Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

218. Die Erzählung von dem betrügerischen Kaufmann (Kutavanija-Jatika) [1]

„Dem Falschen ist mit Falschheit“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen betrügerischen Kaufmann. Zwei Kaufleute nämlich, die zu Savatthi wohnten, ein betrügerischer und ein weiser, hatten sich zusammengetan und fünfhundert Wagen mit Waren gefüllt, mit denen sie von Osten nach Westen ziehend Handel trieben. Mit großem Gewinn kehrten sie nach Benares zurück. Der weise Kaufmann sprach nun zu dem betrügerischen: „Freund, wir wollen die Ware teilen [2].“ Der betrügerische Kaufmann aber dachte: „Dieser ist durch das schlechte Lager und das schlechte Essen während der langen Zeit geschwächt; wenn er in seinem Hause äußerst wohlschmeckende Speise genießen wird, so wird er an Verdauungsstörung sterben. Dann aber wird diese ganze Ware mir allein gehören.“ Und er zog die Zeit hinaus, indem er sagte: „Die Konstellation ist nicht günstig, der Tag ist nicht günstig; morgen werden wir sehen, am nächsten Tage werden wir sehen.“

Der weise Kaufmann aber drängte ihn und veranlasste ihn zur Teilung. Dann begab er sich mit wohlriechenden Substanzen und mit Kränzen zum Meister hin, bezeigte dem Meister seine Verehrung, begrüßte ihn und setzte sich ihm zur Seite. Der Meister fragte ihn: „Wann bist du zurückgekommen?“ Als jener erwiderte: „Ein halber Monat ist verflossen, seit ich zurückkehrte, Herr“, fragte der Meister weiter: „Warum bist du so verspätet zur Buddha-Aufwartung gekommen?“ Darauf berichtete ihm jener die Begebenheit. Jetzt sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, o Laienbruder, sondern auch früher schon war dieser ein betrügerischer Kaufmann.“ Und er erzählte, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Ministerfamilie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, wurde er der Gerichtsvorsteher. — Damals nun waren zwei Kaufleute miteinander befreundet, von denen der eine im Dorfe, der andere in der Stadt wohnte. Der im Dorfe Wohnende gab dem in der Stadt Wohnenden fünfhundert Pflugscharen [3] zur Aufbewahrung. Dieser verkaufte die Pflugscharen und erhielt den Preis dafür; an die Stelle aber, wo die Pflugscharen gelegen hatten, streute er Mäusekot. — Zu einer anderen Zeit kam der Dorfbewohner und sagte: „Gib mir meine Pflugschar.“ Der betrügerische Kaufmann erwiderte: „Deine Pflugscharen sind von den Mäusen gefressen worden“, und zeigte ihm den Mäusekot. Der andere versetzte: „Gut, sollen sie gefressen sein; wenn sie von Mäusen gefressen sind, was kann man da tun [4]?“

Darauf ging er, um zu baden, mit dem Sohne von jenem fort. Er begab sich nach dem Hause eines Freundes, sagte diesem: „Lasst diesen nirgendwohin gehen“ und ließ den Knaben in dessen Schlafgemach bleiben. Er selbst badete und ging dann in das Haus des betrügerischen Kaufmanns. Dieser sagte: „Wo ist mein Sohn?“ Jener erwiderte: „Freund, als ich deinen Sohn am Ufer gelassen und selbst ins Wasser hineingetaucht war, kam ein Habicht, fasste deinen Knaben mit seinen ausgebreiteten Krallen [5] und flog in die Luft empor. Ich schlug in die Hände und schrie, konnte aber trotz meiner Anstrengungen ihn nicht befreien.“

Der andere rief: „Du lügst; ein Habicht ist doch nicht im Stande, Knaben mit sich fortzunehmen.“ „Mag dies sein, Freund; auch wenn es so nicht in der Ordnung ist, was soll ich da tun? Ein Habicht hat deinen Sohn mitgenommen.“ Darauf bedrohte ihn der andere und mit den Worten: „Holla, du böser Räuber, du Menschenmörder, jetzt werde ich zum Gericht gehen und dich dorthin schleifen lassen“, verließ er das Haus. Jener sagte: „Tue nur, was dir gefällt“, und ging mit ihm nach der Gerichtsstätte.

Hier sprach der betrügerische Kaufmann zum Bodhisattva: „Dieser, o Herr, ist mit meinem Sohn zum Baden gegangen, und als ich ihn fragte: ‘Wo ist mein Sohn?’, sagte er: ‘Ein Habicht hat ihn entführt.’ Entscheidet meine Sache!“ Der Bodhisattva fragte den anderen: „Spricht er die Wahrheit?“ Dieser erwiderte: „Ja, Herr, ich bin mit ihm fort gegangen und es ist wahr, dass ihn ein Habicht fort getragen hat.“ „Wie aber können in aller Welt Habichte Knaben forttragen?“ „Herr, ich frage Euch auch: Habichte können Knaben nicht durch die Luft mit sich nehmen; können aber Mäuse eherne Pflugscharen fressen?“ „Was ist das?“ fragte der Bodhisattva. „Herr, ich habe in dem Hause dieses Mannes fünfhundert Pflugscharen aufgehoben; er aber sagte: ‘Deine Pflugscharen sind von den Mäusen aufgefressen worden’, und zeigte mir: ‘Dies ist der Kot der Mäuse, die deine Pflugscharen auffraßen.’ Herr, wenn Mäuse Pflugscharen fressen, dann können auch Habichte Knaben forttragen; wenn sie dieselben aber nicht fressen können, dann können auch nicht die Habichte Knaben forttragen. Dieser aber sagte: ‘Deine Pflugscharen sind von den Mäusen gefressen worden.’ Suchet zu erkennen, ob sie gefressen oder nicht gefressen wurden; entscheidet meine Sache!“

Der Bodhisattva merkte: „Jener wird gedacht haben: ‘Wenn ich gegen den Betrüger einen Gegenbetrug anwende, werde ich siegen.’“ Er sagte: „Gut hast du dies ausgedacht“, und sprach folgende Strophen:

§1. „Dem Falschen ist mit Falschheit gut vergolten,

betrogen wurde wieder der Betrüger.

Wenn Mäuse die Pflugscharen fressen können,

warum kann Knaben nicht ein Habicht rauben?

 

§2. Den Falschen wieder täuschen andre Falsche

und der Betrüger wird durch Trug besiegt.

Gib um des Sohnes willen her die Pflugschar,

dass nicht die Pflugschar dich des Sohns beraube.“

So erhielt der, welcher den Sohn verloren hatte, seinen Sohn und der, welcher die Pflugschar verloren, seine Pflugschar zurück und sie beide gelangten an den Ort ihrer Bestimmung.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Der damalige betrügerische Kaufmann war auch der jetzige betrügerische Kaufmann, der weise Kaufmann war ebenfalls derselbe, der Vorsteher des Gerichts aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem betrügerischen Kaufmann


[1] Vgl. die ganz ähnliche Vorgeschichte zum 98. Jataka.

[2] Sie hatten auf ihrer Reise Tauschhandel getrieben.

[3] Rouse macht darauf aufmerksam, dass später in der Erzählung selbst und in der Strophe nur von einer Pflugschar die Rede ist.

[4] Oder auch: „Was soll man mit Pflugscharen anfangen, die von Mäusen gefressen sind?“, in Anlehnung an den indischen Aberglauben, dass Mäusebiss Unglück bringe. Vgl. Jataka 87.

[5] Wörtlich: „mit dem Gitterwerk seiner Krallen“.


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