dabei. Infolgedessen wurde sie als Petī wiedergeboren und litt 500 Jahre Hunger und Durst. Zur
Zeit des Buddha wurde sie wieder als Mensch inkarniert, und zwar im selben
Dorf in einer Familie, wo immer noch die Irrlehre herrschte. Eines Tages
spielte das siebenjährige Mädchen mit anderen Kindern auf der Straße. Da kam Sāriputto vorbei. Als die anderen Kinder den Mönch sahen,
erwiesen sie ihm den ehrfurchtsvollen Handgruß und warfen sich vor ihm zu
Boden, wie sie es bei ihren Eltern gesehen hatten. Das Mädchen aus der ungläubigen
Familie blieb trotzig stehen, weil es von ihren Eltern keine Verehrung der
Mönche kannte. Sāriputto richtete seinen Geist auf
ihr Vorleben, und er sah, daß ihr als Folge ihrer einstigen Tierquälerei bald
die Hölle bevorstünde, da sie keinerlei Verdienst aufzuweisen hatte. Er sah
aber auch, daß sie, wenn sie ihn grüßen würde, noch einmal mit dem Peta-Dasein
davonkommen und dann von ihm erhoben werden könnte. So sagte er zu den Kindern,
von Mitleid bewogen: "Ihr grüßt die Mönche, aber dieses Mädchen bleibt
ungezogen stehen." Da faßten die anderen sie bei der Hand und veranlaßten
sie mit Gewalt, Sāriputto zu grüßen. Als die
erwachsen war, wurde sie mit einem Jüngling im Nachbardorf verheiratet. Bald
wurde sie schwanger und starb im Kindbett. Sie wurde als Petī
wiedergeboren. Eines Nachts zeigt sie sich Sāriputto.
Als er sie sah, redete er sie an:
Sāriputto: Nackt bist du, unschön
anzusehn,
bist abgezehrt, die Adern
frei,
o du, von der man Rippen
sieht,
du Magre, sag, wer bist du
wohl? (95)
Petā: Bin eine Petī
ja, o Herr,
ging abwärts, kam in Yamas
Welt.
Nachdem ich böses Werk gewirkt,
gelangt ich in die Petawelt.
(96)
Sāriputto: Was hast du Böses denn getan
in Taten, Worten und dem
Geist,
daß du als Ernte für dies
Werk
zur Petawelt hinab gelangt?
(97)
Petī: Es nahm sich meiner keiner an, o Herr,
der Vater nicht, die Mutter
nicht und kein Verwandter,
der mich zum Gabenspenden
hätt veranlaßt,
mit heitrem Herzen, an
Asketen und Brahmanen. (98)
Seitdem ich wandere herum fünfhundert Jahre
in dieser Mißgestalt, in
dieser Nacktheit,
verzehrt von Hunger und
verzehrt von Dürsten.
Das ist die Frucht von meinem
bösen Wirken. (99)
Ich fleh: Nimm an dich meiner, o Verehrter,
o Kluger, heitren Herzens, du
Vielmächt'ger.
Gib bitte etwas, das auf mich
bezogen,
erlöse mich, o Herr, von
schlechter Fährte. (100)
Sprecher: "Gut", sagte Sāriputto
drauf
und nahm sich also ihrer an:
Er gab den Mönchen Bissen ab
und eine Handbreit
Kleiderstoff
und einen Becher Wasser auch
und widmete dies alles ihr.
(101)
Sofort nach dieser Zuweisung,
da zeigte sich die Ernte
schon
an Speise, Kleidung und an
Trank.
Das war hier dieser Gabe
Frucht. (102)
Darauf in glänzend reinem
Kleid
- Benares' Bestes trug sie
wohl -,
geschmückt mit allerschönstem
Stoff
kam sie zu Sāriputto gleich. (103)
Sāriputto: Gar überschön bist nunmehr du,
wie du da
stehst, o Göttliche,
nach zehn der Seiten
strahlend hin,
so wie der Morgenstern es
tut. (104)
Woher bist du geworden so,
weshalb hast dieses du
erlangt
und fallen dir Genüsse zu,
die lieb dem Geiste immer
sind? (105)
Ich frage dich, o Göttin, du
Vielmächt'ge,
du menschennaher Geist, durch
welch Verdienst wohl
hast du bewirkt denn, daß du
also leuchtest,
daß allerwärts dein Körper
herrlich strahlet? (106)
Petī: Die Rippen sichtbar, mager sehr,
ganz
nackt, die Haut verwelkt, zerfall'n,
sahst mich
auf schlechter Fährte du,
du Seher voll Barmherzigkeit.
(107)
Den Mönchen gabst du Bissen
ab
und eine Handbreit
Kleiderstoff
und einen Becher Wasser auch,
und alles widmetest du mir.
(108)
Die Frucht des Bissens, sieh
sie an:
zehntausend Jahre Nahrung ich
genieße, Wünsche sind
erfüllt,
Gerichte vielerlei
Geschmacks. (109)
Die Handbreit Kleidung, sieh
sie an,
die Reife, welche das
gebracht:
Soviel Gewänder hab ich
jetzt,
wie sie der König Nanda hat.
(110)
Noch viel mehr, als da diese
zähl'n,
hab ich, o Herr, an Kleidern
jetzt
aus Seidenstoff, aus Wolle
auch,
aus Leinen und aus
Baumwollstoff. (111)
Gar viele sind es, kostbare,
sie hängen mir im Raume hier,
ich kleide immer mich mit
dem,
was meinem Geist am liebsten
ist. (112)
Der Becher Wasser, sieh ihn an,
von welcher Art die Frucht da
ist:
Hab Lotosteiche, die gar tief,
viereckig, ausgemessen schön.
(113)
Gewässer hell, zugänglich leicht,
kühl und von schönem Duft
erfüllt,
an blauem, rotem Lotos reich,
von Wasserlilien übersät.
(114)
So bin ich froh, ergötze mich,
ich freue mich, bin frei von
Furcht.
Zu dir, dem Seher
mitleidsvoll,
o Herr, dich ehrend kam ich
her. (115)
Bemerkungen:
Verse 95 - 97 kommen noch öfter vor, so 463
- 465 usw.
Verse 102 - 103 = 124 - 125
Verse 104 - 106 = Pv
126 - 128 = 162 - 164 = Vv 9
Vers 110: Zu den Gewändern von König Nanda
erzählt der Kommentar eine lange Geschichte (S. 78 - 80), wie dieser unzählige
göttliche Kleider besaß und in seinem Reich niemand mehr zu spinnen brauchte.
Das Dogma von der automatischen Erlösung
aus dem Wandelsein (samsāramocana; in D 2 samsāra-suddhi als Lehre Makkhali Gosalas) führt dazu, daß
man sich alles erlauben kann und keinerlei Hemmungen der Triebe kennt. Egal,
was man tut, man wird ja doch erlöst.
Daß die erzwungene Ehrerweisung und Verbeugung solche Wirkung haben
soll, erscheint seltsam. Aber es war wohl so, daß das Mädchen noch einen Rest
von Peta-Dasein statt Hölle erwirkt hatte und daß jene Tat den Weg dahin ebnete.
Es war aber nur eine Verschiebung der Ernte um eine kleine Zeit. Ein paar Jahre
später starb sie im Kindbett, eine Ernte ihres früheren Tötens. Kaum war sie
als Petī erschienen, da verschaffte ihr Sāriputto ein göttliches Dasein. Sie hatte ja nun ihre
Irrlehre aufgegeben und hatte das Saat-Ernte-Gesetz eingesehen.
II,2: Die Mutter des Thera Sāriputto
In Benares lebte ein reicher Brahmane. Er
besaß einen ungeheuren Reichtum, aber ebenso groß war auch sein Geben. Er
unterstützte Asketen und Priester, Pilger, Wanderer und Bettler. Keiner, der
zu ihm kam, ging mit leeren Händen wieder fort. Besonders versorgte er die
Mönche des Buddha mit allem Nötigen. Wenn er verreiste, so bat er seine Frau,
die gewohnten Spenden weiter zu verteilen. Sie sagte zu, tat es aber nicht.
Sie verweigerte allen die Gaben. Niemand, der zu ihrem Haus kam, erhielt etwas.
Ja, sie sagte zu denen, die um eine Gabe baten: "Eßt Kot, trinkt Urin,
trinkt Blut, freßt eurer Mutter Gehirn!" Und sie verfluchte sie mit den
gemeinsten Worten. Das einzige, was sie gab, war der Hinweis an die, die um
ein Nachtlager baten, sie könnten in einem verfallenen, schmutzigen Schuppen
wohnen.
Nach ihrem Tode wurde sie als Petī, als unglückliches Gespenst wiedergeboren. Sie
erinnerte sich aber, daß sie vor vier Leben die Mutter Sāriputtos
gewesen war. Dieser weilte mit Moggallāno, Anuruddho und Kappino damals in einer Waldhütte bei Rājagaha.
Als sie das kleine Kloster erreichte, verweigerten die Schutzgeister des Ortes
ihr den Zutritt. Erst als sie sagte, sie sei einst Sāriputtos
Mutter gewesen, ließen sie sie herein. Dort sah Sāriputto
sie und redete sie an, und es entspann sich das in den Versen überliefert
Gespräch.
Als die Petī
um Gaben gebeten hatte, gingen die vier Heiligen nach Rājagaha zu König Bimbisāro und berichteten ihm, daß sie gerne durch Spenden
einer Petī helfen würden. Der König war sofort
bereit. Er ließ vier Hütten bauen und reichlich Nahrung bereiten. Dann spendete
er alles an Sāriputto. Dieser gab alles dem Orden
mit dem Buddha an der Spitze und widmete das Verdienst an dieser Gabe der Petī. Sofort kam sie aus dem PetaReich in die nächstliegende
Götterwelt.
Sāriputto: Nackt bist du, unschön
anzusehn,
bist abgezehrt, die Adern
frei,
o du, von der man Rippen
sieht,
du Magre, sag, wer bist du
wohl? (116)
Petī: In früheren Geburten war
gewesen deine Mutter ich.
Im Reich der Peta bin ich
nun,
von Hunger und von Durst
gequält. (117)
Was ausgespien, Speichel, Schleim,
was aus der Nase ausgerotzt,
was Rückstand von verbranntem
Öl,
Blut, das verlier'n
Gebärende, (118)
das Blut Verwundeter und der,
der'n Kopf und Nase abgehaun
genieße ich, vor Hunger wild,
ob es vom Weib ist oder Mann.
(119)
Ich nähre mich von Eiter,
Blut
der Tiere und der Menschen
ja,
bin heimatlos, bin ohne Haus,
seitdem vom Totenbett ich
schied. (120)
In meinem Namen gib, o Sohn,
und rechne das Verdienst mir
zu.
Dadurch könnt werden ich
erlöst
Vom Eiter- und vom
Blutverzehrn. (121)
Sprecher: Als er der Mutter Wort gehört,
voll Mitleid Upatisso dann
besprach mit Moggallāno sich,
mit Anuruddho, Kappino. (122)
Vier Hütten baute er dann auf
und widmete dem Orden sie.
Die Hütten, Essen, Trinken er
als Gabe ihr dann überließ.
(123)
Sofort nach dieser Zuweisung,
da zeigte sich die Ernte
schon
an Speise, Kleidung und an
Trank:
Das war hier dieser Gabe
Frucht. (124)
Darauf in glänzend reinem
Kleid
- Benares Bestes trug sie
wohl -,
geschmückt mit allerschönstem
Stoff
kam sie zu Kolito sodann.
(125)
Moggallāno:Gar
überschön bist nunmehr du,
wie du da stehst, o
Göttliche,
nach zehn der Seiten
strahlend hin,
so wie der Morgenstern es
tut. (126)
Woher bist du geworden so,
weshalb hast dieses du
erlangt
und fallen dir Genüsse zu,
die lieb dem Geiste immer
sind? (127)
Ich frage dich, o Göttin, du
Vielmächt'ge,
du menschennaher Geist, durch
welch Verdienst wohl
hast du bewirkt denn, daß du
also leuchtest,
daß allerwärts dein Körper
herrlich strahlet? (128)
Petī: Des Sāriputto
Mutter war
in anderen Geburten ich,
im Reich der Petas war ich
dann,
von Hunger und von Durst
gequält. (129)
Was ausgespien, Speichel,
Schleim,
was aus der Nase ausgerotzt,
was Rückstand von verbranntem
Öl,
Blut, das verlier'n
Gebärende, (130)
das Blut Verwundeter und der,
der'n Kopf und Nase abgehaun
genieße ich, vor Hunger wild,
ob es vom Weib ist oder Mann.
(131)
Ich nährte mich von Eiter,
Blut
der Tiere und der Menschen
ja,
war heimatlos, war ohne Haus,
seitdem vom Totenbett ich
schied. (132)
Der Gabe Sāriputtos
jetzt
erfreu ich mich, bin ohne
Furcht.
Zu dir, dem Lehrer,
mitleidsvoll,
o Herr, dich ehrend kam ich
her. (133)
Bemerkungen:
Upatisso
(122) ist der bürgerliche Name Sāriputtos, wie Kolito (125) der Moggallānos.
Die
Verse 129 - 132 fehlen in manchen Ausgaben. Sie müssen in der Vergangenheit
stehen.
Was
aus dem reichen Brahmanen wurde, ist nicht überliefert.
II,3: Mattā
In Sāvatthi lebte ein reicher Hausvater,
der der Lehre ergeben war. Seine Ehefrau Mattā aber
war ungläubig, jähzornig und unfruchtbar. Um die Familienlinie zu erhalten,
nahm er sich eine zweite Frau namens Tissā, die ebenfalls
der Lehre ergeben und von liebreichem Wesen war. Sie gebar ihm bald einen Sohn,
der Bhūta genannt wurde. Mattā
aber wurde immer neidischer und eifersüchtiger auf sie, tat Böses, kam zur
Peta-Welt und zeigte sich eines Abends der Tissā. Die fragte sie, wer sie sei:
Tissā: Nackt bist du,
unschön anzusehn,
bist abgezehrt, die Adern
frei,
o du, von der man Rippen
sieht,
du Magre, sag, wer bist du
wohl? (134)
Mattā: Mattā bin ich, Tissā bist du,
einst war ich deine
Nebenfrau.
Da böses Wirken ich gewirkt,
gelangte ich zur Peta-Welt.
(135)
Tissā: Was hast du Böses
denn getan
in Taten, Worten und im
Geist,
daß du als Ernte für dies
Werk
zur Peta-Welt hinabgelangt?
(136)
Mattā: Gar heftig war ich einst und barsch,
voll Neid und Geiz und
Heimlichkeit;
dafür, daß Schlechtes ich
gesagt,
gelangte ich zur Peta-Welt.
(137)
Tissā: Das alles weiß ich noch sehr gut,
wie du so heftig immer warst.
Doch etwas andres frag ich
dich:
Warum strotzt du denn so vor
Schmutz? (138)
Mattā: Du wuschest dir den Kopf einmal,
ein reines Kleid hat dich
geschmückt,
ich aber war es dann noch
mehr,
ich war noch mehr geschmückt
als du. (139)
Der Herr Gemahl erblickte
mich,
doch angesprochen hat er
dich.
Da überkam mich Eifersucht
und großer Zorn stieg in mir
auf. (140)
Ich griff da nach dem
Kehricht und
überschüttete dich damit.
Als Ernte dieses Wirkens bin
mit Schmutz ich überschüttet
nun. (141)
Tissā: Das alles weiß ich noch sehr gut,
wie du den Kehricht auf mich
warfst.
Doch etwas andres frag ich
dich:
Warum verzehrt die Krätze
dich? (142)
Mattā: Heilmittel nahmen beide wir
und gingen dafür in den Wald.
Du aber nahmst das Heilkraut
ein,
ich nahm die rauhen Früchte
mit. (143)
Nichtsahnend, wie du also
warst,
bestreute ich dein Bett
damit.
Als Ernte dieses Wirkens bin
von Krätze ich hier jetzt
verzehrt. (144)
Tissā: Das alles weiß ich noch sehr gut,
wie du das Bett mir hast
bestreut.
Doch etwas andres frag ich
dich:
Warum erblicke ich dich
nackt? (145)
Mattā: Mit Freundinnen zusammen warst
auf 'nem Familienfeste du.
Geladen warst mit dem Gemahl,
doch ich war eingeladen
nicht. (146)
Nichtsahnend, wie du also
warst,
nahm ich das Kleid dir
schnell hinweg.
Als Ernte dieses Wirkens bin
ich unbekleidet also hier.
(147)
Tissā: Das alles weiß ich noch sehr gut,
wie du das Kleid mir nahmest
weg.
Doch etwas andres fragt ich
dich:
Weshalb riechst du so sehr
nach Kot? (148)
Mattā: Die Salbe dein, die Kränze dein
und auch das wertvolle
Parfüm,
ich warf es in den Abtritt
wohl.
Dies Böse war von mir getan.
Als Ernte dieses Wirkens ich
bin eine, die da riecht nach
Kot. (149)
Tissā: Das alles weiß ich noch sehr gut,
wie jenes Böse du getan.
Doch etwas andres frag ich
dich:
Wie kamst auf schlechte
Fährte du? (150)
Mattā: Wir beide hatten Anteil gleich
am Reichtum, das das Haus uns
bot.
Obwohl's genug zum Spenden
gab,
schuf ich kein Eiland doch
für mich.
Als Ernte dieses Wirkens ich
kam auf die schlechte Fährte
dann. (151)
Schon damals hast du mich gewarnt:
"Du pflegst ein Wirken,
das ist bös.
Nicht wirst mit bösem Wirken
du
erlangen gute Fährte
je." (152)
Tissā: Genau das Gegenteil tat'st du,
und auch beneidet hast du
mich.
Sieh, was die reife Ernte ist
dafür, daß Böses man gewirkt.
(153)
Im Hause hatt'st du Dienerinn',
du hattest Schmuck gar
vielerlei.
Das alles andren dienet nun,
Genüsse sind nicht dauerhaft.
(154)
Des Bhūta Vater,
der wird jetzt
vom Markte kehren heim nach
Haus.
Vielleicht wird er dir geben
was,
darum geh noch nicht fort von
hier. (155)
Mattā: Nackt bin ich, unschön anzusehn,
bin abgezehrt, die Adern
frei.
Mit unbedeckter Scham darf
mich
der Vater Bhūtas
sehen nicht. (156)
Tissā: Wohlan, was soll ich geben dir,
was kann ich denn hier tun
für dich,
wodurch du glücklich werden
kannst,
das alle Wünsche dir erfüllt?
(157)
Mattā: Vier Mönche als die Ordensschar
und noch vier andre Männer
dann,
acht Mönche mögest speisen du
und mir die Gabe rechnen zu.
Dann werd ich wieder
glücklich sein,
und alle Wünsche sind
erfüllt. (158)
Sprecher: "Nun gut", versprach sie es ihr
dann
und speiste acht der Mönche
gut,
gab ihnen auch Gewänder mit
und rechnet' ihr die Gabe zu.
(159)
Sofort nach dieser Zuweisung
da zeigte sich die Ernte
schon
an Speise, Kleidung und an
Trank:
Das war hier dieser Gabe
Frucht. (160)
Darauf in glänzend reinem
Kleid
- Benares Bestes trug sie
wohl -,
geschmückt mit allerschönstem
Stoff,
so kam sie auf die Mitfrau
zu. (161)
Tissā: Gar überschön bist nunmehr du,
wie du da stehst, o
Göttliche,
nach zehn der Seiten
strahlend hin,
so wie der Morgenstern es
tut. (162)
Woher bist du geworden so,
weshalb hast dieses du
erlangt
und fallen dir Genüsse zu,
die lieb
dem Geiste immer sind? (163)
Ich frage dich, o Göttin, du
Vielmächt'ge,
du menschennaher Geist, durch
welch Verdienst wohl
hast du bewirkt denn, daß du
also leuchtest,
daß allerwärts dein Körper
herrlich strahlet? (164)
Mattā: Mattā bin ich,
du bist Tissā,
einst war ich deine
Nebenfrau.
Nachdem ich böses Werk
gewirkt,
gelangt ich in die Peta-Welt.
(165)
Durch deine Spende, die du
gabst,
erfreue ich mich ohne Furcht.
lang leben, mögest,
Schwester, du
mit allen den Verwandten
dein.
Wo's Kummer nicht, nicht
Trübung gibt,
zu Selbstgewalt'gen mögst du
gehn. (166)
Der Lehre folgend nach allein
und Gaben gebend, Schöne du,
des Geizes Übel tilgend aus
mit seiner Wurzel, tadelfrei,
wirst du in Himmel gehen ein.
(167)
Bemerkungen:
Die
Verse nach der Übersetzung von Stede, abgedruckt in WW 1965, S. 368 - 372. Die
ganze Geschichte nacherzählt von Fritz Schäfer in Schatzkiste S. 490 - 493 der
1. und 2. Auflage.
II,4: Nandā
Nandasena: Schwarz und auch mißgefärbt bist du,
rauh und gar schmerzlich
anzusehn,
die Augen rötlich, Zähne
gelb.
Ich glaub nicht, daß du bist
ein Mensch. (168)
Petī: Ich, Nandasena,
Nandā bin,
die früher deine Gattin war.
Nachdem ich böses Werk
gewirkt,
gelangt ich in die Petawe1t.
(169)
Nandasena: Was hast du Böses denn getan
in Taten, Worten und im
Geist,
daß du als Ernte für dies
Werk
zur Petawe1t hinabgelangst?
(170)
Petī: Gar heftig war ich einst und barsch,
zeigt keine Achtung gegen dich.
Weil böse Worte ich gesagt,
gelangt ich in die Petawe1t.
(171)
Nandasena: Hier gebe ich dir ein Gewand,
und dieses Kleidungsstück
zieh an,
und wenn du's angezogen hast,
dann will ich dich nach Hause
führn. (172)
Gewänder, Essen, Trinken auch
wirst haben du in meinem
Haus,
und deine Söhne wirst du sehn
und deine Schwiegertöchter
auch. (173)
Petī: Was deine Hand in meine gibt,
kommt mir zugute aber nicht.
Die Mönche, die in Tugend
reif,
befreit vom Reiz, erfahren
viel, (174)
erquicke die mit Speis und Trank
und widme diese Gabe mir.
Dann werde wieder glücklich
ich,
und alle Wünsche sind
erfüllt. (175)
Sprecher: "Sehr wohl", sagt er darauf zu ihr,
und reichlich Gaben er
verteilt
zum Essen, Trinken, Kuchen
auch
und Kleidung, Sitz und Lager
noch,
Schirm, Salben, Blumenschmuck
dabei
und außerdem Sandalen viel.
(176)
So Mönche, die in Tugend reif,
die ohne Reiz, gar viel
erfahrn,
erfrischte er mit Speis und
Trank
und übertrug die Gabe ihr.
(177)
Sofort nach dieser Zuweisung,
da zeigte sich die Ernte
schon
an Speise, Kleidung und an
Trank:
Das war hier dieser Gabe
Frucht. (178)
Darauf in glänzend reinem Kleid
- Benaresseide trug sie wohl
-
geschmückt mit allerschönstem
Stoff,
so kam sie auf den Gatten zu.
(179)
Nandasena: Gar überschön bist nunmehr du,
wie du da stehst, o
Göttliche,
nach zehn der Seiten
strahlend hin,
so wie der Morgenstern es
tut. (180)
Woher bist du geworden so,
weshalb hast dieses du
erlangt
und fallen dir Genüsse zu,
die lieb dem Geiste immer
sind? (181)
Ich frage dich, o Göttin, du Vielmächt'ge,
du menschennaher Geist, durch
welch Verdienst wohl
hast du bewirkt denn, daß du
also leuchtest,
daß allerwärts dein Körper
herrlich strahlet? (182)
Petī: Ich, Nandasena, Nandā
bin,
die früher deine Gattin war.
Nachdem ich böses Werk
gewirkt,
gelangt ich in die Petawelt.
(183)
Durch deine Spende, die du gabst,
erfreue ich mich ohne Furcht.
lang leben mögest, Hausherr,
du
mit allen den Verwandten
dein.
Wo's Kummer nicht, nicht
Trübung gibt,
zu Selbstgewalt'gen mögst du gehn. (184)
Der Lehre folgend nach allein
und Gaben gebend, Hausherr
du,
des Geizes Übel tilgend aus
mit seiner Wurzel, tadelfrei
wirst du zum Himmel gehen
ein. (185)
II,5: Glänzende Ohrringe
Verse 186 - 206: identisch
mit Vv 83
II,6: Kanha
Identisch mit Vorgeschichte und Text von J
454, wo nur Verse 217 - 221 und 226 fehlen. Inhalt: In Dvāraka
lebten zehn Königssöhne. Einem, Kanha (= Kesavā = Vāsudeva), war der Sohn gestorben. Kanha (der Dunkle) ist
der Familienname des Königs Vāsudeva, während Kesavā (der Haarreiche) ein Beiname ist. Kanhas Bruder
Ghata gebrauchte eine List, um seinen untröstlichen Bruder vom Kummer zu
befreien und rief immer: "Gebt mir den Hasen!" (In Indien der
"Mann im Mond", s. 212)
Rohinneyya: Erhebe, Kanha, dich, warum
liegst du, was nützt dir
Schlaf?
Dein eigner Bruder, der dir
lieb
so wie dein Herz, dein
rechtes Aug,
dem ward ja irre der
Verstand:
Unsinn spricht Ghata, Kesavā. (207)
Buddha: Als Kesavā das
Wort gehört,
das Rohinneyya ihm gesagt,
erhob er voller Eile sich,
bekümmert um den Bruder sehr.
(208)
Kesavā: Was läufst du wie verrückt umher
hier in dem Städtchen Dvāraka,
lallst vor dich hin:
"Ein Has, ein Has!"
Was für 'nen Hasen willst du
denn? (209)
Aus Gold, aus Edelsteinen
auch,
aus Eisen und aus Silber
noch,
aus Muschelstein, Korallen
ich
laß machen einen Hasen dir.
(210)
Es gibt auch andre Hasen
noch,
die laufen frei in Wald und
Hain,
auch die ich lasse bringen
dir.
Was für 'nen Hasen willst du
denn? (211)
Ghata: Fürwahr, nicht diese meine ich,
die Hasen, die auf Erden
sind.
Vom Mond den Hasen wünsche
ich,
den hol herab mir, Kesavā. (212)
Kesavā: Da wirst du, lieber Bruder mein,
dein süßes Leben lassen wohl,
weil Unerreichbares du
wünscht,
wenn du vom Mond den Hasen
willst. (213)
Ghata: Wenn du dies, Kanha, selbst erkennst,
wie du es einen andern
lehrst,
warum betrauerst du den Sohn,
der längst gestorben, immer
noch? (214)
Was man von einem Menschen nicht
und auch von Geistern nicht
erlangt:
"Nicht sterb der Sohn,
der mir geborn",
Unmögliches man nie erlangt.
(215)
Mit Sprüchen, heilend Wurzeln nicht,
mit Medizin, mit Schätzen
nicht,
kann, Kanha, man beleben dir
den Toten, dem du trauerst
nach. (216)
Wer viel besitzt, wer ist sehr reich,
wie Adlige mit ihrem Land,
auch wer hat noch so viel an
Geld,
er wird nicht frei von Alter,
Tod. (217)
Brahmanen, Adel, Bürgervolk,
die Diener, Kastenlosen auch,
wer immer auch geboren ist,
er wird nicht frei von Alter,
Tod. (218)
Die da mit Sprüchen gehen um,
mit den sechs Vedas, Brahmas
Werk,
wer immer wissensreich auch
ist,
er wird nicht frei von Alter,
Tod. (219)
Und auch die Seher, stillgemut,
die Büßer, die gezügelt sehr,
auch sie verlassen diesen
Leib,
wenn ihre Zeit sich hat
erfüllt. (220)
Doch Heil'ge, die
sich selbst besiegt,
gewirkt das Werk, von Trieben
frei,
wenn sie die Puppe legen ab,
gibt's nicht Verdienst noch Böses
mehr. (221)
Kesavā: Wir Feuer brannte Kummer mir,
in das man flüss'ge Butter gibt;
gleichwie man Wasser gießt
hinein,
hast alles Weh du mir
gelöscht. (222)
Des Kummers Stachel zog er raus,
der mir in meinem Herz
gesteckt.
Den Kummer, der mich ganz erfüllt,
den Sohneskummer nahm er mir.
(223)
Der Kummerstachel, der ist fort,
bin kühl geworden,
brandgelöscht,
ich traure nicht, ich wein
nicht mehr,
nachdem dein Wort ich hab
gehört. (224)
Buddha: Die weise sind, die handeln so,
sie nehmen anderer sich an,
sie machen sie von Kummer
frei,
wie's Ghata seinem Bruder
tat. (225)
Wer da Verwandte also hat,
die ihm mit gutem Rat
gedient,
der Wohlgesprochenes
vernimmt,
wie Bruder es von Ghata hört.
(226)
Bemerkungen:
Ein
weiterer der zehn Königssöhne war Ankura (s. Pv II,9). Rohinneyya war ein
Minister von König Kanha.
Vers
209: Über "Mann im Mond" als Hase s. J 316
Verse
217 - 220 = Vv 63 (Verse 987, 989 - 991)
Vers
221: Ich folge der Lesart Jayawickramas (arahanto) statt der von Stede und
Gehmann (viharantā).
Verse
222 - 225 = 50 – 53
Vergl. E. Hardy,
"Eine buddhistische Bearbeitung der Krshna-Sage" in: ZDMG 1899, S. 25
- 30: Er vergleicht Pv II,6 und J 454 mit der KrishnaSage.
II,7: Dhanapāla
Ehe der Buddha in der Welt erschien, lebte
in der Stadt Erakaccha im Königreich Dasanna ein reicher Gildemeister namens Dhanapāla. Er war ein Ungläubiger und glaubte an nichts als
an sinnlichen Genuß in dieser Welt. Daher war er geizig und gab keinem Asketen
etwas. Als er starb, wurde er ein Peta in einer Wüste. Er hatte einen großen
Körper, breit wie eine Palmyrapalme. Seine Haut war aufgedunsen und rauh und
sein Körper deformiert. Er war nackt und abgezehrt. Seine Zunge hing ihm heraus
vor Durst in der ausgedörrten Kehle. Er irrte 55 Jahre herum, ohne auch nur
einen Tropfen Wasser oder einen Bissen Reis zu finden.
Als der Buddha in der Welt erschien,
kehrten einige Kaufleute aus Sāvatthī von einer
Handelsreise in ihre Heimat zurück. Eines Abends kamen sie an ein
ausgetrocknetes Flußbett. Sie entjochten ihre Ochsen und schlugen dort ihr
Nachtlager auf. Da nahte sich der Peta auf der Suche nach Wasser. Als er wieder,
wie immer, nichts fand, fiel er vor Erschöpfung der Länge nach hin und gab
alle Hoffnung auf Wasser auf. Einer der Kaufleute sah ihn und sprach ihn an:
Kaufmann: Nackt bist du, unschön anzusehn,
bist abgezehrt, die Adern
frei,
die Rippen sichtbar, mager
sehr:
Wer bist du denn, Verehrter,
wohl? (227)
Peta: Ich bin ein Peta ja, o Herr,
ging abwärts, kam in Yamas
Welt.
Nachdem ich böses Werk
gewirkt,
gelangt ich in die Petawelt.
(228)
Kaufmann: Was hast du Böses denn getan
in Taten, Werken und dem
Geist,
daß du als Ernte für dies
Werk
zur Petawelt hinabgelangt?
(229)
Peta: Im Reiche Dasanna die Stadt
Erakaccha ist vielberühmt,
dort war ein Gildemeister
ich,
als Dhanapāla
wohlbekannt. (230)
Ich hatte achtzig Wagen voll
vom Golde, das mir da gehört,
gar unermeßlich viel an Gold
und Perlen, Edelsteinen auch.
(231)
Obwohl ich solchen Reichtum hatt',
war mir das Geben doch nicht
lieb,
verschließend meine Tür genoß
ich, daß kein Bittender mich
sah. (232)
Ungläubig war ich, geizig sehr,
war knickerig, schalt andre
viel.
Die da zum Geben war'n
geneigt,
die hielt von solchem Werk
ich ab: (233)
"Für Geben gibt es keinen Lohn,
für Selbstbezwingung keine
Frucht."
Die Teiche, Wälder,
Brunnen viel,
die Parkanlagen, die ich
pflanzt,
die Wasserhäuser, Brückenbau:
das alles hab verloren ich.
(234)
Nachdem ich Treffliches versäumt,
nach bösem Wirken schied ich
ab
und kam in das
Gespensterreich,
von Hunger und von Durst
gequält. (235)
Sind fünfundfünfzig Jahre her,
seit ich die Zeit erfüllte
einst.
Ich kenne nichts zu essen
hier,
für mich gibt's auch zu
trinken nichts. (236)
Aus dem Verweigern folgt Entbehrn,
Entbehren kehrt Verweigern
um.
Die Petas wissen das genau,
aus dem Verweigern folgt
Entbehrn. (237)
Ich habe einst verweigert nur,
trotz vielem Reichtum gab ich
nichts,
obgleich Gelegenheit war da,
schuf ich kein Eiland doch
für mich. (238)
Daher bin ich jetzt voller Reu,
von Frucht des eignen Werks
verfolgt.
Nach Ablauf von vier Monaten
wird meine Zeit erfüllt sein
hier,
und ich werd in die Hölle
gehn,
die einzig stechend,
fürchterlich. (239)
Vier Ecken hat, vier Tore
sie,
ist regelmäßig eingeteilt,
mit einem Eisenwall herum,
mit Eisen oben auch bedeckt.
(240)
Ihr Boden auch von Eisen ist,
gar feurig glüht und brennet
er,
wohl hundert Meilen im
Quadrat
erstrahlt sie und bleibt
immerdar. (241)
Dort werde lange Zeiten ich
viel Wehgefühl erfahren dann,
als Frucht von bösem Wirken
einst.
Darum bin ich bekümmert sehr.
(242)
Deshalb zu eurem Heil ich
rat,
so viel ihr hier versammelt
seid:
Wirkt keine bösen Werke mehr,
nicht offen und nicht
insgeheim. (243)
Wenn üble, böse Werke ihr
tut oder werdet tun, dann ihr
von Leiden werdet nimmer
frei,
selbst wenn ihr wollt im Flug
entfliehn. (244)
Zu Vater und zu Mutter auch,
zu Ält'ren habet Achtung
stets,
Asketen und Brahmanen ehrt,
so werdet ihr zum Himmel
gehn. (245)
Als die Kaufleute diese Rede vernommen
hatten, wurden sie von Mitleid erfüllt. Sie nahmen eine Schale Wasser, baten
ihn, sich hinzulegen und füllten ihm das Wasser in den Mund. Aber er konnte es
nicht schlucken, es lief immer wieder aus seinem Mund heraus. Er erklärte
ihnen, daß dies eine Folge seines früheren Verweigerns sei, jetzt verweigere
sich das Wasser ihm. Die mitleidigen Kaufleute fragten dann, ob es kein Mittel
gäbe, ihn von diesem Durst zu befreien. Er erwiderte: "Wenn meine bösen
Taten ihre Ernte erschöpft haben und wenn an den Buddha oder die Jünger Gaben
gegeben werden und das Verdienst mir gewidmet wird, dann kann mein Petadasein
enden." Die Kaufleute gingen nun nach Sāvatthī,
suchten den Buddha auf, wurden von ihm belehrt, nahmen Zuflucht und gaben
sieben Tage lang ein großes Almosen für den Orden mit dem Buddha an der Spitze
und widmeten es dem Peta.
Bemerkungen:
Hier wird fein gezeigt, wie
die Verdienstübertragung allein noch nicht genügt. Erst wenn das böse Karma
erschöpft ist und die betreffende Peta-Existenz sich dem Ende zuneigt, dann
kann durch Verdienstübertragung ein göttliches Dasein erlangt werden anstatt
eines weiteren, weniger üblen Peta-Daseins. Hier schildert nun der Kommentar
die Verdienstübertragung, sagt aber nichts, wie sie gewirkt hat. Nach dem Kontext
wurde dadurch wohl das drohende Höllendasein in vier Monaten verhindert. Dem
Peta stand ja nicht nur ein weiteres Peta-Dasein bevor, sondern die Hölle.
Vers 237: san-yamo
(Zurückhaltung) ist meist etwas Heilsames, wenn es Ansichhalten in den Trieben
ist. Hier aber ist es negativ gebraucht als Zurückhaltung im Geben, als
Festhalten, daher übersetzt "Verweigern". Genau im Maße des
Verweigerns als Mensch ist das Entbehren als Peta.
Vers 239: ebenso in Pv I,10 die in vier Monaten drohende Hölle
(Vers 69)
Verse 240 - 242 = 70 - 72 = M 129 u. 130 =
J 530
II,8: Cūlasetthi
Ajatasattu: Ein nackter, magrer Pilger bist du, Herr
warum gehst du bei Nacht
herum, wohin?
Sag an mir doch, ob's möglich
wär für mich,
daß Reichtum ich verschaffen
könnte dir. (246)
Peta: Benares heißt die Stadt, die
vielgerühmte,
Hausvater war ich dort, sehr
reich, sehr arm an Gutem,
ich gab nichts, hatt' nur Gier nach Sinnendingen.
so bin ich, tugendlos, in
Yamas Reich hinabgelangt. (247)
Vom Nadelstich des Hungers
bin erschöpft ich,
bitt die Verwandten um
geringe Gabe.
Sie aber, nicht gewohnt zu
geben, glauben nicht,
daß Frucht der Gabe sich im
Jenseits zeigt. (248)
Doch meine Tochter, die
spricht immer wieder:
"Will Gabe geben Vätern
und Großvätern."
Brahmanen kommen zum bereiten
Opfer.
Andhakavinda will ich nahen,
um zu essen. (249)
Ajatasattu: Der König
sprach: "Wenn du genossen Gabe,
komm wieder schnell, ich will
dich ehren,
sag an es mir, wenn du ein
Mittel weißt,
ich glaube dir, wenn du die
Mittel teilst mir mit." (250)
Sprecher: Er sagte zu und ging zu den Brahmanen.
Die aßen dort, doch waren sie
nicht gabenwürdig.
Darauf kehrt er zurück nach Rājagaham
und stellte wieder sich beim
Herrscher ein. (251)
Ajatasattu: Als er den Peta sah, wie er zurückgekommen,
der König sprach: "Was
soll ich geben,
sag an mir doch, ob es ein
Mittel gibt,
wodurch auf lange Zeit du
wirst befriedigt?" (252)
Peta: Erwachten samt dem Orden mögst bewirten,
König,
mit Speise und mit Trank und
Kleidung,
und diese Gabe widme mir zu
meinem Heile,
so würde ich auf lange Zeit
befriedigt sein. (253)
Sprecher: Nachdem der König vom Palast herabgestiegen,
gab eigenhändig er die Gabe,
ohn' zu wägen,
dem Orden und berichtete dies
dem Vollendeten.
Die Gabe aber widmet er dem
Peta. (254)
Sprecher: Nachdem er so geehrt, erschien er herrlich
glänzend
erneut dann vor dem
Herrscher, sagend:
"Bin jetzt ein Yakkha,
magisch machtbegabt.
Nicht gibt es Menschen, die
mir gleich an Wunder. (255)
Sieh diese Fülle,
unermeßlich, von dir angewiesen.
Nachdem, gewidmet mir, dem
Orden du gegeben, ohne Wägen,
gesättigt bin beständig ich
für immer durch das Viele.
Beglückt ich wandel weiter,
Menschenkönig." (256)
II,9: Ankura
Vor langen Zeiten lebten im Norden Indiens
zehn Königssöhne, die sehr wild waren. Sie eroberten ganz Indien. Dann teilten
sie Indien in zehn Teile, wo jeder von ihnen regieren sollte. Sie hatten aber
ihre einzige Schwester vergessen. Als sie das merkten, wollte sie alles neu
verteilen, um einen elften Teil herauszubekommen. Aber da sagte der jüngste
Bruder, Ankura, er habe keine Lust, König zu sein, sondern wolle Handel treiben.
Die Brüder könnten daher seinen Anteil an ihre Schwester geben. Zum Ausgleich
könnten sie ihm von den Steuern ihrer Reiche etwas abgeben. Alle stimmten zu.
Ankura aber begann, Handel zu treiben, und er gab gerne reichlich Almosen.
Ankura hatte einen Sklaven, der ihm ein
treuer Lagerverwalter war. Er gab ihm eine Frau aus guter Familie, aber als
beiden ein Sohn geboren wurde, starb der Vater. Ankura setzte den Sohn später
in die Stellung des Vaters ein. Als er erwachsen war, erhob sich die Frage, ob
er ein Sklave sei oder nicht. Die Schwester der zehn Brüder entschied, daß der
Sohn einer freien Frau ebenfalls frei sei. Damit war der Sohn als freier Mann
anerkannt. Er schämte sich aber seiner Abkunft von einem Sklaven und zog daher
von der Stadt Dvaraka, wo Ankura lebte, fort in die Stadt Bheruva. Dort heiratete
er die Tochter eines Schneiders und übte selbst den Schneiderberuf aus. In
Bheruva lebte damals ein reicher Gildemeister namens Asayha-mahā-setthi,
der für seine Freigebigkeit an Asketen und Bettler usw. berühmt war. Der Schneider
zeigte allen, die nach jenem fragten, freudig den Weg zu dessen Haus, wie in
den Versen berichtet wird. Als er gestorben war, wurde er als eine Baumgottheit
wiedergeboren, und zwar in einer Wüste. Dort stand ein mächtiger Banyanbaum,
in dem er wohnte. Nicht weit von ihm lebte ein Peta, der auf Erden der Aufseher
über die Spenden Asayhas gewesen war, selber aber ungläubig gewesen war. Er erschien
Ankura später. Als Asayha starb, gelangte er in den Kreis des Götterkönigs
Sakko bei den Göttern der Dreiunddreißig.
Ankura bereitete eines Tages zusammen mit
einem Brahmanen eine Wagenkarawane vor. Sie luden ihre Waren auf viele Wagen
und wollten in der Ferne Handel treiben. In einer Wüste verirrten sie sich.
Nachdem sie mehrere Tage umhergeirrt waren, ging Gras, Wasser und Essen auf die
Neige. Als die Baumgottheit dies sah, dachte sie an das Gute, das Ankura ihr
früher getan hatte, und sie wies der Karawane den Weg zu dem Banyanbaum. Dort
schlugen sie im dichten Schatten ihr Lager auf, und die Gottheit zeigte ihnen
Wasser und verschaffte ihnen dank ihrer magischen Macht auch reichlich Nahrung.
Der Geschäftsfreund Ankuras aber dachte: Wenn wir diesen mächtigen Baum fällen,
dann haben wir genug zum Verdienen und brauchen nicht in die Ferne zu ziehen,
sondern können heimkehren. So sprach er:
I.
Kaufmann: Wenn wir jetzt nach Kamboja ziehn,
um Reichtum zu erwerben dort,
den Yakkha, der uns Wünsch
erfüllt,
den Yakkha woll'n wir nehmen
mit. (257)
Den Yakkha woll'n ergreifen
wir
im Guten oder mit Gewalt,
ihn auf den Wagen legen dann
und schnell nach Dvāraka so fahrn. (258)
Ankura: Vom Baum, in dessen Schatten man
hier sitzen oder liegen kann,
soll keinen Zweig man brechen
ab,
ein Freundverräter wäre man,
bös. (259)
Kaufmann: Der Baum, in dessen Schatten man
hier sitzen oder liegen kann,
dürft fällen man an seinem
Stamm,
falls dies von einem Nutzen
wär. (260)
Ankura: Vom Baum, in dessen Schatten man
hier sitzen oder liegen kann,
soll man kein Blatt selbst
reißen ab,